"Diese Kamera oben am Laptop. Merke ich eigentlich, wenn die an ist? Schon, oder? Jedenfalls würde es sich schon ziemlich übertrieben paranoid anfühlen, was drauf zu kleben." – "Hast du etwa Angst, dass dir wer zuguckt?" – "Haha. Nee. Naja. Keine Ahnung, warum soll irgendwer ... ausgerechnet in meinem Computer... Quatsch."

Vor einigen Jahren berichtete die Technik-Nachrichten-Website Ars Technica ausführlich darüber, wie einfach es ist, online fremde Rechner zu kapern und etwa deren Kameras fernzusteuern. Es gibt Foren im Netz, in denen Tipps dazu ausgetauscht werden. Wenig überraschend geht es dort oft darum, Frauen zu beobachten, ohne dass sie es bemerken. Aufnahmen werden getauscht, veröffentlicht, manchmal auch dazu benutzt, die Gefilmten zu erpressen oder anders unter Druck zu setzen. Das Thema wurde für kurze Zeit von deutschen Medien aufgegriffen. Es ist nur eine von vielen Formen technikbasierter Gewalt.

Anne Roth ist Politologin und hat die letzten drei Jahre als Referentin im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags gearbeitet. Sie schreibt seit 1999 ins Internet, meist über Überwachung, Innenpolitik, Medien oder Feministisches. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © CC-BY AK Vorrat

Wenn in Deutschland über Gewalt im Internet geredet wird, geht es häufig um zwei Arten von Phänomenen: Das eine ist Hass im Netz, also Wellen von Beschimpfungen und Bedrohungen. Sie richten sich oft gegen Frauen – vor allem Feministinnen –, die öffentlich sichtbar sind, Texte veröffentlichen, twittern. Männer sind von den "milderen Formen" genauso betroffen; laut einer Studie des US-amerikanischen Pew Research Center von 2014 sogar häufiger. Aus anonymen Drohungen kann Stalking werden – online wie offline. Hier dreht sich das Geschlechterverhältnis dann um: Von Stalking und sexualisierter Belästigung sind vor allem (jüngere) Frauen betroffen.

Das andere Thema ist das sogenannte Cybermobbing oder -bullying: Es betrifft in erster Linie Kinder und Jugendliche und ist mittlerweile wohl an fast allen Schulen und bei allen Eltern angekommen, wenn nicht als reales Problem, dann zumindest als Diskussionsthema. Cybermobbing beginnt als gemeinsames Lästern über andere in Messenger- oder Chatgruppen und kann bis zu heftigen Bedrohungen und Erpressungen reichen.

Digitales Entwicklungsland Deutschland

So wie Deutschland insgesamt in der Digitalisierung hinterherhinkt, ist auch das Thema digitale Gewalt hier eins, mit dem sich lediglich einige wenige Expertinnen beschäftigen. Das ist nicht überall auf der Welt so: Es gibt zum Beispiel in Pakistan die Hamara-Internet-Kampagne ("Unser Internet"), die Informationen über digitale Gewalt gegen Frauen zusammenträgt, Hilfen anbietet und seit Dezember vergangenen Jahres auch eine Hotline zum Thema Onlinebelästigung betreibt. Die internationale Initiative Take Back the Tech informiert und mobilisiert seit 2006 zu Gewalt gegen Frauen im Netz. Die Ähnlichkeit des Namens zu Take Back the Night, der internationalen Bewegung gegen Gewalt gegen Frauen, ist dabei kein Zufall.

In Europa gibt es bisher wenig Information über das Ausmaß und die Formen von digitaler Gewalt gegen Frauen. Das EU-Institut für Gleichstellungsfragen EIGE hat im Juni eine kurze Übersicht zur bisherigen Forschung und Datenlage zum Thema herausgegeben: Es wird geschätzt, dass bereits eine von zehn Frauen ab dem Alter von 15 Jahren eine Form digitaler Gewalt erlebt hat. Das EIGE kommt aber auch zu dem Ergebnis, dass es bisher nur wenig Daten über digitale Gewalt gegen Frauen in der EU gibt. Lediglich in Dänemark gab es 2008 überhaupt eine nationale repräsentative Studie zum Thema. Als Problem wird gesehen, dass noch kaum polizeiliche oder Verurteilungsstatistiken hierzu existieren, die nach Geschlecht aufgeschlüsselt sind – vorausgesetzt, die jeweiligen EU-Staaten haben überhaupt Gesetze, die die verschiedenen Formen von digitaler Gewalt unter Strafe stellen. 

Das deutsche Bundeskriminalamt jedenfalls antwortete vor einem Jahr per Twitter auf meine Frage, ob aus ihrer Sicht Onlineharassment und -stalking eigentlich zum vieldiskutierten Thema Cybercrime ("digitale Verbrechen") gehören: "Nein, Online-Harassment und -Stalking sind nach der polizeilichen Definition keine #Cybercrime im engeren Sinn."

Hierzulande bleibt das Thema den Frauenberatungsstellen und -notrufen überlassen, die neben ihrer sowieso knapp ausgestatteten alltäglichen Arbeit wenige Ressourcen für die digitale Seite der Gewalt haben. Seit März gibt es beim Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) das auf zwei Jahre angelegte Projekt Aktiv gegen digitale Gewalt mit einem ziemlich ambitionierten Programm: Eine Onlineplattform soll Informationen über Angriffe und Schutzmöglichkeiten anbieten, das Projekt will Betroffene vernetzen, Fachkräfte weiterbilden, die Öffentlichkeit sensibilisieren, die Beratungsstellen fortbilden und schließlich sollen die ersten Schritte in Richtung verbesserter Rechtssicherheit gegangen werden. Alles fraglos wichtig und notwendig – es stellt sich aber schon die Frage, ob ein einziges solches Projekt dem Ausmaß des Problems gerecht wird.

Das US-amerikanische Women's Media Center beschreibt 28 verschiedene Formen digitaler Gewalt. GenderIT.org kommen nach der Auswertung von 1.126 Fällen in den Jahren 2012 bis 2014 zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Fälle (40 Prozent) von jemandem begangen wurde, der dem Opfer bekannt war: wie bei herkömmlicher Gewalt gegen Frauen auch.