Wie aus einem Fantasyfilm sieht das aus: der kleine Oktopus, der sich zwei Kokosnussschalen unter die Fangarme geklemmt hat und ins Meer rennt.

Das kurze Video hat Margaret Atwood am Wochenende auf Twitter gepostet. Ich hatte keine Ahnung, dass es Oktopusse gibt, die rennen können und die sich Schalen oder Muscheln suchen, um sich darin zu verstecken, und die deshalb auch "Kokosnuss-Kraken" genannt werden. Gern entführt Margaret Atwood ihre Follower in andere Sphären.  

Bernadette Conrad ist freiberufliche Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Literaturkritik, Portrait und Reisereportage; tätig für das Schweizer Radio SRF2, DIE ZEIT u.a. Zuletzt erschienen von ihr "Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind" (btb 2016) und zusammen mit Usama Al-Shahmani "Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister" (Limmatverlag 2016). © Ekko von Schwichow

Man könnte denken, Kanadas berühmteste Schriftstellerin hätte in jenen zehn Tagen zwischen Verkündung des Literaturnobelpreises (für den sie dieses Jahr als drittwahrscheinlichste Kandidatin galt) und Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (den sie in Frankfurt erhält) anderes zu tun, als kleine Oktopusse ins Netz zu stellen. Und sie hat den Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro auch keineswegs ignoriert, ganz im Gegenteil: Zusammen mit ihrem Glückwunschtweet stellt Atwood eine Rezension ins Netz, die sie 2005 zu Ishiguros Roman Alles, was wir geben mussten geschrieben hatte – ein Buch über geklonte Kinder, deren Daseinsberechtigung sich darin erschöpft, Organspender zu sein. Atwood bewundert darin Ishiguros Fähigkeit, Mechanismen der Entmenschlichung literarisch zu beschreiben. "Schöne neue Welt" hieß ihr Artikel damals, mit dem sie nun Ishiguro gratuliert. Aber deshalb wird sie den World Octopus Day am 8. Oktober doch nicht ignorieren. "Wie werden SIE ihn feiern?", fragt sie in ihrem Tweet.

Wenn es etwas gibt, wofür Margaret Atwood zu jeder Zeit ihres inzwischen langen Schreiblebens stand, dann ist es die enorme – und ungewöhnliche – Bandbreite ihrer Themen und Kenntnisse. Immer schon rangierte die wilde und vielfältige Natur dabei ganz vorn. Nature the Monster hieß ein Kapitel in Survival, einem "Themenführer zur kanadischen Literatur", den sie 1972 als 33-jährige Literaturwissenschaftlerin publizierte, und in dem sie die Übermächtigung des kanadischen Menschen durch die wilde Natur beschrieb – bevor sich das Verhältnis verkehrte, und der Mensch zum Monster für die Natur wurde. Viel davon wusste sie aus eigener Erfahrung: Zusammen mit Mutter und Bruder war Atwood als Kind mit dem als Insektenforscher arbeitenden Vater in den kanadischen Wäldern unterwegs gewesen. Sie wuchs ohne fließendes Wasser und Elektrizität auf – dafür mit den Fertigkeiten, die ein Leben in der Natur erfordert. Eine, die rückwärtsgewandt Natur und Ursprünglichkeit beschwört, ist sie nie gewesen.  

Der Zeit voraus

"Sorry", hatte sie mit ihrer tiefen, vom vielen Lachen jung und biegsam gebliebenen Stimme gesagt, als ich sie das erste Mal zum Interview in einer Bar in Toronto traf, "die Verlagssitzung hat länger gedauert". Es war Sommer 2006 und sie sah fantastisch aus. Klein und zierlich, blitzende blaue Augen unter tellergroßem schwarzen Hut, erzählte sie von ihrer Idee des "Longpen", die gerade kurz vor der Realisierung stand: "Sie sitzen dann zu Hause und schauen mir am Bildschirm in die Augen, und ich sage: 'Hi, Bernadette, wie geht's? Wie ist das Wetter in Deutschland? Schieben Sie mein Buch jetzt einfach unter die Vorrichtung für den Longpen und sagen mir, was ich reinschreiben soll? Und soll ich noch eine kleine Katze dazu malen?'" Statt durch die Welt zu jetten und Kerosin zu verbraten, könne sie so direkten Kontakt mit Lesern aufbauen, die dann ihrerseits nicht in endlosen Warteschlangen anstehen müssten.

Ich hatte eigentlich mit ihr über ihre Frauenfiguren sprechen wollen, über Macht und Herrschaft, über ihre beunruhigenden Kurzprosatexte im gerade erschienenen Buch Das Zelt. Aber nun redeten wir eben über Technologie. Und ihr Engagement für gefährdete Vogelarten. Irgendwann dann auch über Frauen und Macht. "Viele Leserinnen der Räuberbraut berichteten mir, sie würden sich keineswegs mit Tony, Roz oder Charis identifizieren, den drei Frauen, aus deren empathischer Perspektive der Roman erzählt ist – sondern mit Zenia, der Bösen und Schönen. She's got the power." Ob Macht oder Longpen. Margaret Atwood ist ihrer Zeit einfach oft voraus.  

Sieben Jahre später traf ich sie in derselben Bar wieder. In der Zwischenzeit waren Gedichte erschienen und ihre Antwort auf die Finanzkrise: Payback, vor allem aber Das Jahr der Flut, der zweite Band ihrer dystopischen Trilogie, die davon erzählt, wie die wenigen Überlebenden einer globalen Seuche sich entweder der Kontrolle einer technokratischen Herrschaft unterwerfen – oder sich als kleine Gemeinschaft von "Gottesgärtnern" neu organisieren. Romane voller Schreckensbilder, die zu dem passten, was ich gerade anlässlich einer Reportage im kanadischen Alberta in echt gesehen hatte: Ölsandabbau, eine der verheerendsten Formen von Naturausbeutung. Endlose Strecken wüst aufgerissener Erde. Kontaminiertes Trinkwasser, enteignete Ureinwohner. "Die Welt ist süchtig nach Öl – wie nach Drogen", sagte Atwood kopfschüttelnd. "Wenn der Ölhahn morgen abgedreht würde, bräche das größte soziale Chaos aus."

Es war schwierig gewesen, in diesem Jahr einen Interviewtermin mit ihr zu bekommen, aber für das Thema Umwelt, Klima, unsere hausgemachte Zerstörung der Lebensgrundlagen hatte sie immer Zeit. Ob sie gegen Veränderung von Umweltgesetzen kämpft oder über Blaualgen twittert oder mit einer Theaterinszenierung von Das Jahr der Flut durchs Land tourt – sie lässt nicht locker. Und was wollte man dieser Priorität auch entgegenhalten? Wenn uns nach den fossilen Ressourcen eines Tages auch noch der Sauerstoff ausgeht, welche Prioritäten kann es dann noch geben? "Aber bis dahin wollen wir Menschen nicht akzeptieren, dass wir nicht alles haben können", sagt Atwood. Dabei – wäre es nicht das Normalste der Welt, zu Hause noch einen Pulli mehr anzuziehen statt wie verrückt zu heizen? Autos zum Fahren zu benutzen und nicht mit laufendem Motor irgendwo zu stehen und seine Mails zu checken?

Die "Magd" ist auf die Straße gegangen

Margaret Atwood, Expertin in der Bearbeitung ungeliebter Themen, wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen: für ihr "politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen", für ihre Haltung von "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz". Man kann sich nur aus ganzem Herzen darüber freuen.

Und sich plötzlich sehr wundern. Im Blick auf das "konkrete Engagement der vorherigen Preisträger", so hieß es im Kommentar der FAZ, sei dies eine "zweifelhafte Wahl", eine "halbgare Entscheidung". Atwood habe zwar öffentlich Kritik an Donald Trump geübt, aber im Übrigen sei weder der Feminismus der 77-Jährigen zeitgemäß, noch habe sie "die derzeit zweifellos nötige intellektuelle Kampfbereitschaft". Hat soviel Herablassung einzig mit Unkenntnis ihres Werks zu tun?

Eine unermüdliche Kämpferin

Man müsste sich ja nicht mit ihren über 40 Büchern auseinandersetzen, man müsste nicht einmal wissen, dass auf den Bestsellertischen aller amerikanischen Buchläden The Handmaid's Tale (Der Report der Magd) von 1985 wieder ganz vorne liegt, da die grandiose Neuverfilmung im Fernsehen gefeiert wird.

Nein, es ist die Gesellschaft selbst – ihr weiblicher Teil –, die öffentlich deutlich macht, wie sehr sie sich von Margaret Atwood vertreten fühlt. Frauen, die man in diesem Sommer in allen Medien auf den Straßen Nordamerikas sehen konnte; Frauen auf Protestmärschen und in Gerichtssälen in Texas, Ohio, North Carolina, die sich in großen Gruppen in die Tracht der Magd kleiden, um auf das subtile Herannahen von Herrschaftsverhältnissen aufmerksam zu machen, die Frauen wieder reduzieren wollen – auf Gebärfähigkeit, Nutzbarkeit, Beherrschbarkeit. Wann hat Literatur zuletzt so sichtbar die Buchseiten verlassen und ist auf die Straße gegangen?

Margaret Atwood wird ihren Preis in Frankfurt entgegennehmen. Das ist schön, findet auch sie. Aber: nicht das Wichtigste. "Das Wichtigste für uns aktuell", so sagte sie es im Interview mit der Welt von dieser Woche, "dass wir das Sterben der Ozeane aufhalten … Die Algen produzieren 60 Prozent des Sauerstoffs, den wir zum Atmen brauchen. Sterben die Ozeane, dann würden viele Menschen sterben … Könnte ich einen Zauberstab schwingen, würde ich die Ozeane entsäuern. Ich würde alles Plastik entfernen. Wir müssen unbedingt eine Lösung dafür finden."

Das Video mit der Kokosnuss-Krake auf ihrem Weg ins Meer schaue ich mir in diesen Tagen immer wieder an, in Endlosschleife. Und irgendwie sehe ich Margaret Atwood selbst darin, diese unermüdliche Kämpferin. "Halt durch, kleine Krake!", will ich dann rufen. Herzlichen Glückwunsch, Margaret Atwood!