Wenn Apple ein neues Gerät vorstellt, ist das nicht nur ein mediales Ereignis für die Tech-Branche. Neue Produkte aus Cupertino setzen auch gesellschaftliche Signale. Das iPhone hat die Welt nach seinem Launch im Jahr 2007 in atemberaubendem Tempo verändert. Smartphones sind Identitäts- und Gedankenprothesen, externe Festplatten, auf denen wir die privatesten Dinge speichern. Ihre Auswertung durch den Staat oder durch Unternehmen kommt dadurch fast einer Körperverletzung gleich. Moderne Telefone sind Messgeräte, mit denen man praktischerweise noch telefonieren und ins Internet gehen kann – aber nicht nur die Nutzer durchmessen die Welt mit ihnen, sie werden auch selbst durch ihre Smartphones vermessen. Die Gesichtserkennung, die Apple seinem neuen iPhone X hinzugefügt hat und mit der sich das Gerät per biometrischer Authentifizierung entsperren lässt, folgt deshalb einer Logik des Messens, die der Smartphone-Technik immanent ist. Eine Kamera vermisst biometrische Merkmale im Gesicht des Nutzers und weist ihn als rechtmäßigen Inhaber aus. Der Nutzer braucht seinen Finger nicht mehr auf das Gerät zu legen – der Home-Button ist im Design verschwunden –, er muss es einfach anschauen.

Apple schreibt über seine neue Gesichtserkennungssoftware in schönstem Werbesprech: "Face ID revolutioniert die Authentifizierung auf iPhone X mit einem hochmodernen TrueDepth-Kamerasystem, das aus einem Punktprojektor, einer Infrarotkamera und einem Infrarotbeleuchter besteht und vom A11 Bionic angetrieben wird, um ein Gesicht präzise zu kartographieren und zu erkennen. Face ID projiziert mehr als 30.000 unsichtbare IR-Punkte. Das IR-Bild und das Punktmuster werden durch neuronale Netze geschoben, um ein mathematisches Modell des Gesichts des Anwenders zu erstellen und die Daten an die Secure Enclave zu senden, um eine Übereinstimmung zu bestätigen, während maschinelles Lernen körperliche Veränderungen des Erscheinungsbilds im Laufe der Zeit nachempfindet."

Das Gesicht wird zum Ausweis

Die Botschaft lautet: Wir brauchen keinen Fingerabdruck mehr von euch, wir erkennen euch auch so! Man kann aus dieser Produktbeschreibung und auch am Design des neuen iPhones einiges ablesen. Buchstäblich bedeutet der Terminus Face ID, dass das Gesicht zum Ausweis wird. Und der Begriff TrueDepth, dessen Neusprech erst in der deutschen Übersetzung "wahre Tiefe" deutlich wird, suggeriert, dass Apple aus Sensorendaten nicht nur ein mathematisches Modell des Gesichts berechnen, sondern auch die Tiefenstrukturen unserer Identität ergründen möchte. Was ist das wahre Ich?

Das Gesicht ist die Visitenkarte der Persönlichkeit, das Fenster zur Seele – und der älteste Informationsträger des Menschen. In diesem Ausdrucksapparat suchten schon unsere Urahnen nach der Wahrheit einer Person. Setzt das Gegenüber ein Pokerface auf, verbirgt es seine Gefühle hinter einer Maske? Wissenschaftler der Universität Stanford haben kürzlich eine KI entwickelt, die vorgibt, anhand von Porträtfotos die sexuelle Orientierung eines Menschen vorhersagen zu können. Zwar trifft die Studie keine deterministischen, sondern probabilistische Aussagen, doch beruht sie auf deterministischen Annahmen, die Individuen zu Merkmalsträgern reduziert. Nach dem Motto: Weil der Mensch so aussieht, muss er so sein.

Die Maschine hat den Menschen demaskiert

Es gibt in der westlichen Literatur und Philosophie eine lange Tradition, vom äußeren Erscheinungsbild auf Charaktereigenschaften zu schließen. Das beginnt spätestens bei Platons Verbindung vom "Schönen und Guten" und setzt sich fort in der unbescholtenen Tradition der literarischen Charakterisierung. Im 18. Jahrhundert ging der Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater in seinen Physiognomischen Fragmenten dazu über, bestimmten Körpermerkmalen eine feste charakterliche Bedeutung zuzuschreiben. Er entwickelte ein typisierendes Verfahren, um aus Gesichtsfeatures Persönlichkeitsmerkmale abzulesen. Sein Credo lautete: "Je moralisch besser, desto schöner. Je moralisch schlimmer, desto hässlicher." Die Physiognomik mündete in Abstrusitäten und bereitete den Nährboden für Rassenwahn und Eugenik. Dass man an der Gestalt irgendwelche Charakterzüge ablesen kann, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die kriminologische Gesichtserkennung beruht aber auf ähnlich kruden Annahmen. Zwar versucht sie diese mit Big-Data-Methoden und statistischen Berechnungsverfahren (neu) zu beglaubigen und in das Gewand der Wissenschaftlichkeit zu kleiden, aber auch die neuen Physiognomiker klassifizieren das Konterfei nach einem prädefinierten Raster.

Auch Tech-Konzerne wollen in unserem Gesicht lesen – respektive es gleich auslesen. Der Körper und seine Regungen sind für sie eine einzige Informationsquelle über die Verfasstheit potenzieller oder aktueller Kunden. Mit Apples 3D-Gesichtserkennung lassen sich animierte Emojis kreieren, die in Echtzeit Mimik und Bewegungen des Nutzers imitieren. Eine Software überträgt den Gesichtsausdruck auf ein Emoji. Wenn der Anwender zwinkert oder die Lippen schürzt, tut ihm das der Avatar gleich. Man kann als plapperndes Einhorn oder schimpfender Kackhaufen Konversationen bestreiten. Auf den ersten Blick wirken diese Animojis wie Gesichtsattrappen auf einem infantilen Maskenball. Doch es sind verblüffend authentische Animationen unserer Gesichter. Die Maschine hat den Menschen demaskiert.