Es war ein Experiment in Sachen Ironie, das ziemlich schiefging. Claus Kleber stand in einem bis auf den letzten Platz besetzten Hörsaal der Heidelberger Universität, hielt einen Vortrag und parodierte im Verlauf der anschließenden Diskussion den Vorwurf, man lasse sich von der Politik bevormunden. Natürlich gebe es keine direkten Anweisungen, fing er an. Aber es sei doch völlig klar, sich mit der Kanzlerin oder eben ihrem Sprecher abzustimmen, sich auch mal beibiegen zu lassen, wann ein paar kritischere Töne in der Flüchtlingspolitik nötig seien; und wann man die Dauerkritik an Erdoğan und Putin ein wenig zurückzufahren habe. Denn schließlich würde Putin für den Frieden gebraucht und Erdoğan für die Lösung des Flüchtlingsproblems. Für die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen und für die Presse insgesamt sei es nur selbstverständlich, auf vitale Interessen des Staates Rücksicht zu nehmen; das sei einfach ihr Job, so Kleber. Und wartete ab.

Kein Protest aus dem Publikum, keine Kritik, nicht mal Rückfragen, stattdessen diffuse Zustimmung. Der eigentliche Schock, sagte Kleber, sei für ihn gewesen, dass die versammelten Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich davon ausgingen, dass Journalismus nun mal als von Politikern gelenkte Meinungsmache funktioniere. Er bezeichnet die achselzuckende Akzeptanz des Manipulationsgeredes als den bislang "schlimmsten Angriff" auf seine Journalistenehre. Das Erlebnis war Anlass und Auslöser seines aktuellen Buches, einer Streitschrift mit dem Titel Rettet die Wahrheit.

Vermutlich hat die Heidelberger Hörsaalszene tatsächlich eine zeitdiagnostische Brisanz. Denn der Verdacht, von den öffentlich-rechtlichen Medien und vermeintlich übermächtigen Journalisten manipuliert zu werden, ist gewandert – vom rechten Rand bis in die Mitte der Gesellschaft. Natürlich, ARD und ZDF stehen schon lange in der Kritik. Sie seien zu teuer, zu intransparent, zu reformunwillig, zu nahe am Programm der Privaten, insgesamt zu profillos und allzu aktiv im Netz und dies alles ohne eigenes unternehmerisches Risiko, abgefedert durch satte Gebührenzahlungen. Zuletzt war es vor allem die Art und Weise, wie Angela Merkel die Bedingungen des Kanzler-Duells zu diktieren vermochte, die für Empörung sorgte. Es wäre falsch, all diese Vorwürfe einfach nur pauschal zurückzuweisen.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Anfang 2018 erscheint sein Buch "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" im Hanser-Verlag. © Peter Hassiepen

Über das Programm und die Marktmacht der Öffentlich-Rechtlichen muss debattiert und gestritten werden genauso wie über Fehler und Fehlleistungen einzelner Zeitungen oder Netzportale. Denn Medienkritik und Medienskepsis machen, gerade in einer Zeit, in der Falschmeldungen durch die sozialen Netzwerke wirbeln und Desinformation mächtiger wird, idealerweise alle Beteiligten ein Stück mündiger, klüger und wacher. Aber gegenwärtig werden die Debatten über Gegenwart und Zukunft von ARD und ZDF und des Journalismus zunehmend zu ideologischen Grabenkämpfen und zum Spielfeld für populistische Forderungen; dies eben nicht, wie traditionell üblich und historisch erwartbar, am äußersten rechten oder linken Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.

Hier lässt sich in diesen Tagen und Wochen ein Polarisierungsschub beobachten, ein Stimmungswandel in Richtung des großen Verdachts. Drei Indizien machen die allmähliche Ausbreitung pauschaler Medienskepsis greifbar. So werden, erstens, Schmähvokabeln wie "Staatsfunk", die nahelegen, in ARD und ZDF würde im Dienste der Propaganda regelmäßig von Seiten der Politik durchregiert, inzwischen auch von Journalisten verwendet. Damit erscheinen die von Rechtspopulisten besetzten Begriffe als gängige Münze.

Journalisten unter Rechtfertigungsdruck

Vorsicht, Staatsfunk! hieß eine Polemik des Kolumnisten Jan Fleischhauer, die zur Spiegel- Titelgeschichte Die unheimliche Macht von ARD und ZDF gehörte. Der Kern des Textes: Das ZDF habe Astrid Passin, Sprecherin der Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz, eingeladen, um in der Sendung Klartext, Frau Merkel! der Kanzlerin einige Fragen zu stellen. Dann habe man sie wieder ausgeladen, wie Passin argwöhnt, um der Kanzlerin eine unangenehme Konfrontation zu ersparen. Auch Fleischhauer vermutet hier politischen Druck, kann dies aber nicht beweisen, will aber gleichwohl, wie er bekennt, weiter an Einflussversuche glauben. Einfach, weil dann alles so schön passt und das eigene Ressentiment scheinbar einen Grund bekommt.

Zweitens zeigt sich die veränderte Stimmungslage auch daran, in welchem Maße Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien unter Rechtfertigungsdruck stehen. In den letzten Monaten erklärten von Dunja Hayali ("ARD und ZDF sind weder Staatsrundfunk, noch sind meine Kolleginnen politisch 'gesteuert'") bis zu Georg Restle von Monitor diverse Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen, dass sich die momentane Medienkritik an falschen Vorstellungen orientiere. Und wenn man in diesen Tagen mit politischen Journalisten von ARD und ZDF spricht, hört man ganz regelhaft: Nein, man selbst sei noch nie vom Kanzleramt angerufen und auf eine Tendenz der Berichterstattung eingeschworen worden; ja, man würde derartige Interventionsversuche sofort publik machen.