Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt der Volksmund. Doch kann Teilen neues Leid verhindern? Seit einiger Zeit sehe ich bei Facebook das Hashtag MeToo, mit dem Frauen signalisieren, dass sie Opfer von sexueller Gewalt oder Belästigung geworden sind. Auch ich hätte ihn posten können. Aber etwas in mir sperrte sich dagegen. Denn ich fragte mich: Was können wir damit erreichen, wenn wir uns im Nachhinein als Opfer anonymer Täter zu erkennen zu geben? 

Den Tätern bin ich in den wenigsten Fällen offensiv entgegengetreten. Leider. Und #MeToo ist ebenso passiv wie ich es in diesen Situationen war, ja, er enthält nicht einmal ein Verb, das eine Idee von Handeln transportieren könnte. Anders als beispielsweise mit dem "Ich habe abgetrieben" der Siebzigerjahre, treten die Frauen nicht als Akteurinnen in Erscheinung. Erneut. Warum der Blick in die Vergangenheit? Warum kein Appell an die Männer, die zu- oder weggesehen haben? Warum keine Drohung?

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren. Heute lebt sie in Berlin, wo sie als Autorin und Übersetzerin arbeitet und sich als Mentorin für junge Mädchen bei der Bürgerstiftung Neukölln engagiert. Ihr Debüt "Diamanten Eddie" ist im Frühjahr 2014 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Statt #MeToo wünsche ich mir #FuckYou. Oder #SpeakUp. Oder #MenDontLetMenBePigs. Es muss normal werden, sich in den Momenten, in denen alltägliche Übergriffe stattfinden, über das eigene Harmoniebedürfnis hinwegzusetzen. Als Betroffene ebenso wie als Zuschauer/innen. An Bushaltestellen genauso wie auf Partys. Wir sind Expertinnen geworden, wenn es darum geht, uns aus der Affäre zu ziehen, Situationen zu entschärfen und Schleichwege aus dem Unbehagen zu finden. Es ist an der Zeit, dass auch diejenigen, die für dieses Unbehagen verantwortlich sind, anfangen zu lernen.

Seit dem vergangenen Sommer ist "Grapschen" nach deutschem Strafrecht endlich eine Straftat. Hat sich in meinem Leben seitdem im Hinblick auf solche Übergriffe etwas verändert? Leider nein. Denn jedes Gesetz braucht Instanzen, die es durchsetzen. Eine Straftat, die nicht angezeigt wird, wird nie vor einem Richter landen.

Bei #MeToo geht es um Solidarität. Das ist ehrenwert. Aber Solidarität sollte über gegenseitiges Wundenlecken hinausgehen. Denn während es gut und wichtig ist, sich unter Gleichgesinnten fallen lassen zu können, besteht ein wichtiger Teil von Solidarität darin, für das Kollektiv stark zu sein. Handeln statt trösten.

Warum befürchten wir, dass es uns beruflich oder privat zum Nachteil gereichen könnte, wenn wir Grapschereien und verbale Avancen oder Herablassungen laut und entschieden ablehnen? Weil wir wissen, dass wir, wenn wir es tun, automatisch zu einer Minderheit werden. Weil wir wissen, dass die meisten anwesenden Männer – und oftmals auch die Frauen – beschämt den Blick senken werden, wenn wir laut und deutlich sagen: "Was bilden Sie sich ein?" oder auch nur "Finger weg!"