Die Bundesanwaltschaft fordert im NSU-Prozess eine lebenslange Haftstrafe für Beate Zschäpe. Außerdem Sicherungsverwahrung, was bedeutet, dass sie nie wieder als freier Mensch leben darf.

Wie gerne wüsste man, ob sie tief in ihrem Inneren findet, ob es sich gelohnt hat. All die Jahre im Untergrund und gemessen daran, die wenige Ausbeute. Neun Türken (den Griechen Theodoros Boulgarides zählten sie versehentlich zu dieser Volksgruppe), jedenfalls so wenig Tote gemessen daran, dass noch weitere dreieinhalb Millionen Türken leben. Wobei der wesentlich präzisere Ausdruck statt Türken Bürger der Bundesrepublik lautet.

Wie lebt es sich damit, dass man in seinem Leben ganz woanders stehen könnte, wenn man nicht gemeint hätte, dass man persönlich verantwortlich sei für den "Erhalt der deutschen Nation", was das vorrangige Motiv der Morde ist. So stand es im NSU-Bekennervideo, für jedermann verständlich, schön schlicht formuliert: "Steh zu deinem Volk, steh zu deinem Land."

Es gibt auch außerhalb des radikal rechten Spektrums Menschen, die dieser Ansicht zustimmen würden. Nicht den Morden, aber dem Bekenntnis, dass das deutsche Volk eine zu schützende Gruppe sei.

Wer genau ist das deutsche Volk? Vermutlich wird auch Beate Zschäpe keine geistreiche Antwort darauf haben. Aber man wüsste gerne, was genau diese Unruhe auslöste. Was genau das Ziel war? Wann Schluss gewesen wäre mit den Morden und Anschlägen? Und wer nach den Türken fällig werden sollte.    

Es gibt in der Angelegenheit des NSU eine immer wieder geäußerte Kritik, und sie wird ganz sicher bis in alle Ewigkeit nicht verstummen, zu Recht. Nämlich, dass dieser Prozess sich zu keinem Zeitpunkt für neonazistische Strukturen interessierte, sondern um die Schuldfrage der fünf Angeklagten kreiste. Was juristisch natürlich sofort nachvollziehbar ist. 

Es kann keine Frage von Glück und Zufall sein

Nicht plausibel aber ist, dass die Bundesanwaltschaft meint, dass Beate Zschäpe "ein Drittel eines verschworenen Triumvirats" darstelle. Das bedeutet, dass die Bundesrepublik den NSU damit als abgehakt betrachtet. Der NSU, das wären demzufolge zwei Tote und eine, die lebenslänglich einsitzt. Prozess zu Ende, NSU fertig, aus.

Die Aufforderung "Interessiert euch für die Strukturen, für weitere Mittäter, hebt das ganze Netzwerk aus" wurde seit dem Tag, als der NSU enttarnt war, immer und immer wieder geäußert und begründet. Nicht nur von Opferangehörigen, von Vertretern der Nebenkläger, auch von Journalisten und einer politisch interessierten Zivilgesellschaft. Schon allein aus Selbstschutz. Immer wieder werden Mitbürger angegriffen und sogar getötet. Und wieder laufen Eltern mit Plakaten durch ihre Stadt und betteln darum, dass im rechtsextremen Milieu ermittelt werden soll.

Kann es sein, dass Neonazis einfach nur Glück hatten, dass über ein Jahrzehnt hinweg der gesamte Apparat eines Rechtsstaates über Parteigrenzen hinweg in Form von Judikative, Legislative und Exekutive bei toten Mitbürgern migrantischer Herkunft zu keinem Zeitpunkt gezielt in rechtsextremen Kreisen nach Tätern suchte? Genau. Das kann kaum eine Frage von Glück und Zufall sein. 

Es gibt jenseits der Frage, ob der NSU ein Netzwerk ist, das aktuell noch existiert und weiter Straftaten verübt, und auch jenseits der Frage, ob Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden in diese Taten involviert und verstrickt sind, eine weitere Dimension, die beunruhigt. Nämlich die aggressive Abwesenheit von Interesse, die es braucht, um einen Mord aufzuklären.