Es gab mal eine Zeit, da galt die Frage "Wie geht es Ihnen?" als ziemlich amerikanisch. Wie es einem ging, das ging doch niemanden etwas an, und außerdem konnte das Interesse daran nur vorgespielt sein. Aber wir haben uns locker gemacht. Wir nehmen die Frage, die eigentlich eine Art verlängerter Gruß ist, gerne an, und meistens antworten wir, dass es uns gut geht. So sehen das offenbar auch die Leserinnen und Leser von ZEIT ONLINE. 

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Eine Million Menschen haben seit dem März an unserer Befragung teilgenommen, und immer antworteten 60 bis 75 Prozent mit "gut". Schlimme Pessimisten könnten behaupten, dass so viel Wohlbefinden wiederum nur vorgespielt sein kann. Aber sie haben nicht verstanden, was Sprache mit uns macht: Wenn wir sagen, es geht uns gut, dann fühlen wir uns gleich ein bisschen besser.

Wir wollten es allerdings genauer wissen und haben unseren Lesern eine Liste mit rund 6.000 Adjektiven vorgeschlagen, aus denen sie außerdem noch wählen konnten. Entspannt, zufrieden, müde, krank und glücklich, das waren die fünf häufigsten. Etwa 4.500 Adjektive haben unsere Leserinnen und Leser erfunden. Und da gibt es schon ein paar komplexe Fälle.

Was war mit Lesern los, die sich mümmelig, hamsterradig oder verkatzt gefühlt haben? Wer so von sich spricht, der spürt das Tier in sich, was nicht unbedingt ein unangenehmes, aber auch nicht zwangsläufig ein angenehmes Gefühl bedeuten muss. Elefantöse Menschen tragen etwas Komatöses mit sich herum, strahlen aber auch Größe und Gelassenheit aus. Elefantastische sind wahrscheinlich schwer von sich überzeugt, könnten aber auch unrealistisch große Ohren haben. Wer sich lurchig fühlt, der kommt bestimmt gut durchs Leben. Aber ein Lurch sein, das will man dann doch irgendwie nicht.

Die Lieblingsadjektive der Redaktion

  1. untersommert
  2. netgeflixt
  3. verföhnt
  4. mittelerfolgreich
  5. freiheitstrunken
  6. zerlacht
  7. ausgeglüht
  8. verbosbacht
  9. puffelig
  10. pralinisiert
  11. aperolspritzig
  12. zerrupft
  13. weltfreundlich
  14. pflichtenlos
  15. brexitös

Zustände, die mit Nahrungsaufnahme zu tun haben, sind da eindeutiger. Wer sich erdbeergeil, amphetamingeladen, lebensverkatert oder schlicht überfressen fühlt, der weiß ziemlich genau, wo seine Reise hingehen soll beziehungsweise wo das Völlegefühl hergekommen ist, das die Reise beendet hat. Migranöse, arthrosige oder auch magenschmerzengeplagte Menschen reizen die Möglichkeiten der deutschen Sprache aus, um mal zu sagen, warum es ihnen nicht gut geht. Wer sich als vorneweg, tanzbar, carpediemisiert oder sogar reitlustig bezeichnet, dem braucht man gar keinen schönen Tag mehr zu wünschen, denn er hat sowieso einen. Lauffreudige oder funktionsbereite Menschen sind auch gut drauf, haben aber eine utilitaristische Lebenseinstellung. 

Die größten Schwierigkeiten bei der Auswertung der Leserbefindlichkeiten bereitet nicht die Wortkreativität, sondern die Autokorrektur des Schreibprogramms. Aus dem schönen verliebeskummert macht sie verliebeiskummert. Aus liebesdürstig wird liebesdürftig, und wenn man sich mit solchen Gefühlen mal ganz grundsätzlich auseinandergesetzt hat, dann ist man plötzlich nicht mehr austherapiert, sondern aastherapiert. Abgründe tun sich auf, man möchte lieber nicht in sie hinunterblicken. Wäre das nicht auch viel zu schulzig? Fühlte man sich daraufhin nicht ausgemerkelt, abgemerkelt, ja geradezu merkelhaft? 

Am 6. Juni um 10.40 Uhr, sieben Minuten nachdem sich jemand als unendlichsehnsuchtstraurig beschrieben hatte, nannte der oder die nächste NutzerIn sich europäischhoffnungsvoll. Vielleicht handelte es sich da um ein und dieselbe Person. Wir können nicht rekonstruieren, was in diesen sieben Minuten passiert ist. Wo liegt das eigentlich, Europäisch-Hoffnungsvoll? Irgendwo zwischen Hessisch Lichtenau, Preußisch Oldendorf und Schwäbisch Gmünd? Jedenfalls an einem Ort, der das Klischee vom deutschdepressiven Miesepeter weit hinter sich gelassen hat.