Vor wenigen Wochen bin ich mit meinem neuen Roman fertig geworden.
Alle, denen ich davon erzähle, fragen: Und, wovon handelt er?
Weiß ich nicht, würde ich am liebsten antworten, als hätte ich mich nicht fast ein Jahr lang Tag für Tag damit befasst. Es geht um das, worüber ich immer schreibe, sage ich, also Identität, Zugehörigkeit, Herkunft, das sind ja so meine Themen, weißt du.
Die anderen nicken, und ich versuche es wieder.
Also, meine Eltern kommen ja aus der Türkei, und …
Da endet dann mein Satz. Die Luft geht mir aus, so wie mir die Worte ausgehen. Die anderen nicken wieder. Ah, ein Problembuch, denken sie vielleicht, interessant, und fragen nicht weiter.

Warum habe ich gesagt, meine Eltern kommen aus der Türkei?

Vielleicht, weil ich, immer, wenn ein Text fertig geworden ist, nach Worten suche. Ich winde mich, weil das, was ich sage, nie das trifft, worüber ich geschrieben habe. Ich könnte mir ein paar Sätze bereitlegen, die neugierig machen, die anderen vermitteln, womit ich mich über Monate beschäftigt habe. Ich lege mir aber nichts bereit, weil ich mir auch beim Schreiben nichts bereitlege.

Dilek Güngör, geboren 1972, arbeitete nach ihrem Übersetzerstudium bei der "Berliner Zeitung". Ihre gesammelten Kolumnen erschienen in den Bänden "Unter uns" und "Ganz schön deutsch". 2007 wurde ihr Roman "Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter" veröffentlicht. Für das Singspiel "Türkisch für Liebhaber" an der Neuköllner Oper schrieb sie das Libretto. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Torsten Linz

Ich kam ganz unbemerkt dazu, über das Übersetzen während des Studiums in Germersheim, dann über die Berliner Zeitung. Bei der Zeitung bekam ich eine Kolumne, weil jemand gesehen hatte, was ich nicht sah: dass ich schreiben konnte. Die Kolumnen schrieb ich über meinen Vater, und Woche für Woche zweifelte ich, ob man so eine Kolumne schrieb. Irgendwann erschienen die Kolumnen als Buch und ehe ich mich versah, saß ich an meinem ersten Roman. Ich schrieb drei Seiten jeden Tag, eines Tages waren es hundert, und nun fragte ich mich, schreibt man so ein Buch? Ich schrieb über meinen Vater, über ihn und mich, über Zugehörigkeit und Identität, Muttersprache und Herkunft.

Ich schreibe, was kommt. Seitenweise füllen die Wörter meine Tagebücher, Notizbücher, Taschenkalender, ich bekritzele lose Zettel, den weißen Rand der Süddeutschen, die Rückseite meiner Rewe-Kassenzettel. Die Wörter finden mich von alleine, ich lese, aber ich recherchiere nicht. Ich suche keinen Stoff. Das schien mir die "wahrere" Form zu sein, echt, unkalkuliert, roh.

Bis jetzt.

Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich habe mir das Manuskript meines Buches ausgedruckt, 240 Seiten über das Anderssein, über Sehnsucht und Scham, über das Gefühl der Minderwertigkeit, über das Deutschsein, meinen Vater. Ich lese und schreibe hier und dort noch einmal neu. Doch jeden Tag ein bisschen weniger. Die Gedanken verblassen, die Ideen gehen mir aus, mein Schreiben stockt und stockt. Jetzt hat es ganz aufgehört. Es kommt nichts mehr.

Mein Manuskript liegt vor mir und fühlt sich so leblos an wie das Papier, auf dem es geschrieben ist.

Ich rede mit Freunden und sie raten mir, mich auszuruhen, die Leidenschaft kommt schon wieder, dir fällt doch immer was ein, genieß deine Freizeit, mach mal was anderes. Niemandem kann ich begreiflich machen, dass das keine Schreibblockade ist. Schon dass sie es dafür halten, bringt mich auf.