Es hat alles nichts genutzt: Nicht, dass er sich entschuldigt hat, nicht, dass er sich seit einiger Zeit von der Anwältin seiner Firma beraten ließ, nicht dass er sich mit betroffenen Frauen außergerichtlich einigte, und dass er in therapeutischer Behandlung war. Am Sonntag wurde der mächtige Studioboss Harvey Weinstein, einer der einflussreichsten Filmschaffenden in den USA, von seiner eigenen Firma entlassen. Fristlos.

Eigentlich klingt die Mär von der Besetzungscouch ja derart abgeschmackt, dass sie nicht einmal mehr für schlechte Witze taugt. Nun stellt sich heraus, dass die Realität leider genauso abgeschmackt ist. Harvey Weinstein musste gehen, nachdem letzte Woche etliche Schauspielerinnen und Firmenangestellte in der New York Times massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn erhoben hatten. Am Sonntag entschieden die übrigen Direktoren der Weinstein Company, dass die Beschäftigung des 65-Jährigen mit sofortiger Wirkung beendet sei. Fünf der neun Aufsichtsratsmitglieder traten US-Medienberichten zufolge ebenfalls zurück – aus einem Gremium, das ausschließlich aus Männern besteht. "Übrig" sind nun noch Harveys Bruder Robert Weinstein, Lance Maerov, Richard Koenigsberg und Tarak Ben Ammar.

Zu den Frauen, die von Vorfällen aus drei Jahrzehnten berichten, gehört auch der Filmstar Ashley Judd. Wie Judd berichten auch andere davon, dass Weinstein sie zu angeblichen Arbeitstreffen in sein Luxushotelzimmer bat, um sich dort eine Massage von ihnen zu wünschen oder dass sie ihm beim Duschen zusehen. Immer wieder soll Weinstein jungen Schauspielerinnen oder Firmenneulingen versprochen haben, ihnen bei der Karriere zu helfen, wenn sie ihm sexuell zu Diensten seien. In mindestens acht Fällen kam es zu außergerichtlichen Einigungen: Geld gegen Stillschweigen.

Filmproduzent - Weitere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Harvey Weinstein »The New Yorker« berichtet von angeblichen Vergewaltigungen. Die Hollywoodstars Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie widersetzen sich der sexuellen Belästigung. © Foto: Danny Moloshok / Reuters

Stereotyp vom Traumfabrikboss

Zwar ist der mit sechs Oscars prämierte Weinstein, der mit seinem Bruder Bob zunächst die erfolgreiche Produktionsfirma Miramax betrieb und nach deren Verkauf an Disney 2005 die Weinstein-Company gründete, kein Hollywoodmogul, sondern ein Independent-Produzent mit Sitz in New York. Auf das Konto der Weinsteins gehen Welterfolge wie die Oscargewinner Shakespeare in Love, The Artist und The King's Speech, Martin Scorseses Gangs of New York oder auch die Tarantino-Produktionen Inglorious Basterds, Django Unchained und zuletzt The Hateful Eight. Dennoch verkörpert Harvey Weinstein das Stereotyp vom Traumfabrikboss geradezu, das Bild vom korpulenten, Zigarre rauchenden, jovialen, aufbrausenden Produzenten.

Wer ihn einmal auf dem Filmfest in Cannes sah, wie er durch die Rue d’Antibes eilt, mit einem halben Dutzend, handybewehrter (männlicher) Assistenten im Schlepptau, die abwechselnd nach vorne zum Chef eilen, um ihm das nächste Telefonat zu reichen, vergisst diesen Anblick der zur Schau gestellten Macht nicht mehr.

Produzenten wie Weinstein jonglieren mit vielen Millionen Dollar, sie haben tatsächlich das Potenzial, Karrieren zu kreieren oder zu zerstören. In der Branche, so heißt es jetzt, war Weinsteins Sexismus ein offenes Geheimnis, ebenso wie sein cholerisches Wesen.

Der Fall Weinstein hat viele Facetten. Zum einen wegen Weinsteins Statement in der New York Times, in dem der mit der britischen Modedesignerin Georgina Chapman verheiratete Mann und Vater zweier Kinder den Kampf gegen seine Dämonen verspricht und den Rapper Jay Z zitiert: "Ich bin nicht der Mann, für den ich mich hielt, der ich aber sein sollte, meiner Kinder zuliebe". Das Statement beginnt mit Weinsteins Hinweis, dass er ein Kind der sechziger und siebziger Jahre sei, "als noch andere Regeln für das Benehmen und für den Arbeitsplatz galten. Es war die Kultur damals". Inzwischen habe er gelernt, dies sei keine Ausrede.