Die westliche Welt ist offenbar eingenickt: Klimawandel? Langweilig. So seltsam das ist, noch mehr erstaunt der Zeitpunkt: als würde man mit dem Auto auf eine Wand zurasen und dann, statt auf die Bremse zu treten, plötzlich in den Schlaf sinken. In vielen Ländern fürchten sich sogenannte besorgte Bürger vor einer Überfremdung, aber nicht vor der Überhitzung des Planeten, die längst Realität ist. Man hat Angst, irgendwelche Traditionen, die wie der Weihnachtsmann meist gerade erst erfunden wurden, könnten durch die derzeitigen Migrationsbewegungen verloren gehen. Dabei geht längst ganz anderes verloren: Unzählige Lebensformen, die in einem Zeitraum von 65 Millionen Jahren entstanden sind, werden zurzeit ausgelöscht. Durch extreme Wetterlagen wie Dürre, Taifune, Überschwemmungen sterben vor allem auf auf der südlichen Halbkugel Tausende Menschen und Hunderttausende ergreifen die Flucht.

In der deutschen Debatte ist der Klimawandel aber nur eine Randnotiz. Fast jede zweite Talkshow beschäftigt sich mit dem Islam-Komplex, über die Erderwärmung oder den Ausstieg aus der fossilen Energie wird in diesem populären Medienformat aber seit Jahren kaum noch gestritten. Das Thema könnte relevanter nicht sein, gerade jetzt, da die USA unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten sind; gerade jetzt, da absehbar wird, dass sich das vereinbarte Ziel, den globalen Temperaturanstieg weltweit unter zwei Grad zu halten, kaum noch erreichen lässt. 

Lauter falsche Gründe, nicht darüber zu reden

Nun wird man einwenden, dass der Klimawandel zu abstrakt sei, um in den Zeitungen, im Fernsehen oder im Wahlkampf konkret diskutiert zu werden; man wird zu bedenken geben, dass die von ihm verursachten Schäden Deutschland noch nicht erreicht haben und die Bedrohung noch zu fern und unsicher erscheine. Vor allem aber wird man sagen, dass der Klimawandel ein globales Phänomen sei, das sich nur mittels globaler Kooperation in den Griff bekommen lasse.

Doch diese drei Einwände haben eins gemeinsam: Sie sind grundlegend falsch.

Zum ersten Einwand: Dass der Klimawandel derzeit viele Menschen kaum aufregt, sagt wenig über das Thema aus, viel aber über die Medien. Erst durch sie definiert die Gesellschaft, was wichtig und was unwesentlich ist. "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", schrieb der Systemtheoretiker Niklas Luhmann: Wenn der Klimawandel also nicht als die Hauptkrise unserer Zeit gesehen wird und wenn seine Erwähnung nur gelangweiltes Schulterzucken hervorruft, dann liegt das überwiegend daran, dass die Massenmedien die nachgeordnete Migrationsfrage als wichtiger und realer präsentieren. Wenn das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz damit endet, dass sie sich zeitlich gesehen zu 31 Prozent mit Abschiebung befasst haben und zu null Prozent mit dem Klimawandel, dann liegt das nicht in der Natur der Sache, sondern erklärt sich durch die mediale Konstruktion unserer Realität.

Der Wandel betrifft uns direkt

Wie heikel das ist, zeigte sich zuletzt im Wahlkampf der USA. Nachweislich sind durch Stürme und Überschwemmungen, deren Wahrscheinlichkeit durch die Erderwärmung wächst, in den letzten Jahren mehr Menschen getötet worden als durch islamistische Attentate. Trotzdem drehte sich der Wahlkampf medial komplett um das Thema Terrorismus, Integration und Islam, wie eine Studie der Universität Harvard kürzlich eindrucksvoll dokumentierte. Das war selbst in der Berichterstattung über Clinton der Fall, die eigentlich in ihrem Wahlprogramm viel zum Thema Klimawandel zu sagen hatte. Seither hat die konstruierte mediale Realität, dass die Klimakrise zu vernachlässigen sei, mit der Wahl Trumps und dessen Ausstieg aus dem Pariser Abkommen ganz neue Realitäten geschaffen.

Zum zweiten Einwand: Ist die vom Klimawandel ausgehende Bedrohung in Deutschland noch zu fern und unsicher, als dass sie zum dominanten politischen Thema werden könnte? Wer das glaubt, übersieht, wie der Klimawandel schon jetzt bei uns angekommen ist. Nicht nur durch extreme Hitzeperioden, milde Winter und ungewöhnlich starke Regenfälle. Entscheidend ist vielmehr, dass die Welt durch die gestiegene Mobilität, Kommunikation und wirtschaftliche Verflechtungen tatsächlich zum Dorf geworden ist. Was unsere Nachbarn betrifft, betrifft auch uns.