An der Suchtproblematik kann es nicht liegen: Abhängig werden kann man von Alkohol ebenso wie von Ecstasy oder Marihuana oder von Koffein. Wäre es nicht vielleicht doch einmal an der Zeit für einen weniger absurden, weniger arbiträren Umgang mit Drogen? Sollte man nicht doch einmal neu darüber nachdenken, warum wir verschiedene Rauschmittel so ungleich behandeln? Wobei es ja durchaus Stimmen gibt, die für Gleichbehandlung plädieren – aber dann nur im Verbot. Kaum sind die Kohorten von Experten verstummt, die uns jahrelang auf allen Medienkanälen über die Gefahren des Nikotingenusses aufklärten, schwillt schon der Chor derjenigen an, die das Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit verbieten möchten; sie wechseln sich mit jenen Experten ab, für die "Sitzen das neue Rauchen" ist; oder mit jenen, die den Konsum von Zucker generell verringern oder verbieten wollen. Wenn man all diese Vorschläge zusammennimmt, ergibt sich das puritanische Wunschbild eines dauerhaft nüchternen, stets in Bewegung befindlichen und zwischen Arbeitsstätte und Fitnessstudio hin und her hechelnden Menschen, der seine ganze Gesundheit und Körperkraft in den Dienst einer ebenso formierten wie freudlosen Gesellschaft stellt. Kann man das wollen? 

Nein. Drogen sind auch ein Mittel zur Selbsterkenntnis – und zu der Erkenntnis, dass das eigene Selbst sich eben nicht in den Zuschreibungen erschöpft, die ihm von der Gesellschaft aufgeprägt werden. Drogen bewirken eine "Disidentifizierung", wie der spanische Autor Paul P. Preciado in seinem Pamphlet Testo Junkie – Sex, Drogen und Biopolitik schreibt: "Disidentifizierung ist eine der Bedingungen des Auftretens der Möglichkeit, die Realität zu transformieren." Drogen können uns guttun; sie können uns dabei helfen, zu einem Menschen zu werden, der wir noch nicht sind und also mit unserer Subjektivität zu experimentieren – sofern wir selbstbestimmt und verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Aber den selbstbestimmten und verantwortungsvollen Gebrauch lernt man nicht in einer Umgebung, die den Drogenkonsum in rational nicht nachvollziehbarer Weise mit vielen Verboten und wenigen, ihrerseits nicht nachvollziehbaren Erlaubnissen reguliert. 

Immerhin, was den medizinischen Gebrauch von Cannabis und synthetischen Drogen angeht, setzt allmählich ein Umdenken ein. Für Schmerzpatienten ist Cannabis in einigen Ländern, seit Kurzem auch in Deutschland, erlaubt. Und Psylocybin – der Wirkstoff aus psychedelischen Pilzen – wird seit einer Weile in den USA zur Therapie von Angststörungen und Depressionen verwandt. Peter Gasser, ein schweizer Psychotherapeut, behandelt Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen erfolgreich mit LSD und MDMA. Der deutsche Autor Paul-Philipp Hanske hat vor zwei Jahren in seinem Buch Neues von anderen Seite sogar schon eine "Wiederentdeckung des Psychedelischen" konstatiert.

Für einen Relaunch der Drogendebatte

Psychedelische Drogen sind ohne Frage gefährlich. Wer nicht genau weiß, was er da nimmt; wer falsch dosiert oder die Drogen in der falschen Umgebung einwirft, kann auch auf sehr schlechte Trips kommen. Wer diese Drogen richtig benutzt, kann dabei aber auch tatsächlich – um ein Wort aus der heute so verpönten Hippie-Kultur der Sechziger- und Siebzigerjahre zu benutzen – bewusstseinserweiternde Erfahrungen machen, die ein ganzes Leben zum Positiven verändern können. Das belegen nicht nur die euphorischen Statements aus den Pionierjahren der psychedelischen Kultur von LSD-Aposteln wie Timothy Leary, sondern auch die Erfahrungsberichte, die der Psychotherapeut Gasser in den letzten Jahren von seinen Patienten gesammelt hat – von Menschen, die in Alter, Verhalten und sozialem Hintergrund denkbar weit von den "Turn on, tune in, drop out"-Hippies der Sechzigerjahre entfernt sind.  

Drogen sind gefährlich, schreibt auch Paul-Philipp Hanske, aber die Einschätzung ihrer Gefährlichkeit ist kulturell stark verzerrt. Dass LSD Ende der Sechzigerjahre verboten wurde, lag nicht an seinen physischen und psychischen Nebenwirkungen und Risiken, sondern an der Verbindung von LSD mit der von dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon entschieden bekämpften Gegenkultur; es war ja auch Nixon, der 1972 jenen nicht zu gewinnenden "war on drugs" entfachte, an dessen Folgen die Welt bis heute leidet. Das ist jetzt alles fünf Jahrzehnte her. Wäre es nicht an der Zeit für einen Relaunch der Drogendebatte? Für eine Deprogrammierung unseres immer noch vor allem an kulturellen Gewohnheiten orientierten und von den dazugehörigen politischen und industriellen Lobbys gesteuerten Diskurses darüber, welche Drogen man unter welchen Umständen nehmen darf oder sollte und welche nicht? Sicher wäre es kein gutes Zeichen für eine freie Gesellschaft, wenn man einen – mir und vielen anderen Menschen sehr unangenehmen – asozialen Exzess wie das Oktoberfest verböte. Sollen die Leute da halt saufen, grölen und kotzen. Aber mit welchem Recht dürfen dieselben Politiker, die diesen asozialen Exzess zum Bestandteil der deutschen Leitkultur verklären, mir und anderen Menschen jene Drogen verbieten, die uns aufgeschlossener machen: weicher, sozialer und veränderungsbereiter?