Seit Jahrhunderten ist weibliche Sexualität eine Quelle vor allem männlicher Irritation. So grundlegend war und ist die Verwirrung über das, "was Frauen wollen", dass Männer der Erkundung weiblichen Begehrens ganze Bibliotheken widmeten. Berühmt-berüchtigt ist die freudsche Resignation am Ende einer langen Laufbahn: "Was will das Weib?" Auch gründlichste Seelenforschung konnte die Frage nicht beantworten. In der feministischen Kritik führte dieser Umstand zu einem erheblichen Missverständnis: Freud habe das weibliche Begehren nicht verstanden und es daher kurzerhand als unverständlich gebrandmarkt. Dabei ist Freuds Bemerkung über das nicht zu ergründende Wollen der Frau eine Sensation, schreibt es der Frau doch überhaupt erst ein Wollen oder "Begehren" zu, wie Jacques Lacan es nennen würde. Freuds Verzweiflung ist die Kapitulation des Mannes vor der unergründlichen Tiefe des weiblichen Begehrens. Dafür muss man sich nicht schämen.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Auch Jahrzehnte später nähern wir uns dem weiblichen Begehren in all seinen psychischen und sexuellen Dimensionen mit derselben spätviktorianischen Tollpatschigkeit. Zwar ergötzen wir uns nicht länger an öffentlich inszenierten, hysterischen Anfällen von Frauen, wie es die Zeitgenossen des Psychiaters Charcot taten. Aber an ihre Stelle sind Instagram-Kampagnen zur Befreiung des Nippels und gelegentliche Unten-Ohne-Auftritte weiblicher Stars getreten. Das Weib will Befreiung. Doch wie befreit man das Weib?

Tatsächlich sind Vokabeln wie "Befreiung", "Empowerment" und "Feminismus" inzwischen echte Verkaufsschlager. Keine will sich schließlich unterdrückt fühlen, und wenn Nippelblitzer der Gipfel der Selbstbestimmung sind, können alle freudig mitbestimmen. Feminismus darf endlich sexy sein. Spätestens seit Femen-Aktivistinnen lautstark und recht nackt auf ihr politisches Begehren aufmerksam machten, wissen wir: Sex sells feminism. Ich persönlich habe mich beim Anblick baumelnder Brüste noch nie sonderlich befreit gefühlt; das aber mag meinem Freikörperkultur-Trauma geschuldet sein. So oder so: Die Befreiung der Frau beginnt bei ihren Geschlechtsorganen. Wohl deshalb widmen sich neuerdings Legionen von Websites und Sextoy-Produzenten der weiblichen Lust.

Frauen sind manchmal auch pervers

Der Befreiungshorror begann, als immer mehr Sexbloggerinnen ihr Intimstes in saftig-deftigen Blogposts ausbreiteten. Bloggerinnen wie Girl on the Net erlangten rasch Berühmtheit. Ihre Botschaft war auch wirklich "empowering": Frauen haben Lust. Frauen sind manchmal auch pervers. Und vielleicht langweilt sie der Sex mit Männern auch nur deshalb, weil die Kommunikation ihrer Bedürfnisse vielen nicht selbstverständlich ist. Bloggerinnen schickten sich an, den Mythos der Migräne vortäuschenden, gelangweilten Ehefrau zu zertrümmern. Aber dann wurde Blogging zu einer Karriereoption dank Sponsoring-Deals mit Sextoy-Herstellern.

Ich nehme Recherche sehr ernst. Schon deshalb folgte ich in Vorbereitung auf diese Kolumne dutzenden Sextoy-Bloggern auf Twitter. Fazit: Man fühlt sich doch etwas erschlagen von täglichen Updates zu stufenlos verstellbaren, lautlos vibrierenden Superspezial-Anal-Vaginal-Klitorial-Befriedigungsmaschinen, von denen einige so skurril aussehen, dass man auch mit viel Fantasie nicht erkennt, wo oder wie man sie einzuführen hätte. Wirklich schön sind die Namen dieser Geräte. Sie heißen "Satisfyer Pro" oder "Inspector Midnight". Frauen zu befriedigen ist eine Sache für Profis. All diese Geräte umgibt ein Hauch von Hochtechnologie. Und Formaldehyd.

Das sächsische Start-up-Unternehmen Laviu zum Beispiel sammelte via Crowdfunding Geld für eine Sextoy-Kollektion. Die sollte dank des Einsatzes von Materialien aus der Luft- und Raumfahrtindustrie atemberaubende Orgasmen ermöglichen. Die designten Geräte sahen aus wie futuristische Dildos in den Rothemden-Uniformen der Star-Trek-Crews. Immerhin war das Produkt formschön, was man über die Mehrzahl bonbonfarbener Vibratoren, die neuerdings schon im Nachmittagsfernsehen beworben werden, nicht sagen kann. Genderismus macht auch vor Sextoys nicht halt. Alles muss irgendwie quietschpink oder sanft violett sein; bei der optimalen Stimulation unterstützen kleine Häschenohren an den Spitzen der Geräte. Selbst Nippelklemmen werden mit baumelnden Dekosteinen verziert, sodass man sie glatt für Ohrhängerchen halten könnte.

Aber ist all das nicht toll? Vergessen sind die Zeiten, da Frauen ihre "Massagestäbe" verstohlen im Neckermann-Katalog ordern mussten, wo die verkniffen lächelnden Models gold- oder silberfarbene Vibratoren an ihren Nacken hielten, um die Massagefunktion zu demonstrieren. Überhaupt, werden Sie sagen, was meckert die Frau da über das, was andere sich einführen? Kann sie sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern? Sie haben ja recht. Und irgendwie auch nicht. Denn es geht, wie immer, ums große Ganze.