Ich war auf einer Party in Manhattan am Wochenende nach den rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville. Zum ersten Mal seit Trumps Wahl war ich zurück in meiner Heimat. Es war eine dunkle, schwüle Nacht. Als ich auf der Dachterrasse in der Lower East Side stand, dachte ich daran, was ich gerade erst erfahren hatte: Dass einer meiner Freunde, dessen Eltern aus Pakistan in die USA migriert waren, sich während der Demonstrationen in Charlottesville nur zufällig nicht dort aufgehalten hatte, wo das Auto hineingefahren war. Das Geburtstagskind, ein Anwalt, der zum Tech-Unternehmer avanciert war, begrüßte mich kurz darauf voller Begeisterung: "Wow! Du lebst in Deutschland?"

"Ihr könnt euch so glücklich schätzen, Merkel zu haben", fügte seine Freundin hinzu.

Sally McGrane kommt aus Berkeley in Kalifornien und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem für die "New York Times" und den "New Yorker". Ihr Spionageroman "Moskau um Mitternacht“ ist im März 2016 im Europaverlag erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Ich war nach Berlin gezogen, kurz bevor Merkel Kanzlerin wurde, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass Merkels Name in dieser ganzen Zeit jemals so schnell oder überhaupt auf einer Party aufkam. Nicht minder überrascht war ich von der Art und Weise, wie die Partygäste – überwiegend Anwälte – plötzlich über Deutschland sprachen. "Ist es dort genauso toll wie alle sagen?" "Es muss so schön sein, dort zu leben."

Der Klang der Sprache erschreckte mich zutiefst

Das war nicht immer so gewesen. 1993 hatten zwei meiner Highschool-Freundinnen und ich nach unserem Abschluss beschlossen, durch Europa zu reisen. Frankreich und Italien standen ganz oben auf unserer Liste; und wir wären nie auf die Idee gekommen, nach Deutschland zu fahren, hätte einer unserer Freunde nicht gerade ein Austauschjahr in Schwerin gemacht. Wir saßen zu dritt in unserem Stammcafé in San Francisco und planten unsere Reiseroute, als Laurel vehement ihren Kopf schüttelte. "Nein", sagte sie, "ich bin Jüdin. Ich fahre auf keinen Fall nach Deutschland."

Ich erinnerte mich an meine Grundschullehrerin, die uns während einer Schulwanderung erzählte, sie sei nach einer Freundin ihrer Mutter benannt worden, die im Holocaust umgekommen war. Oder meine Montessori-Lehrerin, die einmal bei einem Dinner erzählte, dass sie und ihre Schwestern immer schon einen Mercedes haben wollten, aber dass ihr Vater niemals zugelassen hätte, dass eine seiner Töchter ein deutsches Auto fährt.

Am Ende reisten Meghan und ich nach Deutschland, weil wir Nathan sehen wollten, und Laurel blieb etwas länger in Amsterdam. Als der Schaffner im Zug nach Köln nach meinem Ticket verlangte, fuhr ich fast aus der Haut: Etwas an dem Klang der deutschen Sprache erschreckte mich zutiefst. Später, nachdem wir Zeit mit Nathan und den anderen Mitgliedern der ostdeutschen Blues-Band verbracht hatten, deren Teil er geworden war, stellte ich fest, dass ich in jenem Moment im Zug zum ersten Mal jemanden Deutsch sprechen gehört hatte, der keine Figur in einem Nazifilm war.