Gerade ist das beliebteste Drogenfestival des Landes, das Münchener Oktoberfest, zu Ende gegangen. 6,2 Millionen Besucher wurden von den Veranstaltern gezählt, insgesamt 7,5 Millionen Liter Bier wurden getrunken. 85 Alkoholvergiftungen meldete die Münchener Universitätsklinik bereits zur Halbzeit des Festivals, der am stärksten betrunkene Patient hatte 3,14 Promille Alkohol im Blut. Zahlreiche Herzattacken mussten in der Klinik behandelt werden, die ein eigenes Ausnüchterungszentrum eingerichtet hatte.

Zwei betrunkene Eltern warfen mehrmals einen Kinderwagen um, in dem ein Einjähriger lag, und wollten dann die Sicherheitskräfte verprügeln, die das Kind vor ihnen zu schützen gedachten. Betrunkene deutsche Männer versuchten sich gegenüber Frauen unterschiedlicher Nationalitäten an sexuellen Übergriffen. Andere betrunkene deutsche Männer zeigten den Hitlergruß. Der Münchener S-Bahn-Verkehr musste mehrere Male unterbrochen werden, weil betrunkene Oktoberfestbesucher sich auf den Gleisen verirrt hatten oder diese mit voller Absicht als Orientierung für den Heimweg benutzten. Unter dem Hashtag #leitkultur beschrieb ein Facebook-Nutzer seine Erlebnisse am nächtlichen Hauptbahnhof folgendermaßen: "Überall brüllende Besoffene, eine junge Frau kackt mitten zwischen den Fußgängern an die Laterne (keine Sorge, sie trug kein Kopftuch), alle taumeln hin und her wie bei einer Zombie-Invasion, Sicherheitsleute passen auf, dass die Zombies niemanden versehentlich auf die Gleise stoßen, überall schlafende Bierleichen, teilweise Kotze als Kissen." Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer lobte all dies als Ausdruck der deutschen Mehrheitskultur und forderte, dass der Begriff "Wiesn" endlich in den Duden aufgenommen wird.

"Eine gmiatliche Wiesn, eine wunderbare Wiesn", so lobte der Oktoberfestleiter Josef Schmid seine Veranstaltung zu ihrem Abschluss. Zur "Gmiatlichkeit" im Sinne der deutschen Leitkultur zählt also offenbar das uneingeschränkte Recht auf den Alkoholvollrausch, egal, welche Konsequenzen das für den Alkoholnutzer, seine Mitmenschen und seine Umwelt hat. Im Sinne einer liberalen Gesellschaft, die ihre Bürger als mündige Menschen betrachtet, ist diese Einstellung unbedingt zu begrüßen. Unverständlich bleibt allerdings der Umstand, dass sich das Recht auf Rausch auf dem Oktoberfest auch in diesem Jahr wieder auf die Einnahme einer einzelnen Substanz beschränkte. Im Gegensatz zum Alkoholsaufen war das Rauchen von Zigaretten, wie seit 2010 schon, außerhalb kleiner Sonderbereiche verboten, obwohl die durch Tabakgenuss erzeugten körperlichen Effekte weder zu sexuellen Übergriffen noch zu anderweitig aggressivem Verhalten verleiten. Ebenfalls nicht erlaubt war der Genuss von Marihuana, obwohl dieses – anders als der alkoholbedingte Rausch – den Nutzer meist friedfertig und sanftmütig stimmt. Dennoch meldete die Polizei schon zur Halbzeit des Oktoberfests doppelt so viele Festnahmen wie im Vorjahr wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, die meisten davon wegen Marihuana. Die Zunahme habe vor allem damit zu tun, dass die Wiesn nun flächendeckend mit Überwachungskameras versorgt sei.

Andere Städte, andere Drogen

Warum bloß werden harmlose Kiffer mit Überwachungskameras gejagt, während sich drumherum Horden aggressiver Trinker unbehelligt ins Koma bringen? Warum ist der eine Rausch erlaubt und der andere nicht? Das sind keine ganz neuen Fragen. Aber selten wird die Absurdität unseres gesellschaftlichen und kulturellen Umgangs mit Drogen derart sichtbar wie auf dem Oktoberfest im Besonderen und in München im Allgemeinen. Nirgendwo sonst wurden Kiffer schon seit Jahrzehnten so drakonisch verfolgt wie in der bayerischen Hauptstadt, und nirgendwo sonst wurde das Rauchverbot so früh und strikt durchgesetzt. Ich habe im vergangenen Jahr mehrmals versucht, im Münchener Nachtleben eine Bar zu finden, in der man rauchen darf, doch ohne Erfolg; selbst wenn sie wollten, könnten sie es nicht erlauben, klagten die Bar-Besitzer – ihre Nachbarn würden sie sofort beim Ordnungsamt anzeigen. München ist also nicht nur die Metropole des Vollsuffs, sondern auch das deutsche Kabul der Nichtraucher-Taliban. Wie kann es sein, dass ein gesellschaftlicher Konsens über den Drogenkonsum so inkonsistent und selbstwidersprüchlich ist?

Ich als Raucher bin jedenfalls froh, dass ich in Berlin lebe. Hier hat die Stadt ihre zaghaften Versuche, das Rauchverbot in Clubs und Bars durchzusetzen, schon vor einigen Jahren wieder eingestellt. Dazu ist das Publikum zu stoisch und renitent, und die soziale Kontrolle, die Blockwartmentalität der Bewohner scheint nicht so stark wie in München zu sein. Ähnlich ist es mit dem Marihuanakonsum. Wer etwas kaufen möchte, kann das im weltbekannten Görlitzer Park tun oder kommt auch schnell an einen Händler, der ihm höherwertige Substanzen zu beschaffen vermag; der Verfolgungsdruck durch die örtliche Polizei ist, sagen wir einmal, gering. Auch in Berlin darf man natürlich nicht darüber reden, welche Drogen man an welchen Orten nimmt, denn illegal ist das Ganze ja auch hier immer noch. Also lassen Sie es mich allgemein formulieren: Man vergleiche die von betrunkenen Männern beherrschte Stimmung auf dem Oktoberfest mit den entspannten Vibrationen in einem Berliner Technoclub, in dem das Publikum vor allem synthetische Drogen konsumiert hat, die das individuelle Glücksgefühl steigern sowie die Kontaktfreudigkeit und den Wunsch nach gemeinschaftlichem Erleben. Wenn man das tut, wird man sich hinterher fragen, warum gerade die Drogen, die euphorisch, weich und zugänglich machen, verboten sind – während die Droge, die einen aggressiv und zudringlich werden lässt, erlaubt und gesellschaftlich akzeptiert ist.