Die Seitentür des Hangars öffnet sich, vom Tempelhofer Feld wird eine Harlekin-Gestalt hereingeweht. Ein bisschen Beckett, ein bisschen Burleske. Stürzt sich auf den Tanzteppich, der die monumentale Halle matt reflektiert, brabbelt vor sich hin, knickt in der Hüfte ein, stemmt sich in groteske Sprünge, gegen die Leere, beherrscht den Raum, wird beherrscht. Plötzlich umgeben von einem unüberschaubaren Gewusel, als würden innere Stimmen die Gestalt umwirren. 23 Tänzer, darunter auffällig viele Harlekine und Ninjas, wild rennend und gestikulierend. Mozarts Requiem, das zuvor noch schwelte, bricht jetzt aus.

"Einen Friedhof der Gesten" wolle er inszenieren, sagte Boris Charmatz im Pressegespräch zu seiner Uraufführung 10.000 Gesten an der neuen Volksbühne. Vielleicht meint er damit auch die ganzen Wortpatronen, die gegen das Team unter dem Intendanten Chris Dercon geschossen wurden. Zumindest nimmt man unter all den willkürlichen Gesten viel Geschrei und Unartikuliertes wahr. Angriff und Verteidigung. Es fällt schwer, hier nicht symptomatisch zu interpretieren. Es fällt überhaupt schwer, sich vorzustellen, wie jemand in der aktuellen Situation noch Kunst produzieren kann. Einer Situation, in der das Berliner Kulturleben zu einer Hate-Speech-Provinz verkommen ist, in der 40.000 Unterschriften gegen einen Intendanten, der sich bislang nichts zu Schulden kommen ließ, gesammelt wurden, vom Kultursenator jede Gelegenheit genutzt wird, seinem Angestellten in den Rücken zu fallen, in der die Programmdirektorin auf jeder Pressekonferenz gegen Tränen kämpft. Es sei nichts, sagt sie dann. Aber es ist enorm. Es ist katastrophal.  

Statt wegzulaufen, geht der stets gut gelaunte Choreograf Boris Charmatz, selbst derzeit noch Direktor des Musée de la danse im französischen Rennes, aufs Ganze. Er bewältigt die große Aufgabe, die neue Spielzeit der Volksbühne mit gleich drei Aufführungen im Flughafen Tempelhof, der (zunächst noch) temporären Nebenspielstätte des Theaters, zu eröffnen. Fous de danse, verrückt vor Tanz, hieß sein erstes Stück, mit dem er am Sonntag das Tempelhofer Feld bespielte. Eine Mischung aus Tanzgeschichte im Freien und Eventchoreografie mit Volksfestcharakter. Das nun folgende 10.000 Gesten, ebenfalls eingebettet in eine sechsstündige Eventchoreografie unter dem Titel A dancer's day, ist eine Uraufführung (mit Voraufführung in Manchester), bei der es darum gehen soll, keine Geste zu wiederholen. Nächste Woche steht dann Danse de nuit an, ein Stück, das im Echoraum der Pariser Terroranschläge entstanden ist. Die Titel machen es deutlich: Tanzoffensive.

Dercons Bekenntnis

Es ist nicht überraschend, dass der Volksbühnen-Intendant Chris Dercon, der in seiner Zeit als Direktor der Londoner Tate Modern die aktuelle Eroberung der Kunstlandschaft durch den Tanz mitangestoßen hat, dieses Bekenntnis sucht. Es ist wohl auch die geschickte Eroberung des neuen Theaters durch einen relativ sicheren Seiteneingang. Was hier hereingestürmt kommt, muss sich nicht direkt mit dem Vorgänger Frank Castorf messen, dessen Tanzprogramm zuletzt alles andere als up to date war.

Allerdings wirkt der Überbau, mit dem hier Tanz inszeniert wird, mehr als offensiv. Fast obsessiv. Das Publikum bekommt, wie bereits am Sonntag, auch vor 10.000 Gesten zur Stärkung der Empathie wieder Mitmachworkshops angeboten. Danach folgt eine markierte Probe, darauf ein gemeinsames Picknick mit integrierter Aufführung von Tino Sehgals (Ohne Titel) (2000) – wiederum einer Tanzgeschichte in Gesten, die in einer viel zitierten Penisvermessung endet. Kurz die Brotbrösel wegklopfen und weiter geht’s mit einem power-nap, begleitet von einem kirchentonalen Wiegenlied. Endlich die Uraufführung, klassisch frontal auf der neuen Tribüne von Francis Kéré, bis die Aufführenden dann unvermittelt auf den Schößen des Publikums herumturnen. Kaum dünnt der Applaus aus, wird das Publikum von der Tribüne gezerrt, im hinteren Hallenteil wartet schon ein DJ-Set, Kampfruf: "Let’s dance". Clubbing. Die Beleuchtung wechselt auf Detonationsgeflacker.

Das ist fast schon Tanzdemagogie. Nicht klar ist, ob Charmatz bewusst aktuelle Tanzkonzepte bis an die Schmerzgrenze erforscht oder in eine Art Kommunikationszwang verfallen ist. Sicherlich hat sich das allgemeine Interesse an der ephemeren Körpergeste in den vergangenen Jahren rasant gesteigert. Choreografische Museumsinszenierungen im Zeichen eines postmateriellen Kunstverständnisses feierten den Moment, der nur von den Anwesenden erlebbar und teilbar war. Mehr und mehr geht es in solchen Happenings inzwischen um eine Organisation von Erfahrung, darum, Interessensherde zu schaffen, Impulse und Affekte zu inszenieren und die Besucherherden zu dem zu formen, was im Diskursvokabular Schwärme heißt: eine dynamische, postornamentale Masse, die sich bei ebenso flexiblem wie interaktivem Verhalten ständig neu formiert. Die bewegte Masse als Gegenstück zur ornamentalen, in ideologieverdächtige Geometrien und Ordnungen gepresste Masse.

Das große Schwimmen

Gleichzeitig scheint sich Charmatz an Tino Sehgals Konzept einer "konstruierten Situation" zu orientieren, die sich, Giorgio Agamben folgend, an der Grenze von Kunst und Leben bewegt. Beide nähern sich einander so weit an, dass die Grenzen verfließen und die Rollen zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Produzent und Rezipient hin- und herwandern. Aber woher der Überbau auch kommt, es bleibt ein chaotischer Rohbau. Dabei ist Charmatz ein solider Choreograf, einer der interessantesten und erfolgreichsten seiner Generation, der sowohl strukturanalytische als auch emotionale Arbeiten inszenieren kann und diese Fähigkeiten mit einem Gespür für aktuelle Moden verbindet. Dass er routiniert mit Raum umgeht, ihn entgrenzen und einhegen, Bewegung dynamisch bündeln, vereinzeln, ausschwärmen lassen und streuen kann, das zeigt auch 10.000 Gesten wieder. Besonders im Zusammenspiel mit dem cineastischen Licht von Yves Godin, der zunächst nur den Schein der durch die großen Glasfenster dringenden Außenbeleuchtung nutzt.

Ein großes Stück ist 10.000 Gesten dennoch nicht geworden, dazu ist schon allein der Begriff der Geste, die zwischen Geburtsvorgang, Gebrabbel und Grand Jeté alles und nichts ist, viel zu verschwommen. Hier ist vieles nicht so klar umrissen. Aber mit Blick auf Tino Sehgal, der das Stammhaus der Volksbühne im November eröffnen wird: Wenn es das Ziel dieser Arbeit ist, Gegenstand der Diskussion zu sein, dürfte es erreicht sein.