Zugegeben, ich bin eine der Frauen, die sich wegdrehen, wenn das Gespräch in der Mittagspause auf Sexismus kommt. Aus Langeweile. Und aus Angst, unbedacht etwas Falsches zu sagen. Denn wenn das Private politisch wird, wird es auch heikel. Wenn in einer Debatte, in der es einmal um Vergewaltigungsfälle ging, plötzlich persönliche Befindlichkeiten zur Frage ausgetauscht werden, welche Bemerkungen bestimmte Leute in welchen Situationen machen dürfen und welche nicht, wird es schnell zu emotional. Ich halte mich aber noch aus einem anderen Grund lieber zurück: Die Debatte verunsichert nicht nur Männer, ob und wann sie ihrer Kollegin sagen dürfen, dass ihr die neue Frisur gut steht.

Ich war immer der Meinung, seit der Schulzeit kaum echten Sexismus mehr erlebt zu haben. Sexisten, das waren Männer, die Frauen herabwürdigten, weil sie sie für dümmer hielten. Das waren Männer, die Frauen in der Küche sahen und nicht im Chefbüro. Leute, die Sachen sagten wie: Früher oder später wollen Frauen doch eh nur eins – Kinder kriegen. Das waren auch Leute, die Mario Barth lustig finden. Doch wenn nun darüber geredet wird, dass Frauen es sexistisch nennen, wenn Männer ihnen die Tür aufhalten oder sie zum Lächeln auffordern, frage ich mich: Denke ich grundsätzlich falsch? Ersteres fällt für mich unter Manieren. Lässt mir jemand die Tür vor der Nase zuknallen, finde ich das sehr unhöflich. Letzteres ist durchaus übergriffig, weil ich mit meinem Gesicht mache, was ich will, und wenn heute mein Resting-Bitchface-Tag ist: Schau halt weg. Aber sexistisch?

Also denke ich zurück. Denke darüber nach, wie oft mir Männer Komplimente gemacht, Dinge gesagt haben, die ich einfach so hingenommen habe. Beim Kellnern während des Studiums zum Beispiel waren Sprüche von Kollegen wie: "Oh, hast du heute wieder deinen Trinkgeldausschnitt an?" normal. Genauso wie Kommentare dazu, dass meine Beine in dem Kleid super aussähen. Ich habe kurz die Augen verdreht, mich aber gefreut. Natürlich war das sexistisch. Es war aber auch, vermutlich, als Kompliment gemeint, und nicht als Unterdrückungsgeste. Doch jetzt denke ich: Vielleicht war es nicht ganz okay. Weil diese Männer mir das Gefühl gegeben haben, ich müsse heiß aussehen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber auch, weil ich ihnen mit meiner positiven Reaktion vermittelt habe, solche Kommentare seien in Ordnung.

Wer entscheidet, wann etwas sexistisch ist?

Noch mehr verunsichern mich aber die Situationen, an die ich keine konkrete Erinnerung habe. Beiläufigkeiten, wie "die Farbe steht dir", oder "oh, du siehst jünger aus". Dinge, die ich ständig höre. Die ich aber auch ständig selbst sage. Erfahre ich also permanent Sexismus, ohne es zu wissen? Bin ich selbst sexistisch, ohne es zu wollen?

Was in dieser Debatte nicht vergessen werden darf, ist das Verhältnis, in dem Frau und Mann zueinander stehen. Natürlich ist es unangenehm, wenn der Chef seine Angestellte in eine Situation bringt, in der sie um ihren Job fürchten muss. Oder die Chefin ihren Angestellten. Auch Altersunterschiede spielen eine Rolle. Wenn mich jemand von oben bis unten mustert, dessen Enkelin ich sein könnte, ist das unangenehmer als unter Gleichaltrigen. Und natürlich ist es falsch, wenn die Leistung einer Frau anders bewertet wird als die eines Mannes. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sollte in keiner Situation infrage gestellt werden.

Wer darf Sexismus definieren?

Die Autorin Melanie Reinsch schrieb kürzlich in der Berliner Zeitung, sobald eine Bemerkung von der Person, an die sie sich richtet, "als unangenehm, unangebracht oder schmierig" empfunden werde, sei das Alltagssexismus. Das ist eine sehr vage Definition. Woher soll jemand wissen, was ein anderer empfindet? Und müssten wir uns damit alle einem Diktat der Befindlichkeiten unterordnen? Eigentlich würde das bedeuten: Wenn ich es nicht als unangenehm empfinde, wenn mein Chef mich Süße nennt, dann ist es okay. Ist es aber wahrscheinlich nicht, weil es ihn ermutigen könnte, andere Frauen so zu nennen, die das nicht okay finden. Also entscheiden wieder andere, was sexistisch ist, nicht ich.

Wer diese anderen sind und wie sie diese Definitionsmacht erlangt haben, ist nicht ganz klar. Wer sie nicht sein sollten, hingegen schon: alte, weiße, heterosexuelle Männer. Zumindest scheint das die Meinung vieler Frauen zu sein, die sich anlässlich der aktuellen Debatte dazu äußern. Dabei ist ihre Kritik selbst sexistisch, weil sie einer ganzen Bevölkerungsgruppe aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft die Berechtigung nehmen will, über ein Thema zu sprechen. Dieser Logik zu folgen, würde auch bedeuten, dass sich nur direkt Betroffene zu der Frage äußern dürfen, was Rassismus ist und was nicht. Wer also darf sagen, was Sexismus ist und was nicht?

Die Empfindlichkeit gegenüber dem, was als sexistisch empfunden werden kann, darf und soll, irritiert große Teile der Bevölkerung. Die Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski findet es peinlich, wenn jemand nichts über Geschlechterforschung weiß. Warum? Genauso gut könnte man es peinlich nennen, wenn jemand nichts über Neurowissenschaften weiß. Es gibt in Deutschland Menschen, die die Schule ohne Abitur abgeschlossen haben, Menschen, die nie in den Genuss eines Proseminars zur Kant'schen Kritik der praktischen Vernunft oder Gender Studies gekommen sind.

Wer sich in seinem Leben nie theoretisch mit Geschlechterverhältnissen beschäftigt hat, wer stattdessen gelernt hat, dass es höflich ist, Komplimente zu machen, der fühlt sich schnell ausgeschlossen, wenn eine Frau schockiert darüber ist, jung und schön genannt worden zu sein. Ein Diskurs, dessen Gegenstand alle betrifft und viele zu Schuldigen macht, sollte nicht nur von einer kleinen, elitären Gruppe geführt werden können. Denn sonst könnten sich die gegensätzlichen Lebensrealitäten noch mehr voneinander entfernen.

Und was die Grenze zwischen einem Kompliment und Sexismus betrifft, halte ich es mit Oscar Wilde: "Komplimente sind wie Parfüm. Sie dürfen duften, aber nie aufdringlich werden."