Wer bestimmt, ob ich Kunst bin? Das ist vielleicht die eigentliche Machtfrage, die mit der Besetzung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt worden ist. Es herrscht Kunstfreiheit. Wenn ich mich unfrei fühle, kann ich also immer sagen: Ich bin Kunst!, und dann bin ich sofort frei. Ich bin eine Dauerperformance! Ich bin eine soziale Skulptur! Jeder Polizist, der mich anfassen will, begeht damit einen Angriff auf die Kunstfreiheit. Ätsch, keiner kann mir mehr was. Tolles Gefühl. Künstler sein ist anstrengend, da muss man was können, aber Kunstwerk sein ist total super.

Und wenn ich es dann schaffe, einem verhassten Kurator aus der bösen neoliberalen Kunstwelt dazu zu bekommen, mir meinen selbsterklärten Kunstwerkscharakter abzusprechen und mir Hausfriedensbruch vorzuwerfen, ist das ein großer Sieg. Ich habe ihm doch gar nichts getan! Ich bin zwar in seine Räume eingebrochen, um dort mein eigenes Ding zu machen, aber ich habe ihm doch sogar angeboten, dass er bei mir mitspielen darf! Huch, Polizei. Ich werde geräumt? Die Welt ist schlecht. Chris Dercon ist böse. Ich bin Berlin.

Als in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Polizei vor der Tür stand, twitterten die Besetzer: "Polizei spricht von Räumung. Wir sagen: Es handelt sich um einen staatlichen Angriff auf eine laufende Performance." Um wenigstens den Kunstbegriff ins Wanken zu bringen.

Das tolle Gefühl der Selbstermächtigung

Die Volksbühnenbesetzung hat viele ältere Semester gerührt. Und sie hatte bestimmt ihre Rührmomente, mit Schlafsack, Freiheit, Abenteuer und Plenumsdiskussion mit Anträgen zur Verfahrensordnung. Wie damals im Tacheles, da war ich dabei!, hörte man, oder: Wie damals 68 bei der Besetzung des Théâtre de l'Odéon in Paris, davon habe ich mal gelesen! Viele Augen wurden feucht, manch historischer Moment ließ sich nachstellen, und das muss manchmal schön gewesen sein. Aber Rührung ist kein politischer Akt und auch keine Kunst. Es gab offenbar aber auch den Auftritt der Castorf-Schauspielerin Silvia Rieger, die den Besetzern verzweifelt erklären wollte, dass das Theatermachen Arbeit sei. Es gab den Volksbühnenmitarbeiter, der so zitiert wird: "Die meisten Mitarbeiter sehen euch als Eindringlinge. Ich bin Proletarier."

Und spätestens als das Plenum sich nicht darauf einigen konnte, ein offizielles Angebot anzunehmen, feste Räume in und vor der Volksbühne auf Dauer zu nutzen, war klar, dass sich die Vertreter dieser Sache am Ende für nichts anderes interessieren als sich selbst, als für dieses tolle Gefühl der Selbstermächtigung, das ins Blut geht wie Traubenzucker. Und wenn es schwierig wird, gehe ich eben oder lasse mich raustragen, werfe allen, die es mir meiner Ansicht nach schwer machen, Kunstfeindlichkeit oder neoliberale Gesinnung vor und stelle mich beleidigt irgendwo anders als freies deutsches Kunstwerk wieder auf. Kunstfreiheit ist das neue Bürgerrecht. Make Berlin geil again? Make myself geil again! Kunst ist mein Reich, ich bin Kunstreichsbürger. "Vor dem Haus wird weiter geprobt. Gerade gab es eine spontane Inszenierung zum Artikel 27 der allgemeinen Menschenrechtserklaerung. DANKE!"

Um die Geschichte ganz zu verstehen, muss man wissen: Berlin ist eine Stadt, in der das Wort Veränderung Panikattacken auslöst. Es gibt einen quasi von oben verordneten Nostalgiezusammenhang. Offiziell angestrebt wird eine Art Neunzigerjahre-Erlebnispark: kein Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld, Tegel muss offen bleiben, Überlassung der Volksbühne an die Familie Castorf in Erbpacht zum ewigen Weiterwüten, die DDR war eigentlich gar nicht so schlecht und Sven Marquardt lässt immer alle ins Berghain rein. (Nur die Touristen nicht.) Will man sich als Künstler*in in Berlin mit der realen Gegenwart auseinandersetzen, hat man eher ein Problem. Schon wer "Gegenwart" sagt, wird mindestens schief angeguckt.

Wir wollen nur spielen!

Und gleichzeitig ist Berlin eine Stadt, in der jedes Machtwort unter großen Krämpfen vermieden werden muss. Wenn man zum Beispiel einen bestellten Intendanten nicht möchte, dann wirft man ihn nicht hinaus, denn damit würde man sich ja angreifbar machen – man macht ihm einfach das Leben zur Hölle und hofft, dass er von selbst wieder geht. Auf keinen Fall darf man sich bei der Ausübung von Macht erwischen lassen. Alles hat ganz reibungslos abzulaufen, unsichtbar, auch auf die Gefahr hin, dass gar nichts mehr geht. Hauptsache, die anderen haben Schuld. So funktioniert Stadtpolitik in Berlin und den Rest regelt die Polizei.

Die Volksbühnenbesetzung passt also gut in diese Stadt, in ihrem Bestreben, den größtmöglichen Effekt zu erzielen, ohne je fassbar zu werden: Wir wollen nur spielen! Aber wir meinen es ernst! Wir wollen Anarchie! Aber bitte nicht rauchen! Stadt für alle! Rampenlicht für uns! Wir sind die Gegenintendanz! Aber wir haben nichts gegen den Intendanten! Man macht uns Angebote? Die reichen uns nicht! Man zieht die Angebote zurück und will uns rauswerfen? Aber wir wollten über die Angebote doch gerade diskutieren!

Eigentlich hat nichts die Wichtigkeit von Hierarchie im Kulturbetrieb und die Bedeutung von Kuratorinnen und Kuratoren, die Kunst von Nichtkunst trennen und einen Rahmen schützen, in dem Kunst überhaupt erst entstehen kann, so sehr bestätigt wie diese Volksbühnenbesetzung. Fünf Besetzer mussten aus dem Haus getragen werden, die Polizei soll nett gewesen sein und so ging es vorüber. Nur dass man sich in Berlin keine Hoffnung darauf machen darf, dass die Vergangenheit vergeht. Vollversammlung um 16 Uhr auf dem Rasen!