Meine Großmutter Hélène lebte in den Fünfzigerjahren in Nordfrankreich auf dem Land. Ihre sieben Kinder hatte sie während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach bekommen. Sie war Mitte 30, mein Großvater war schwer beschäftigt, sich um den Hof, die Ernte, die Tiere und vor allem das Durchkommen der Familie zu kümmern. Den Haushalt, so weiß ich es aus Erzählungen meiner Tanten und vor allem von meiner Mutter, schmiss Hélène alleine mit Hilfe ihrer ältesten Töchter. Die Kleider für ihre sieben Kinder nähte sie alle selbst. Als ihre Nachbarin vom Hof nebenan starb und vier kleine Mädchen zurückließ, schickte sie jeden Sonntagabend ihre Älteste zu deren Haus hinüber, um die Schuluniformen der Mädchen zu holen. Nachts wusch und bügelte sie diese, nähte Knöpfe an und brachte sie am nächsten Morgens zurück. Die Kinder der Nachbarn sollten genauso ordentlich und in sauberen Kleidern zur Schule gehen wie ihre eigenen.

Das ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über meine Großmutter kenne, aber es ist diejenige, die mich am meisten beeindruckt hat. Denn sicherlich gab es im Ort auch Nachbarn, die dem Vater mit seinen vier Halbwaisen Fleisch, Gemüse und Kuchen vorbeibrachten oder andere Hilfe anboten – es wundert mich aber gar nicht, dass sich meine Großmutter ausgerechnet um die Kleider gekümmert hatte.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der FUNKE Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog Stadtlandmama.de, der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Malakoff Kowalski

Wenn ich mich an sie erinnere, dann sitzt sie vor einer Nähmaschine. Selbst an den härtesten Tagen fand meine Großmutter Zeit zum Nähen. Doch sie nähte nicht nur das Nötigste, sie nähte für sich selbst, und zwar Haute Couture. Hunderte Kleider, Mäntel, Röcke nach den Schnittmustern von Gabrielle Chanel und später auch Yves Saint Laurent. Zu finden waren diese in Burda-Zeitschriften. Nähen, das war für meine Großmutter nicht nur Notwendigkeit in bitterarmen Zeiten, es war gelebter Feminismus. Die Entscheidung darüber, so auszusehen, wie sie wollte und nicht wie die Umstände es ihr erlaubten, bedeutete für sie Freiheit. Die nächtliche Näharbeit, das Annähen von Pailletten und Anbringen von Seidenfutter im Inneren von Röcken war ihre freie Wahl.

Eines ihrer Kleider, das ich an meinem Abiball trug und heute noch im Schrank habe, ist die Nachfertigung eines Christian-Dior-Schnitts. Mit einem Korsett aus schwarzem Samt gestickt. "Fühl' darüber", sagte meine Großmutter mir damals, als sie es für mich aus einem alten Schrank auf dem Dachboden holte: "Fühl' ganz vorsichtig über die Träger. Heutzutage stickt niemand mehr mit Samt." Der Samt, so erklärte sie mir, ist dabei tatsächlich ein Faden, den man in eine Nähnadel auffädeln kann. 

"Trag deinen schönen Kopf oben"

Auf jeden Mantel, jede Bluse und jedes weitere Kleid, das meine Großmutter mir schenkte, bin ich bis heute stolz. Nur selten dürfen diese Kleider ihren Schutzüberzug und meinen Schrank verlassen. Meine Großmutter brachte mir bei, Kleidung zu schätzen. "Sei immer adrett, achte auf deine Kleidung und pflege sie, trag deinen schönen Kopf oben", sagte sie zu mir. Man trägt keine braunen Schuhe zum schwarzen Mantel. Man steckt auch nicht seine Hände in die Taschen seines Mantels, sonst beulen sie aus, und dann ist der Mantel nicht mehr reparabel.

Als ich mit Mitte zwanzig meinen ersten Job in einem Großraumbüro antrat, wurde mir allerdings klar, dass Mode in meiner Generation einen schweren Stand hat. Alle meine Kolleginnen versuchten, sich adrett zu kleiden, nur das Besondere, das Eigene, das Kreative oder auch mal Extravagante schienen sie zu meiden. Bald zog ich mich genauso an wie sie: flache Ballerinas, eine möglichst schlichte Handtasche aus Leder, nur von der schwarzen Anzughose aus Seide und der teuren Bluse mit den Perlmuttknöpfen wollte ich mich nicht trennen.

Ein ganzer Kanon aus stereotypischen Filmen, Fernsehserien und Meinungen gibt uns vor, dass eher auf uns gehört wird, wenn unsere Kleidung weniger spricht. Melanie Griffith macht im Kinoklassiker Working Girl erst Karriere in einem New Yorker Büro, als sie ihre ondulierten Haare glatt föhnt und statt Kleider graue Hosenanzüge trägt. Und die New Yorker Feministin Ariel Levy schimpft bis heute über das Frauenbild, das unter anderem Britney Spears durch ihre knalligen freizügigen Looks vermittelte. Es sei Betrug am Feminismus. Levy dagegen zeigt sich gern in schlichtem Pulli oder in einer Bluse. Schlichtheit steht dabei vermeintlich für Ernsthaftigkeit und Kompetenz.

"Zeig Haltung!"

Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall. Eine Frau, die den Neun-Zentimeter-Absatz beherrscht und darauf auch noch ihre Arbeit macht, ist sich absolut sicher, wer sie ist und was sie kann. Aus demselben Grund lässt sich Brigitte Macron, die Frau des französischen Präsidenten, ganz selbstverständlich von Louis Vuitton ausstatten. Und wenn Melania Trump ein Missoni-Kleid trägt, dann sieht der amerikanische Guardian das als Zeichen der Abgrenzung zu ihrem Mann. Weil Mode Haltung bedeutet. Selbstwertgefühl und Statement.

Frauen, die zu sich und ihrem Erfolg stehen, haben keine Angst aufzufallen. Sie verstecken sich nicht verschämt in den Kleidern, die alle tragen, sie wollen so aussehen, als gehöre ihnen der Laden. Doch die Verunsicherung über modische Codes und Selbstfindung durch Kleidung lauert überall. Das fing schon an, als ich mich im Teenageralter vor dem Spiegel zurechtmachte und mein gleichaltriger Cousin ätzte: "Frauen werden nie so erfolgreich sein wie Männer, weil sie zu viel Zeit damit verschwenden, sich für sie schön zu machen."

Den Spruch nehme ich ihm bis heute übel. Denn solche Sprüche sorgen dafür, dass Männer ganz selbstverständlich ihre teuren Uhren zur Schau stellen, während sich junge Mädchen und Frauen lieber für die Ausdruckslosigkeit entscheiden, weil sie um keinen Preis als oberflächlich oder gar dumm gelten wollen. Und wieder höre ich meine Großmutter sagen: "Zeig' Haltung, zieh dich immer gut an, trag' deinen schönen Kopf oben."

Neu sortieren, aber nicht wegwerfen

Mode muss nicht schrill, teuer oder konsumorientiert sein. Ich habe mir zum Beispiel im Laufe meiner Berliner Jahre einen guten Überblick über die Edel-Second-Handshops meiner Stadt verschafft. Julia Schramm von der Linken ist da wesentlich radikaler. Sie kauft sogar beim britischen Discounter Primark, weil ihr die Sachen da immer so gut passen. Die Produktionsbedingungen bei Primark seien nicht schlechter als die bei H&M. Sie habe viel darüber gelesen und sich informiert, sagt sie. Und sie ist genauso modebegeistert wie ich, die ihre Schränke regelmäßig nach Taschen, Schuhen, Mänteln und Kleidern neu sortiert – aber nie etwas wegwirft.

Ganz offensichtlich zur Freude meiner erst dreijährigen Tochter, die schon anfängt, neugierig meine Abendkleider zu mustern. Sie fasziniert mich. Sie ist noch so klein, aber hat den genauen Überblick über die Tüllröckchen, Shirts und bunten Strumpfhosen in ihrem Kinderschrank. Sie zeigt mir auf ihre kindliche Art einmal mehr, dass Mode ein Zeichen für Selbstbestimmung ist.

Vor ein paar Tagen machte ich morgens den abermals vergeblichen Versuch, ihr die Sachen, die sie anziehen soll, rauszulegen. Doch als sie die Klamotten auf ihrem Bett liegen sah, kippte die Stimmung. Wütend nahm sie die von mir gewählte Hose, stopfte sie zurück in ihren Minischrank und holte dafür eines ihrer geliebten Tüllröckchen heraus. "Wenn ich mich schon selbst ohne Hilfe anziehe, dann bestimme ich auch, was", rief sie mir zu. Ich war zu beeindruckt, um mit Strenge zu antworten. Manchmal betrachtet sie meine Uhr. Ein Erbstück. Ich habe den Namen meiner Tochter in die Innenseite der Uhr gravieren lassen. Damit sie weiß, dass die Uhr irgendwann ihr gehört. Aber jetzt noch nicht.