ZEIT ONLINE: Lieber Herr Hausjell, aus deutscher Perspektive wirkt es so, als würden im österreichischen Wahlkampf Boulevardmedien eine viel größere Rolle spielen als in Deutschland. Teilen Sie diesen Eindruck?

Fritz Hausjell: Wenn man sich die Zahlen und die Reichweiten anschaut, dann ist Österreich definitiv ein durch den Boulevard geprägtes Medienland. Wir haben ja nicht nur die Kronen Zeitung, sondern auch noch die viel radikalere Boulevardzeitung Österreich und das gemäßigtere Blatt heute. Bei der Kronen Zeitung fällt auf, dass sie sich in jedem Wahlkampf deutlich für einzelne Politiker und Parteien positioniert. Dabei ist sie in ihrer Haltung recht wandlungsfähig.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für ein Problem, wenn Politiker sich von der Agenda der Kronen Zeitung stark beeinflussen lassen?

Hausjell: Wenn sich eine der Parteien mit der Kronen Zeitung "ins Bett legt", dann muss sie sich klar darüber sein, dass ein größerer Teil der qualitätsorientierten Blätter automatisch versucht, dagegen zu halten. Aus der Überlegung heraus: "Jetzt hat diese Partei einen publizistischen Vorteil, weil sie durch den Boulevard unterstützt wird, also müssen wir über sie noch kritischer und distanzierter berichten." Die Frage, welche Haltung einer Partei da besonders nützt, kann man nicht pauschal beantworten. Bei Österreich ist die Sache ein wenig komplexer: Die Zeitung lebt von Anzeigen, die von Parteien, aber auch von staatlichen Institutionen geschaltet werden. Das ist legitim. Problematisch ist es, wenn die Inserate als Druckmittel für wohlwollende Berichterstattung benutzt werden. Und wenn umgekehrt Boulevardzeitungen Druck auf die Politik ausüben, etwa mit einer negativen Berichterstattung, damit die Parteien noch mehr Inserate schalten.

ZEIT ONLINE: Die konservative ÖVP liegt in den Umfragen mit 33 Prozent vorn. Danach kommt die rechtspopulistische FPÖ mit 27 Prozent. Die drittstärkste Kraft ist die sozialdemokratische SPÖ mit 23 Prozent. Haben die Boulevardmedien diesen Rechtsruck ermöglicht?

Hausjell: Die besondere Situation bei dieser Wahl ist, dass der Bundeskanzler und SPÖ-Politiker Christian Kern sehr deutlich gemacht hat, dass er das System der umfangreichen Wahlwerbung in der Printpresse ablehnt. Das hat sicher auch dazu geführt, dass sich der Boulevard gegen ihn positioniert hat. Eigentlich war zu erwarten, dass sich die Kronen Zeitung und Österreich eher der sozialdemokratischen Partei verschreiben und sie unterstützen würden. Das Gegenteil ist passiert. Es gibt ganz besondere Attacken, insbesondere vonseiten der Österreich gegen die SPÖ. Das hat dazu geführt, dass  Kern Interviews abgesagt hat. Kürzlich hat der Herausgeber der Zeitung seine subjektive Prognose für das Wahlergebnis publiziert: Er hat die SPÖ an die dritte Stelle gesetzt, mit sehr deutlichem Abstand zu FPÖ und ÖVP. Das war eine Retourkutsche für die abgesagten Interviews und die Inseratsperre.

ZEIT ONLINE: Haben die Boulevardmedien in den letzten 20 Jahren eine Nähe zu rechtem Gedankengut gezeigt, also den Siegeszug der rechtspopulistischen FPÖ unterstützt?

Hausjell: Das Verhältnis zwischen Boulevard und FPÖ war schon immer überwiegend positiv. Das hat damit zu tun, dass die Themen, mit denen der Boulevard punktet – also reißerische Berichte über Kriminalität und Zuwanderung –, auch die Themen der FPÖ sind. Vor einem Jahr hat der Chefredakteur der Online-Krone zugegeben, dass es ein cross-play mit der FPÖ gibt – also dass Geschichten, die zum Teil von der FPÖ kommen, auf krone.at weiterverarbeitet werden. Storys werden von Heinz-Christian Strache beziehungsweise seinen PR-Leuten angeregt. Sie bereiten entsprechendes Material auf, das dann von krone.at zu journalistischen Beiträgen verarbeitet wird. Diese Beiträge werden dann auf Straches Facebook-Seite geteilt, wodurch sich der Traffic auf der Kronen-Seite wesentlich erhöht. Der Chefredakteur Richard Schmitt hat in einem Interview mit dem Magazin Fleisch wörtlich gesagt: "Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen. So ein Doppelspiel ist natürlich für die anderen Parteien gefährlich. Und auch da nicht falsch verstehen: Das könnten ÖVP und SPÖ natürlich auch machen. Sie machen es aber nicht."

ZEIT ONLINE: Ist es denn richtig, Österreichs Mediendiskurs als besonders rechtslastig zu bewerten, gerade im Vergleich zu Deutschland?

Hausjell: Ja. Der Boulevard vermeidet zwar mittlerweile antisemitische Anspielungen. Aber was den Diskurs über geflüchtete Menschen betrifft, hat sich die Situation verschlechtert. Rechtspopulistische Positionen reichen bis weit in die politische Mitte hinein. Der Boulevard erdreistet sich etwa, bei jedem Kriminalfall zu schreiben, ob der Täter ein Ausländer war. Das war früher weniger relevant. Statt nüchtern zu bleiben und die Angst, die von rechten Gruppen bespielt wird, tatsächlich journalistisch zu hinterfragen und zu zeigen, was uns die statistische Analyse der Kriminalsoziologie über die Taten sagt, wird einfach nur Hetze betrieben.