Geistige Freiheit und die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, hängen in unserer Vorstellung eng zusammen. KI-Systeme sind gerade dabei, diese Schwelle zu meistern. Über hunderttausend Menschen züchten sich bereits mithilfe der Chatbot-KI Replika eine Art Sprach-Tamagotchi heran, mit dem sie reden können, wenn es gerade sonst niemand tut. Ein Fokus der KI-Entwicklung liegt auf dem Auto. Bis das autonome Fahren flächendeckend zugelassen wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, aber schon jetzt gibt es Systeme, die den Fahrer beispielsweise danach fragen, warum er die Kurve so schnell genommen hat, ob er einen harten Tag hatte und ob es ihm nicht guttäte, zur Entspannung Chopin zu hören.  

Reden können sie also schon, die Maschinen, aber haben sie uns auch interessante Dinge zu erzählen? Dafür gibt es bisher wenige Anhaltspunkte. Vergangenes Jahr machte eine Meldung aus Japan die Runde: Eine von einem Algorithmus geschriebene Kurzgeschichte war in die nähere Auswahl für einen Science-Fiction-Literaturpreis gekommen. Dass die Einreichung von einer KI stammte, wussten die Juroren nicht. Letztlich bemängelten sie Defizite in der psychologischen Ausarbeitung der Figuren, lobten aber die stringente Erzählstruktur.

"Ich krümmte mich angesichts einer Lust, die ich zum ersten Mal verspürte, und schrieb aufgeregt weiter. Es war der Tag, an dem ein Computer einen Roman schrieb. Ein Computer, der seinem Streben nach Freude den Vorzug gab, hörte auf, für Menschen zu arbeiten." So endet die Kurzgeschichte. Man kann sie als autobiografische Erzählung lesen und in eine literarische Tradition einordnen, die aus der Epoche der Aufklärung stammt. Der Erzähler erlangt über das Schreiben Mündigkeit und löst sich so von seinen Fesseln. Die afroamerikanische Literatur hat beispielsweise so begonnen, mit autobiografischen Bildungsgeschichten ehemaliger Sklaven.

Sinnstiftung bleibt (vorerst) Menschensache

Allerdings hatten die japanischen Programmierer zentrale Parameter der Handlung und der Figuren vorgegeben. Lässt man den Computer einfach machen und füttert ihn zum Beispiel als Datengrundlage mit den Drehbüchern von Science-Fiction-Klassikern, kommt ein Film wie Sunspring dabei heraus. Er bildet die logische Quersumme all dieser Skripts und verpackt sie in das, was er für eine Handlung hält. Es gibt dort drei Figuren, eine Frau und zwei Männer, die Sätze sagen wie: "Nichts wird ein Ding sein. Aber ich bin derjenige, der auf diesen Felsen gekommen ist. Mit einem Baby." Doch es gibt kein Baby. Und er steht auch nicht auf einem Felsen, sondern auf einem Tisch, warum auch immer. Kurz zuvor hat der Kerl einen Augapfel ausgespuckt und dann weitergeredet, als sei nichts gewesen. 

Der "sinnstiftende Teil", der über das Erkennen und Wiederholen von Mustern hinausgeht, müsse bei schreibenden Algorithmen vom Menschen stammen, sagt Frank Feulner. Er ist Chief Visionary Officer von AX Semantics aus Stuttgart. Deren KI-Systeme übersetzen Daten in natürliche Sprache und generieren so zum Beispiel Sportmeldungen, individualisierte Wettervorhersagen oder Produktbeschreibungen für den Online-Handel. Um ein Chaos wie Sunspring zu vermeiden, müsse man dem Algorithmus sagen, auf welches Ziel hin er die vielen Daten analysieren solle. Für erzählende Texte könnte ein solches Ziel zum Beispiel lauten: Bringe den Leser zum Weinen. "Das wäre ein Ziel, das wir sogar in den nächsten Jahren formulieren könnten", sagt Feulner.

Der schreibende Algorithmus würde dann im Grunde nichts anderes tun als die KI im Auto, die gereizte Fahrer zu beruhigen versucht. Aus dieser Parallele lässt sich noch eine weitere Hypothese ableiten: Texte werden mit ihrem Leser interagieren und sich seinen Bedürfnissen anpassen können. Wie ein gelangweilter Leser aussieht, das wissen wir. Auch einer Software wäre es leicht beizubringen. Sensoren am E-Book-Lesegerät könnten die Gesichtszüge erfassen und gegebenenfalls das Erzähltempo hochfahren.