Am letzten Tag des Urlaubs saß ich am Strand, rauchte zwei oder drei Zigaretten und versuchte, mir das Meer abzugewöhnen.

Ach, Berlin, nahm ich mir vor zu denken, Berlin hat doch auch ganz schöne Ecken. Wo genau die noch mal sind, fiel mir leider nicht ein. Was mir aber durchaus einfiel, war der Gestank, den die U-Bahn bei ihrer Einfahrt aus dem Tunnel herausdrückt, ein Bürgeramt am einem Montagmorgen im November und der Geschmack eines Kaffees aus einem Automaten am Kottbusser Tor. Mir fiel die Grippewelle ein, der strichförmige Mund des Regierenden Bürgermeisters und das Geräusch von Laubbläsern auf öffentlichen Grünflächen. Ach, Berlin, dachte ich, verdammt: Berlin.

Die Möwen, die im Abendlicht über dem Strand schwebten, lachten über mich, beinah mitleidig, wie ich fand. Und wer Möwen kennt, wird wissen, wie tief unten jemand angekommen sein muss, um ihr Mitleid zu erregen.

Der letzte Tag des Urlaubs ist für mich der schlimmste im Jahr. Er ist die heillose Übertreibung eines Sonntags, der vor lauter Nähe zum Montag selbst schon ein Montag ist. Er ist der Tag der nassen Handtücher, die nicht mehr trocknen wollen, der Tag der gähnenden Koffer, der Tag, an dem sich nichts mehr lohnt, der Tag, an dem gegessen wird, was noch da ist. Der Tag, an dem vorbeigeht, was nicht vorbeigehen darf.

Der letzte Tag des Urlaubs ist das Letzte.

Während ich dasaß und rauchte, fuhr die Promenade entlang auf geliehenen Rädern ein Ehepaar im Partnerlook. Wie schön, sagte sie zu ihm, dass wir das noch mitgenommen haben. Sie meinte wohl den Sonnenuntergang, es schien auch ihr letzter Abend zu sein, er pfiff, wie es Männer seines Alters zu tun pflegen, stumm und seltsam vergnügt vor sich hin.

Ich empfand mit einem Mal so etwas wie Neid auf sie. Wie geht das bloß, dachte ich, wie machen die das: den Sonnenuntergang mitnehmen? Nehmen diese Leute ihn mit, wie sie ein Andenken mitnehmen, einen Seehund aus Marzipan, einen Regionalkrimi oder einen Kalender mit Dünenmotiven? Und können sie diesen Sonnenuntergang dann wieder ablaufen lassen, wann immer sie wollen, auch dann, wenn die Sonne gar nicht erst aufgeht über Paderborn, Gießen oder Rüppurr bei Karlsruhe?

Und noch Wochen lang rieselt der Sand aus den Schuhen

Ich hingegen nehme immer nur Sand mit, der mir noch Wochen später aus den Schuhen rieselt, und empfinde das als entsetzliche Zumutung. Was fällt dem Schicksal ein, mir diese paar Körner auf den Teppich zu kippen, als wollte es sagen: Erinnerst du dich an die herrlichen drei Wochen, als du nicht erkältet warst, als du keine Termine hattest und als die einzige Information, die du verarbeiten musstest, die mit Kreide auf eine Tafel am Bademeisterhäuschen geschrieben Wassertemperatur war?

In der ersten Hälfte des Urlaubs bekomme ich vom sogenannten Weltgeschehen nur etwas mit, wenn ich zufällig die Schlagzeile einer Zeitung lese, die ein immer Liegestuhl schlafender Rentner sich aufs Gesicht gelegt hat. Schon nach kurzer Zeit klingt der Name Dobrindt wie der eines längst ausgestorbenen Säugetiers. Die Last des Bescheidwissenmüssens fällt von mir ab, ich lese seichte Romane und verwahrlose zum Urlauber, einem Mann, der in kurzen Hosen ein Restaurant betritt. Ich begrüße das vollends. In dieser ersten Hälfte bin ich ein wahrer Champion der Erholung.

Doch dann, immer genau am zehnten Tag, einem noch unerforschten Naturgesetz folgend, ruft irgendwer unter irgendeinem Vorwand an, um mir am Ende des Telefonats den immer gleichen Satz reinzudrücken: Na, bald geht’s ja auch schon wieder nach Hause, was?

Ab da ziehe ich mir wieder was Anständiges an, wenn ich ein Restaurant betrete. Ab da lese ich wieder Zeitung. Ab da beginne ich rückwärts zu zählen. Ab da steuert alles auf den letzten Tag zu.

Das Meer selbst kennt keine letzten Tage. Es wurde, während ich an jenem Abend dasaß und rauchte, mit der Zeit nur immer schöner, unnahbarer und gleichgültiger. Das schien seine Antwort zu sein auf meinen verzweifelten Schwur, nie mehr wiederzukommen, weil ich den Abschied einfach nicht ertragen kann: Na, dann bleib doch weg, Mensch, wollte es mir sagen, ich kann auch ohne dich sein. Dazu ließ es die Wellen heran rollen, auf so ungleichmäßige Weise gleichmäßig wie das Metrum eines unendlichen Gedichts, in dem ich nicht vorkomme.

Ich lief dann langsam und theatralisch zurück zur Wohnung, wo meine Kinder bereits damit begonnen hatten, die Luft aus ihrem aufblasbaren Delfin zu pressen. Ich fand das, um ehrlich zu sein, ein wenig unsensibel, verzichtete aber auf eine Belehrung. Ich sah meiner Frau noch geraume Zeit dabei zu, wie sie aus dem deprimierenden Chaos eine einigermaßen tröstliche Ordnung formte, bewunderte ihren unerschütterlichen Lebensmut und fühlte doch nur den Drang in mir aufsteigen, alles einfach wegzuschmeißen, die nassen Handtücher, die überall herumhingen wie gebrochene Versprechen, und die Schuhe, aus denen noch Wochen später der verdammte Sand rieseln würde.

Ich stieß einen gähnenden Koffer vom Bett und legte mich hin, erschöpft wie lange nicht. Es wäre das einzig Vernünftige, dachte ich, gar nicht mehr zu verreisen. Einfach im Trott zu bleiben, wie dieser Sisyphos, ab und an in die Sauna zu gehen oder ins Kino und mir mich selbst als glücklichen Menschen vorzustellen.

Ich dachte daran, wie wir am nächsten Tag heimfahren würden, wie im Autoradio plötzlich wieder Lokalnachrichten auftauchen würden wie Funksprüche eines verirrten Flugzeugs und wie es, sobald wir die Stadtgrenze überquert hätten, Herbst werden würde gegen meinen Willen. Ich dachte an Kastanienmännchen und Glühweinduft am Alexanderplatz.

Dann stand ich wieder auf und ging noch einmal zurück zum Meer.