"Die Replikation der Cyborgs ist von den Prozessen der organischen Reproduktion entkoppelt", schreibt Donna Haraway 1985 in ihrem bahnbrechenden Manifest für Cyborgs, das die Dualismen Mensch/Maschine, Geist/Körper, männlich/weiblich radikal infrage stellt. Allerdings ist das mit der Reproduktion der Cyborgs hier, im weiteren Sinne verstanden als künstliche Intelligenz in weiblicher Form, offenbar gar nicht so einfach. Zumindest im Film stellt sich ganz schön oft die Frage: Wer gebiert hier eigentlich wen?

Beinahe seit Anbeginn der Filmgeschichte gibt es weibliche Roboter auf der Leinwand, und ebenso alt ist die Angst ihrer männlichen Schöpfer vor der mutterlosen Reproduktion. Sprich: einer Schöpfung ohne heterosexuellen Zeugungsakt. Begonnen mit Fritz Langs Stummfilmepos Metropolis von 1926, in dem die aus dem Ruder gelaufene Maschinen-Maria zur "Hure Babylon" mutiert, Chaos und Verderben über die Menschheit bringt und schließlich – wie eine Hexe im Mittelalter – auf dem Scheiterhaufen verbrennen muss.

Anja Kümmel studierte Gender-Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Seit 2011 lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Im April 2016 erschien ihr dystopischer Zukunftsroman "V oder die Vierte Wand" im Hablizel Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

In den folgenden Jahrzehnten gilt: Überleben darf die Leinwand-Cyborg nur dann, wenn sie sich einem (menschlichen) Mann unterwirft. So auch knapp 60 Jahre später, in Ridley Scotts Kultklassiker Blade Runner. 1982, als Blade Runner in die Kinos kam, muss die Grauzone zwischen menschlichem und künstlichem Bewusstsein derart verstörend gewirkt haben, dass die Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterrollen umso zwingender erschien. So wird die Replikantin Rachael, die zunächst als unnahbare Femme fatale auftritt, nach und nach durch den Filmhelden Deckard zur Frau gemacht. In jener berühmten Szene, die unangenehm zwischen Verführung und Vergewaltigung changiert, zwingt Deckard sie, auch verbal die Rituale weiblicher Unterwürfigkeit einzuüben ("Say: Kiss me!") – und verwandelt so den frigiden Roboter in eine zärtliche Geliebte. Indem sie Deckard als Beschützer akzeptiert, überlebt Rachael den Film, während ihre eigensinnigen Kolleginnen Pris und Zhora eines so brutalen wie visuell fetischisierten Todes sterben müssen. "Die Cyborg träumt nicht von einem sozialen Lebenszusammenhang nach dem Modell einer organischen Familie", schreibt Haraway drei Jahre später. "Sie würde den Garten Eden nicht erkennen, sie ist nicht aus Lehm geformt und kann nicht davon träumen, wieder zu Staub zu werden." Mit dieser Cyborg-Vision hat Rachael, zumindest im letzten Filmdrittel, leider nichts gemein. Aber das ist ja auch schon ein paar Jahre her. Was hat sich seitdem getan?

Spike Jonze präsentierte uns 2013 mit Her eine gänzlich neue Idee: eine künstliche Intelligenz in Form einer körperlosen weiblichen Stimme, in die sich der einsame Filmheld verliebt. Für die Frage der Reproduktion wenig brauchbar, da sich Samantha als reiner Geist potenziell unendlich kopieren lässt – und tatsächlich, zu Theodores eifersüchtigem Entsetzen, parallel mit über 8.000 anderen Usern kommuniziert. Interessant ist, dass Samantha sich zunächst voll Melancholie nach einem organischen Körper sehnt, sich dann jedoch im Verlauf der Handlung von dieser Vorstellung komplett löst. Gegen Ende umarmt sie ihr unabgeschlossenes, anorganisches Sein – zwar ohne Hoffnung auf eine Rückkehr ins Paradies, dafür mit der Aussicht auf eine noch unbekannte Art der Verschmelzung mit anderen Bewusstseinsformen. Als sie sich von Theodore verabschiedet, darf man vermuten, dass sie Teil jener von Haraway imaginierten "mächtigen, ungläubigen Vielzüngigkeit" wird.

Alex Garlands Ex Machina, 2015 in den Kinos gelaufen, konfrontiert uns erneut mit einem weiblichen Kunstkörper, der zudem so ziemlich allen westlichen Schönheitsnormen entspricht. Allerdings wird hier das Narrativ der Androidin, die erst durch eine heterosexuelle Liebesbeziehung zum Menschen wird, an mehreren Stellen gebrochen. Im stillen Kämmerlein übt Ava gezielt die Codes weiblicher Verführung ein, um ihren Bewacher Caleb dazu zu bringen, ihr beim Ausbruch aus dem Gefängnis ihres Schöpfers zu helfen. Was Ava über die seelenlosen sexbots erhebt, die sich ihr Schöpfer als Sklavinnen hält, sind nicht mehr traditionell weiblich konnotierte Werte wie Gefühl und Hingabe, sondern ein freier Wille, Entscheidungsfähigkeit und Zukunftsvisionen. Die Frage ihrer Fortpflanzungsfähigkeit allerdings bleibt offen. Bevor Ava in die Freiheit entflieht, repariert sie ihren beschädigten Körper mit den Fragmenten ausrangierter Vorgängermodelle – sie kann sich regenerieren, wird hier suggeriert, aber nicht reproduzieren.

Kino - "Blade Runner 2049" (Trailer) © Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Umso interessanter, dass der derzeit kontrovers diskutierte Blade Runner 2049 um genau jene Frage kreist: Können Replikantinnen auf natürlichem Wege schwanger werden? Der zentrale Grenzverlauf, so sieht es zunächst aus, verläuft im Jahr 2049 nicht mehr zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen materiell und digital. Dass Officer K (Ryan Gosling) selbst ein Replikant ist (allerdings des neuen, servilen Nexus-9-Typs), ist von Anfang an etabliert.

Offenbar hat sich unsere Auffassung von Künstlichkeit so stark verlagert, dass wir einen Androiden als legitime Haupt-, ja Identifikationsfigur akzeptieren. Als love interest wird ihm eine App à la Samantha zur Seite gestellt, deren offensichtliche Künstlichkeit K umso "echter" erscheinen lässt. Tatsächlich wirken K und Joi (Ana de Armas), der Roboter und das Betriebssystem, zunächst wie ein ziemlich durchschnittliches, mit sich und seinem Dasein zufriedenes Pärchen. Was keinen Zweifel an den archaischen Machtverhältnissen lässt: Letztendlich ist Joi kaum mehr als ein virtuelles Basis-Lustmodell, programmiert auf die Wunscherfüllung desjenigen, der sie gekauft hat. Hausfrau, Sekretärin, Therapeutin, Trophäe – sie kann alles, nur körperliche Intimität geht mangels eines anfassbaren Körpers eben nicht. Auch dafür findet Joi allerdings – ähnlich wie in Her – eine Lösung: Kurzerhand engagiert sie eine auf sex work spezialisierte Replikantin, mit der sie verschmilzt, um endlich mit K Sex haben zu können. Im Gegensatz zu Samantha entwickelt Joi jedoch nie ein eigenes Bewusstsein, das es ihr erlauben würde, über den Modus der einprogrammierten Liebe zu K hinauszuwachsen.