Der Schritt verwundert nicht: Im Juni starben bei einem Hochhausbrand in London 80 Menschen. Ein defekter Kühlschrank löste das Feuer aus, verheerend wurde es, weil die Fassade des Grenfell Tower sich als viel zu leicht entflammbar herausstellte. Stadtverwaltung und Wohnungsgesellschaft werden Fahrlässigkeit vorgeworfen. Und erst vor acht Wochen musste in Wuppertal ein elfstöckiges Hochhaus zeitweise geräumt werden, weil die Fassade ebenfalls als nicht feuersicher eingestuft wurde. Zwar handelt es sich bei Hannibal II nicht um ein Fassaden-, sondern um ein "inneres Problem", wie die Stadt die bestehenden Brandschutzmängel treffenderweise zusammenfasst, dennoch ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Wuppertaler Hochhaus und dem Dortmunder Komplex offensichtlich: Beide Gebäude gehören derselben Wohnungsgesellschaft, der Intown-Gruppe, die in Deutschland Eigentümerin mehrerer problembehafteter Immobilien ist, so etwa auch von einem Hochhausgebäude in Schwerin, das zuletzt im Juli wegen Missständen in den Medien war.

Bei all der Aufmerksamkeit um Gebäude und Eigentumsverhältnisse: Wie geht es den 800 Menschen, die von jetzt auf gleich ihre Wohnungen räumen mussten? Die aus ihrem Alltag gerissen wurden und auf die Schnelle entscheiden mussten, was nehme ich mit, was lasse ich da? Bügelbretter, Winterreifen, Fotoalben?

Eine Woche nach der Räumung stehe ich noch einmal vor dem Hannibal und habe das Gefühl, es sei in der Zwischenzeit nichts geschehen: Vor dem Gebäude warten Mieter darauf, in ihre Wohnungen gelassen zu werden. Brandwachen sind vor Ort und immer noch Sicherheitspersonal. Die Abwicklungen verlaufen friedlich. Im Supermarkt nebenan wird eingekauft. In der Stadt redet keiner so richtig über den Vorfall. Mit der Presse möchten die Mieter auch nicht mehr sprechen. Es ist still in Dortmund.

Ich kontaktiere den Mieterverein: Mittlerweile leben mehr als 300 Bewohner in Notwohnungen und Gemeinschaftsunterkünften, verteilt über die ganze Stadt. Es sind ehemalige Flüchtlingsunterkünfte, die die Verwaltung nach dem Rückgang der Zahl der Geflüchteten eigentlich wieder anderweitig verwenden wollte. Das Stimmungsbild, das der Mieterverein eingefangen hat, ist deutlich: Unverständnis, Verzweiflung, aber auch Resignation: "Jetzt interessiert sich die Stadt endlich für die Probleme unserer Häuser und prompt setzt sie uns auf die Straße." Von der Eigentümerin fühlten sich die Hannibal-Mieter schon länger hängengelassen. Seit der Zwangsversteigerung im Dezember 2011 habe sich, bis auf ein paar Renovierungen von Einzelwohnungen, wenig getan, immer wieder auftretende Störungen, wie etwa der Ausfall von Fahrstühlen, seien nicht nur Ärgernisse, sondern auch Hinweise auf eine vernachlässigte Sorgfaltspflicht. Die Bewohner tauschten sich aus, würden sich, soweit es geht, gegenseitig unter die Arme greifen.

Dass die Intown-Gruppe jetzt plant, einen Container neben den seit der Räumung betriebenen Infostand der Stadt vor dem Hannibal II zu installieren, um dort vermietereigene Wohnungen zu vermitteln, hilft den Mietern wenig, weil die meisten der Angebote sich überall im Ruhrgebiet, nicht aber in Dortmund befinden. Nicht nur, dass sie durch die Räumung aus ihrem direkten Umfeld gerissen wurden – sie müssten auch noch weg aus Dortmund. Mit der Möglichkeit der sofortigen Aufhebung des Mietverhältnisses, das die Hannibal-Eigentümerin den Mietern jetzt anbietet, fühlen die sich gleich doppelt auf die Straße gesetzt. Vor allem für Familien mit Kindern ist das eine Katastrophe. Die Stadt versucht zu helfen, aber der örtliche Wohnungsmarkt kann für so viele gleichzeitig gestellte Nachfragen nicht genügend bezahlbaren Wohnraum bieten. Deshalb bat die Stadt nach der Evakuierung weitere Wohnungsgesellschaften um Hilfe. Dass die Mängel schnell behoben und die Bewohner in absehbarer Zeit wieder in ihre Wohnungen zurück können, scheint ausgeschlossen: Die Intown-Gruppe hat, noch vor der Einrichtung einer Servicehotline und der Mitteilung über den geplanten Info-Container, erst einmal die Stadt wegen der Räumung verklagt. Die Eigentümerin jedoch, sagt der Leiter des städtischen Krisenstabes, Ludger Wilde, müsse die Mängel aufnehmen und den Brandschutz wieder herstellen. "Das ist eine ganz klare Rollenverteilung." Eine Einigung kann dauern. Allerdings hat die Intown-Gruppe inzwischen eine Stelle für einen Brandschutzbeauftragten ausgeschrieben. Zu dessen Aufgaben sollen gehören: das Erstellen und Umsetzen eines Brandschutz­konzeptes sowie die Planung, Organisation und Durchführung von Räumungsübungen.