Über manche Dinge spreche ich nicht mehr mit weißen Menschen, schreibt Reni Eddo-Lodge. Ihr Buch Why I’m no longer talking to white people about race liegt aufgeschlagen auf dem Esstisch, und ich denke über all die Selbstgespräche nach, die ich führen würde, wenn ich so dächte wie sie. Mein Mann und unsere multiethnischen Sprösslinge sitzen mir gegenüber. "Warum bist du so still?", fragt mein Sohn. Ich bin still, weil ich darüber nachdenke, warum ich den Ansatz der Autorin gar nicht so absurd finde.

Vielleicht, weil sie auf Dauer eben doch mühsam sind: die hartnäckigen Fragen nach der echten Heimat und das trotzige Unverständnis bei komplexen Antworten. Weiße Bekannte, die glauben, Rassismus ende beim AfD-Parteitag. Die schrillen Töne der Identitätsdebatte. Oft schwanke ich zwischen Erklärungshysterie und Verdrängen. Beruflich habe ich jahrelang über Kunst und Gesellschaft geschrieben, nur eben kaum über das eine Thema, das anscheinend alle fasziniert: meine Hautfarbe.

Ich will es auch jetzt nicht tun. Doch seitdem neulich selbst Nachbarskinder fragten, warum ich besser Deutsch als "Afrikanisch" spreche, habe ich das Gefühl, es gibt Dinge zu klären. Und zwar nicht meine Identität, sondern etwas, das uns alle viel eher angeht: unser verzerrtes Bild von Afrika. Denn noch immer denken die meisten hierzulande den Kontinent in Klischees, während die Klischees an schwarzen Menschen jeglicher Herkunft kleben bleiben.

Mag sein, dass man Afrikas Diversität mittlerweile in der internationalen Kunst feiert und auch in Deutschland einige fleißig Dekolonisierung diskutieren. Für viele aber bleibt der Kontinent wohl eher diffuser Sammelbegriff für ein exotisches Anderswo. Ein kulturell undefinierbares Gegenüber, an dem man aus sicherer Distanz den eigenen Zivilisationsgrad abmisst. Es sind Bilder von Kriegen und Krankheiten, Nachrichten von Hilfs- oder Abschottungsmaßnahmen, die diese Sicht noch immer bestimmen und sich mit unserem nicht klein zu kriegenden Verständnis von kultureller Überlegenheit mischen. Denn spätestens seit der Verbreitung aberwitziger Rassentheorien hält sie sich im gesamten Westen hartnäckig: die Vorstellung des unterlegenen, unselbstständigen und gebeutelten Schwarzen. Selbst wenn der – mein Vater hat es mir immer wieder vorgemacht – gar nicht mitspielt.

Wenn ich als Kind frühmorgens in sein Zimmer stürmte, lag er meist unter einem dünnen Bettlaken, das er sich über den Kopf gezogen hatte und unter dem nur die Füße raus guckten. Mit gepackter Badetasche stellte ich mich ans Kopfende seines Bettes und konfrontierte ihn mit Plänen: Schwimmbad! Spielen! Pommes! Ich liebte unsere Sommer bei ihm: die Costa del Sol, den Strand, die Bars und Diskotheken. Eine meiner frühesten Erinnerungen habe ich an die Lichtbrechungen von Diskokugeln. Ich sehe meinen Vater, wie er nach langen Nächten zerknautscht unter dem Bettlaken liegt. Wie er sich wortkarg mit mir zum Strand schleppt. Wie er erst abends hinter dem Tresen seines charmanten Restaurants in Form kommt. Und wie die Gäste – Schauspieler, Möchtegern-Adlige und Halbwelt-Bekannte – an seinen Lippen hängen.

Die Eltern meiner deutschen Freunde hielten das Leben, das meine Mutter und ich jeden Sommer mit ihm teilten, für kinderuntauglich. Schlimmer jedoch: Es erschütterte ihr Bild von Afrika. Mein Vater war so gar nicht der Elendsmigrant aus ihren Vorstellungen, es gab ja nicht mal eine anständige Fluchtgeschichte. Immerhin lag sein Land in gesellschaftlichen Trümmern, der aktuelle Präsident hatte ein Terrorregime errichtet und die Ethnie von Papas Familie dezimiert. Doch seine Eltern hatten ihn rechtzeitig ins spanische "Mutterland" geschickt. Und da amüsierte er sich doch glatt.

Wer zurückblieb, tat das nicht. Äquatorialguinea leidet bis heute unter dem katastrophalen Zusammenspiel von Kolonisierung, dem Aufhetzen einzelner Ethnien gegeneinander und der kleptokratischen Diktatur, die folgte. Nur ist das Schicksal eines Landes natürlich kein Beispiel für den Zustand eines ganzen Kontinents. Doch Afrika existiert in unserer Wahrnehmung als Pauschale. Besonders gern benutzen Politik und Medien das zähe Bild der Entwicklung. Es wird suggeriert, dass der gesamte "schwarze Kontinent" dem vermeintlich idealen Vorbild des euro-amerikanischen Westens nacheifern sollte, um sich dorthin zu entwickeln, was wir gemeinhin Zivilisation nennen. Die Schattenseiten der westlichen Moderne werden dabei oft verdrängt. Und überhaupt ist Europa ja auch derzeit kein leuchtendes Vorbild. Andererseits: Was sind ein paar rechte Ideologien, britische Spalter oder Wirtschaftskrisen gegen das Chaos bei den Afrikanern?