Es war ein notwendiges Missverständnis, anzunehmen, lesbische Frauen und schwule Männer seien weniger spießig, weniger langweilig und hätten ein geringeres Bedürfnis nach Anpassung als heterosexuelle Frauen und Männer. Diese Fehleinschätzung begleitete den Befreiungskampf der Homosexuellen der 1970er- und 1980er-Jahre und war Grundlage dafür, homosexuelle Ausrichtung als politisch zu begreifen. Gerade für Frauen, die sich während der Emanzipationsbewegung wie ein Bohrer durch die Mauern des Patriarchats fraßen, war das Lesbischsein mit dem Ideal verknüpft, ein Leben außerhalb patriarchaler Strukturen führen zu können.

Silke Burmester, Journalistin, Autorin und Natural-born-Feminist. Sie lebt in Hamburg, hat einen Sohn und war nie verheiratet. Sollte sie mit 75 von Altersarmut betroffen sein, will sie einen alten Sack ehelichen. © privat

Grenzte es zwar Frauen voneinander ab, ob sie beim Sex einen Penis in der Vagina haben oder etwas anderes, einte sie doch das Ziel, als eigenständiges, unabhängiges Wesen wahrgenommen zu werden und sich als solches in der Gesellschaft zu behaupten. Es war die Zeit, als Frauen gegen die Hausfrauenrolle aufbegehrten und Scheidung eine Option wurde, um eine ungute Ehe zu beenden (und viele den Mut fanden, zu schauen, was es mit der Liebe zu und unter Frauen auf sich hat). In den 1970er-Jahren war die Befreiung aus der Ehe für viele mehr als ein individueller Akt im luftleeren Raum. Es war auch ein politischer Akt in einem gesellschaftspolitisch relevanten Kontext.

Warum hätte in einer solchen Zeit irgendeine Lesbe auf die Idee kommen sollen, heiraten zu wollen? Heiraten, das war das Korsett der anderen, die Zwangsjacke, in die sich arme Heteros aus irgendeinem unverständlichen Grund – noch dazu freiwillig – begaben. Auch viele schwule Männer blickten mitleidig auf die Entsagung, zu der sich so viele ihrer Geschlechtsgenossen verpflichteten, während ihr Leben auch innerhalb einer festen Beziehung so viele hübsche Alternativen bereithielt.

Es ist eine Freude, ein Sieg, ein Triumph, wenn jetzt, rund 40 Jahre später, zum 1. Oktober Lesben und Schwule eine Ehe eingehen können, die der zwischen Heterosexuellen gleichgestellt ist. Wenn ihnen nicht länger lediglich eine "Verpartnerung" angeboten wird, die in ihren beschnittenen Rechten so deutlich machte: Ihr seid als Mensch nicht gleichberechtigt. Ihr habt den falschen Sex. Ihr macht mit euren Geschlechtsteilen nicht das, was die Mehrheit damit macht und was die Kirche gut findet, weswegen wir euch leider die Rechte der Mehrheit vorenthalten.