Die drängendste Frage nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz ist die nach dem Sieger. Die traurigste Antwort lautet: Verloren hat ein Journalismus, wie Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat.1) ihn repräsentieren. Wenn im Vorfeld, auch von den Moderatoren, die strengen Regularien betont wurden, die Merkel im Wissen um ihre Exklusivität für den Schlagabtausch diktiert hat (nur ein Aufeinandertreffen, ständig wechselnde Befragung durch alle Viere), dann kennen Maischberger und Illner ihre eigenen Talkshows offenbar schlecht: In diesen Runden ist die Struktur des Redens über Politik kaum freier. Die knappen, diskursiv erwartbaren Performances von vier bis sechs Opponenten, die – wie Maischberger zuletzt nach dem Bosbach-Abgang so offenherzig erklärte – nach Maßgabe der "Parität" zusammengesetzt werden, ereignen sich als kurzatmiges Hin und Her. Sie werden kanalisiert durch einen zuvor erarbeiteten Aufbau, um entsprechend von Themenwechseln, vorgefertigten Einspielfilmen oder dem Bericht von Zuschauerreaktionen unterbrochen zu werden. Oder den Beifallsbekundungen eines sinnlosen, weil nur illustrativen Studiopublikums. Die Fragen folgen dem Zettel, nicht dem sich entwickelnden Gespräch.

Das alles hat den Vorteil, dass sich die Maischbergers, Illners und Plasbergs genauso sicher fühlen können wie jetzt die Bundeskanzlerin, gerade nicht mit überraschenden, komplexeren Argumentationen belästigt zu werden. Nicht in die Gefahr zu kommen, einen politischen Streit verwalten zu müssen, der über allbekannte Statements hinausgeht.

Dreistigkeit gilt als kritische Distanz

Dass sich die Moderatoren ihrer eigenen Entfremdung von einem wirklichen Gespräch über Politik nicht bewusst sind (und damit den Möglichkeiten ihrer Position), hatte Maischberger vor dem TV-Duell in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu erkennen gegeben. Angesprochen auf das Problem von vier konkurrierenden Fragenden, sagte die ARD-Journalistin: "Würden wir rivalisieren, wäre das eine völlige Fehlinterpretation unserer Rolle. Um uns geht es nicht."

Dabei hätte noch nicht einmal einer der Sender auf seinen Mitarbeiter verzichten müssen, um Merkels Bedingungen clever zu torpedieren. Es hätte ausgereicht, wenn die Vier ihre Sprechzeiten strategisch so aufgeteilt hätten, dass trotz des steten Wechsels ein politischer Gedanke über drei, vier, fünf Fragen hätte entwickelt werden können (wie es die YouTuber gegenüber Merkel versucht hatten).

Stattdessen firmiert als Ausweis kritischer Distanz, den Politikern ein möglichst dreistes Statement hinzurotzen wie Peter Kloeppel gleich zu Beginn, als er Schulz dessen Umfragewerte vorhielt, vergiftet mit zwei willkürlichen Unterstellungen ("Liegt es daran, dass Sie bei vielen Bürgern doch noch ziemlich unbekannt sind oder liegt es daran, dass Sie keine Regierungserfahrung haben?"). Mal abgesehen davon, dass es schon gesprächspsychologisch bescheuert ist, so aggressiv in eine Diskussion zu gehen: Die als Frage getarnte Meinung sucht gar keine Antwort (sondern einzig den Beifall des schlichtest imaginierten Zuschauers: "Geil, ey, der Peter traut sich was").

Bundestagswahl - Zuschauer nicht überzeugt von TV-Duell Bei einer Straßenumfrage in Köln waren weder Bundeskanzlerin Angela Merkel noch Herausforderer Martin Schulz Sieger des TV-Duells. Viele Zuschauer beklagten die überwiegend einheitlichen Positionen und die besprochenen Themen. © Foto: Screenshot/Reuters

Rhetorische Ahnungslosigkeit

Damit war der Ton gesetzt. Schon vor der – angesichts jedes Wissens um die Komplexität politischer Handlungen – würdelosen "Ja oder Nein"-Fragerunde, reduzierten die Moderatoren gesellschaftliche Diskussionen auf absurd zugespitzte Fragen. Beispielhaft lässt sich das zeigen an einem Klassiker: "Gehört der Islam zu Deutschland?" Dem berühmten Satz aus Christian Wulffs bekanntester Bundespräsidentenrede, der von dem immer wieder dahinter gesetzten Fragezeichen eine – zumal bei Leuten, die im Fernsehen arbeiten – erschreckende Ahnungslosigkeit von politischer Rhetorik offenbart.

Im Modus der Rede hat Wulff nicht zuletzt deshalb eine prägnante Formulierung für die deutsche Gegenwartsrealität gesucht, damit die nüchterne Paragrafenwelt dahinter leicht vermittelbar ist. Wenn man diesen Satz aber, wie nun im Fernsehen, als Frage aufwirft, will man also eigentlich wissen: Streben Sie eine Abschaffung der Religionsfreiheit an? Und: Wollen Sie nicht nur das Grundgesetz ändern, sondern sich auch von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verabschieden? Was bedeutet das für Christen und Juden? Was für das gesellschaftliche Miteinander? Aber dann würde vielleicht selbst den vier Medienprofis auffallen, dass an dieser Stelle zwangsläufig ein großes, gewichtiges "Warum?" folgen müsste.