Ich stehe auf einem schmalen, mehr braunen als grünen Rasenstreifen vor einem Betonkoloss im Nordwesten Dortmunds und kann den Horizont nicht ausmachen. Der acht Gebäude umfassende Hochhauskomplex endet scheinbar nirgendwo, weder in der Höhe noch in der Breite. Ich befinde mich vor Hannibal II, einem der beiden Terrassenbauten, die seit Mitte der siebziger Jahre zum Stadtbild gehören. Es herrscht Ausnahmezustand. Am Tag zuvor haben die 800 Bewohner die Aufforderung zur sofortigen Räumung bekommen. Jetzt versuchen sie, weiteres Hab und Gut zu sichern. Auf dem Pfad vor den schäbig wirkenden Hauseingängen haben sich Grüppchen gebildet. Kinder sitzen auf ausgebeulten Koffern oder ziehen schwer beladene Trolleys hinter sich her. Frauen tragen übervolle Wäschekörbe, ein junger Mann hat eine Wasserpfeife in der einen und eine Zimmerpflanze in der anderen Hand. Es scheint, als wisse er nicht, wohin damit. Obwohl sich sehr viele Menschen auf dem Gelände befinden, ist es auffallend ruhig. Stoisch werden Tüten und Matratzen verräumt, die Gesichter der Bewohner sind zumeist verschlossen, von fern höre ich den für das Ruhrgebiet so typischen Spruch: "Muss halt."

Melanie Huber lebt als freie Journalistin in Kiel. Zurzeit ist sie im Rahmen des literarisch-journalistischen Projektes www.stadt-land-text.de als Stipendiatin im Ruhrgebiet unterwegs. © Simona Bednarek

Plötzlich ein Schrei vor dem Hochhauseingang Nummer 16: Ein Mann, umringt von Sicherheitspersonal, beschwert sich lautstark über den versperrten Zugang. In der Nacht hatte die Stadt alle 412 Wohnungen des Hannibal versiegelt und die Schließanlagen der Gebäude ausgetauscht. Rein kommt nur noch, wer sich zuvor an zentraler Stelle anmeldet und als Mieter ausweisen kann. Und dann auch nur in Security-Begleitung. Neben dem wütenden Mann kniet weinend die Freundin, sie wirft Kosmetika, Küchenutensilien und Kleidungsstücke wahllos und mit verzweifelter Wucht in Umzugskisten. Und wäre das nicht schon genug, steht auch noch ein Fernsehteam in unmittelbarer Nähe und filmt die Szene. Als die junge Frau es nicht mehr erträgt, tut sie das einzig Nachvollziehbare: Sie greift nach dem Klapprad, das neben den Kisten steht, steigt auf und fährt aus dem Bild.

Im Profil sehen sie aus wie riesige Elefanten, und vielleicht passt das wuchtige Bild auch zu der öffentlichen Wahrnehmung der beiden Terrassenbauten Hannibal I und II. Wie so viele andere Betonhochhäuser in Deutschland haben die beiden Wohnkomplexe ein Imageproblem. Das mag auch an dem hohen Instandhaltungsbedarf liegen, den man in der Boomphase des Brutalismus so noch nicht abgesehen hatte. Trotz großzügiger Grundrisse, Wohnungen, die sich über mehrere Etagen erstrecken und weitläufiger Terrassen sind die Kolosse im Laufe der Jahre zu Sinnbildern des sozialen Abstiegs geworden – und das hat auch mit der Vernachlässigung der Bausubstanz durch die privatwirtschaftlichen Eigentümer zu tun, so die Einschätzung des Geschäftsführers des Dortmunder Mietervereins, Rainer Stücker. Der Sanierungsstau machte sich nicht erst seit gestern bemerkbar. Doch der Wohnraum ist hier günstig und die Stadt nutzt das Angebot gerne, um den  angespannten Wohnungsmarkt zu entlasten. Etwa 500 der 800 Bewohner von Hannibal II empfangen Sozialleistungen.

Zwar hat sich das Bild der einstigen Arbeiterstadt dank konsequent verfolgten Strukturwandels zum Positiven gewandelt und die Einwohnerzahl steigt stetig – 2016 waren es erstmals seit 20 Jahren wieder 600.000 – sind die beiden Hannibal-Komplexe Beispiele dafür, wie dringend sozialer Wohnraum benötigt wird. Und wie prekär die Lage werden kann, wenn nicht die öffentliche Hand Eigentümerin ist.

Am 21. September vermeldete die Stadt Dortmund überraschend, Hannibal II müsse umgehend geräumt werden. Der Grund waren Brandschutzmängel, die nach Hinweisen von Mietern während einer außerordentlichen Begehung des Wohnkomplexes festgestellt wurden. Zwischen Tiefgarage und den Wohnungen herrsche keine räumliche Trennung, die Ver- und Entsorgungsschächte gingen in direkter Verbindung nach oben und durch die Wohnräume. Würde in der Tiefgarage ein Feuer ausbrechen, wären innerhalb kürzester Zeit alle Wohnungen verraucht. Außerdem fehlten ausreichend Rettungswege. "Leib und Leben" seien akut in Gefahr, stellte die Stadt fest. Entsprechend schnell war der Terrassenbau evakuiert.

Eine Einigung kann dauern

Der Schritt verwundert nicht: Im Juni starben bei einem Hochhausbrand in London 80 Menschen. Ein defekter Kühlschrank löste das Feuer aus, verheerend wurde es, weil die Fassade des Grenfell Tower sich als viel zu leicht entflammbar herausstellte. Stadtverwaltung und Wohnungsgesellschaft werden Fahrlässigkeit vorgeworfen. Und erst vor acht Wochen musste in Wuppertal ein elfstöckiges Hochhaus zeitweise geräumt werden, weil die Fassade ebenfalls als nicht feuersicher eingestuft wurde. Zwar handelt es sich bei Hannibal II nicht um ein Fassaden-, sondern um ein "inneres Problem", wie die Stadt die bestehenden Brandschutzmängel treffenderweise zusammenfasst, dennoch ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Wuppertaler Hochhaus und dem Dortmunder Komplex offensichtlich: Beide Gebäude gehören derselben Wohnungsgesellschaft, der Intown-Gruppe, die in Deutschland Eigentümerin mehrerer problembehafteter Immobilien ist, so etwa auch von einem Hochhausgebäude in Schwerin, das zuletzt im Juli wegen Missständen in den Medien war.

Bei all der Aufmerksamkeit um Gebäude und Eigentumsverhältnisse: Wie geht es den 800 Menschen, die von jetzt auf gleich ihre Wohnungen räumen mussten? Die aus ihrem Alltag gerissen wurden und auf die Schnelle entscheiden mussten, was nehme ich mit, was lasse ich da? Bügelbretter, Winterreifen, Fotoalben?

Eine Woche nach der Räumung stehe ich noch einmal vor dem Hannibal und habe das Gefühl, es sei in der Zwischenzeit nichts geschehen: Vor dem Gebäude warten Mieter darauf, in ihre Wohnungen gelassen zu werden. Brandwachen sind vor Ort und immer noch Sicherheitspersonal. Die Abwicklungen verlaufen friedlich. Im Supermarkt nebenan wird eingekauft. In der Stadt redet keiner so richtig über den Vorfall. Mit der Presse möchten die Mieter auch nicht mehr sprechen. Es ist still in Dortmund.

Ich kontaktiere den Mieterverein: Mittlerweile leben mehr als 300 Bewohner in Notwohnungen und Gemeinschaftsunterkünften, verteilt über die ganze Stadt. Es sind ehemalige Flüchtlingsunterkünfte, die die Verwaltung nach dem Rückgang der Zahl der Geflüchteten eigentlich wieder anderweitig verwenden wollte. Das Stimmungsbild, das der Mieterverein eingefangen hat, ist deutlich: Unverständnis, Verzweiflung, aber auch Resignation: "Jetzt interessiert sich die Stadt endlich für die Probleme unserer Häuser und prompt setzt sie uns auf die Straße." Von der Eigentümerin fühlten sich die Hannibal-Mieter schon länger hängengelassen. Seit der Zwangsversteigerung im Dezember 2011 habe sich, bis auf ein paar Renovierungen von Einzelwohnungen, wenig getan, immer wieder auftretende Störungen, wie etwa der Ausfall von Fahrstühlen, seien nicht nur Ärgernisse, sondern auch Hinweise auf eine vernachlässigte Sorgfaltspflicht. Die Bewohner tauschten sich aus, würden sich, soweit es geht, gegenseitig unter die Arme greifen.

Dass die Intown-Gruppe jetzt plant, einen Container neben den seit der Räumung betriebenen Infostand der Stadt vor dem Hannibal II zu installieren, um dort vermietereigene Wohnungen zu vermitteln, hilft den Mietern wenig, weil die meisten der Angebote sich überall im Ruhrgebiet, nicht aber in Dortmund befinden. Nicht nur, dass sie durch die Räumung aus ihrem direkten Umfeld gerissen wurden – sie müssten auch noch weg aus Dortmund. Mit der Möglichkeit der sofortigen Aufhebung des Mietverhältnisses, das die Hannibal-Eigentümerin den Mietern jetzt anbietet, fühlen die sich gleich doppelt auf die Straße gesetzt. Vor allem für Familien mit Kindern ist das eine Katastrophe. Die Stadt versucht zu helfen, aber der örtliche Wohnungsmarkt kann für so viele gleichzeitig gestellte Nachfragen nicht genügend bezahlbaren Wohnraum bieten. Deshalb bat die Stadt nach der Evakuierung weitere Wohnungsgesellschaften um Hilfe. Dass die Mängel schnell behoben und die Bewohner in absehbarer Zeit wieder in ihre Wohnungen zurück können, scheint ausgeschlossen: Die Intown-Gruppe hat, noch vor der Einrichtung einer Servicehotline und der Mitteilung über den geplanten Info-Container, erst einmal die Stadt wegen der Räumung verklagt. Die Eigentümerin jedoch, sagt der Leiter des städtischen Krisenstabes, Ludger Wilde, müsse die Mängel aufnehmen und den Brandschutz wieder herstellen. "Das ist eine ganz klare Rollenverteilung." Eine Einigung kann dauern. Allerdings hat die Intown-Gruppe inzwischen eine Stelle für einen Brandschutzbeauftragten ausgeschrieben. Zu dessen Aufgaben sollen gehören: das Erstellen und Umsetzen eines Brandschutz­konzeptes sowie die Planung, Organisation und Durchführung von Räumungsübungen.