Die Mädels vom Immenhof (Wolfgang Schleif, D, 1955) und ihre Nachfolger begleiten mich seit meiner Kindheit, erst auf einer alten VHS, heute in einer rosafarbenen DVD-Box in meinem Filmregal. Die "Trippel Trappel, Pony..."-singenden Angelika Meissner und Heidi Brühl sind für mich das Sinnbild der pferdeliebenden – und deshalb freien, reinen und glücklichen – Mädchen im Film. Ich schaue sie, obwohl ich Bescheid weiß über die geschönte Vertreibungs- und Flüchtlingsthematik in den Heimatfilmen der heile-Welt-süchtigen Nachkriegszeit, über die Angst vor dem Fremdem und den Hang zur weiblichen Domestizierung. Für eine Filmlänge kann man sich auf ein Wunschszenario einlassen: Das Leben ist ein Ponyhof und hier wird alles gut.

Jennifer Borrmann lebt mit ihrer Familie in Berlin, wo sie als Filmkritikerin v. a. für "Filmdienst" und "ray Filmmagazin", Kuratorin und Filmvorführerin arbeitet. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und ist Autorin einer Biografie über den Filmkritiker und Journalisten Manfred George. © privat

Die Filmgeschichte ist voll von Werken, die mit dem Topos des pferdeliebenden weiblichen Wesens fragwürdige Idealvorstellungen von Weiblichkeit bis hin zu kaum verschlüsselten Männerfantasien präsentieren. Man denke nur an Kristina Söderbaum, die vom eigenen Ehemann Veit Harlan für Opfergang 1944 auf einem ungesattelten Schimmel inszeniert wurde. Da scheint der Weg nicht weit bis zu Joe D'Amatos Black Emanuelle – Stunden wilder Lust (1976) mit seiner Zoophilie-Szene. Nun hat Sodomie in jugendfreien Filmen selbstredend keinen Platz, und so werden entsprechende Fantasien in naive Metaphern gepresst, die jedoch nicht allzu schwer zu entschlüsseln sind – siehe die nahezu nackt reitende und zur Jagdgöttin stilisierte Söderbaum auf ihrem tierischen Freund. Dahinter steckt die Vorstellung, dass eine Frau nicht ohne Mann sein kann. Und sobald dieser fehlt – sei es durch den Kriegseinsatz oder weil ein junges Mädchen ganz einfach noch sexuell uninteressiert ist – dient das Tier als Ersatz für das abwesende Maskuline.

Dazu passen die inneren Werte, die Pferdefilme missverständlich für typisch weibliche halten und im Wesen des Pferds widerspiegeln: Ist das Mädchen Einzelgängerin, verschlossen, verletzt, so ist das Pferd unzugänglich, unreitbar und zähmungsbedürftig. Trifft das Mädchen auf ein solches Pferd, befördert das Tier die positiven Eigenschaften des Mädchens wie Mut, Gerechtigkeitssinn, Tapferkeit und Selbstbewusstsein. Diesen Coming-of-age-Geschichten liegt die Annahme zugrunde, dass Mädchen und Frauen gezähmt werden sollen und können – eine ebenso kitschige wie reaktionäre Rollenzuschreibung.

Mädchen und Frauen in Pferdefilmen werden allzu leichtfertig in Stereotype gezwungen, um, wie die Pferde selbst, domestiziert zu werden. Das ist heute kaum anderes als bei der wilden Zirkusreiterin Nora, die in Grün ist die Heide (1951) eigentlich auswandern will, am Ende aber doch noch vom Amtsrichter eingefangen wird. Auch die von der damals 13-jährigen Scarlett Johansson verkörperte Grace in Der Pferdeflüsterer (1998) oder die drogenabhängige Ashley in Saving Winston (2011) werden – entsprechend alter gesellschaftlicher Normen und Moralvorstellungen – als geheilt ins Happy End entlassen.

Ein Ende dieser Stereotypisierung scheint nicht absehbar. Anfang des Jahres kam Wendy – Der Film in die Kinos. Im Juli ist bereits der dritte Teil von Ostwind gestartet und kommenden Donnerstag läuft Rock my Heart – Mein wildes Herz an. Das Erzählprinzip ist stets dasselbe: In Parallelmontagen werden die Geschichte von Pferd oder Reiterhof auf der einen und die des Mädchens auf der anderen Seite erzählt, bis sie sich beide verknüpfen und im traumhaft Guten enden. Die oft als schwierig eingeführten Mädchen entpuppen sich als Pferdeflüsterinnen, die sehr wohl über die ihrem Geschlecht zugeschriebenen natürlichen Begabungen für Nächstenliebe und Güte besitzen.

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Immer noch wird bei Pferdefilmen auf das Rezept gesetzt: Je formelhafter die Klischees zu Frau und Pferd, desto erfolgreicher der Film. Und die Filmreihen folgen dem Gesetz des Seriellen, variieren allenfalls die selbst gesetzten Muster, ersetzen sie aber nie. Zeitgemäße, also wandelbare Darstellungen des Femininen bleiben Makulatur.

Dabei gibt es Ausnahmen im Genre. The Rider von Chloé Zhao beispielsweise. Der amerikanische Film, der kommendes Jahr in Deutschland anlaufen soll, legt seinen Fokus jedoch auf die Beziehung zwischen Mann und Pferd. Anders als in den meisten Frauen-Pferd-Filmen werden Gender-Ideale – hier eben männliche – infrage gestellt, anstatt sie mit Zuschreibungen zu unterfüttern. Ein weiterer Lichtblick ist Von Mädchen und Pferden (2014) der deutschen Regisseurin Monika Treut, die sich durch ihre früheren Arbeiten im New Queer Cinema einen Namen gemacht hat. Sie spielt in ihrem Pferdefilm mit den alten Klischees und verknüpft sie gekonnt mit einem queeren Thema. Darüber hinaus verbindet die Inszenierung Treuts das im Pferdefilm kultivierte Frauenbild mit der (film-)historischen Emanzipationsbewegung der 1968er- und 1970er-Jahre. Eine denkwürdige cineastische Melange. Indem sie das heterosexuelle Element gänzlich entfernt und die Hauptdarstellerinnen erfrischend anders zeichnet, nämlich ganz einfach lesbisch, wird das heterosexualisierte Bild der Idealfrau infrage gestellt. Auf eine ganz banale Art und Weise. Das jedoch ist in diesem Kontext schon revolutionär. Mehr davon!