Pädagogik - Zwischen Klettern und Quengeln An zwei Tagen in der Woche tauschen die Kinder einer Berliner Naturschule Wald gegen Klassenzimmer. So sollen sie unter weniger Druck lernen. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Mitte September, ein diesiger Sonntagmorgen im Norden von Berlin. Aus einer von Kastanienlaub überwachsenen Ecke des Broseparks klingt ein heller Chor. Kerzen in tiefen Glasglocken, Girlanden, ein Kuchen- und Quichebuffet, einige Strohballen zum Hinsetzen. Eine Gruppe von vielleicht vierzig Erwachsenen steht im Kreis, Liedzettel werden herumgereicht, eine energische Frau beginnt und alle stimmen mit ein: "Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt." Kinder sind auch viele da, aber man sieht sie nicht so gut: Sie verstecken sich hinter den Erwachsenen oder verschwinden gleich wieder im Gebüsch.

Heute wird die Naturschule am Brosepark eröffnet. Elf Kinder zwischen fünfeinhalb und neun Jahren sollen hier in und an der Natur Lesen, Rechnen und Schreiben lernen, aber auch all die sozialen Fähigkeiten, die zur Schulerfahrung dazugehören. Der Wald als Ort, an dem der Mensch zu sich kommt: Es wird den Deutschen gern nachgesagt, sie hätten ein romantisches, vielleicht sogar neurotisches Verhältnis zur Natur. Wenn die Welt ringsherum untergeht und die Gesellschaft innerlich zerreißt, wonach suchen die Deutschen dann? Nach ihren geistigen Gummistiefeln, um erst mal ins Grüne zu gehen: Vier der zehn meistverkauften Sachbücher dieses Herbsts handeln von den Mysterien, dem Seelenleben, den Heilkräften der Natur; der Bestseller der vergangenen Jahre ist Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume, das sich unter anderem an der Frage abarbeitet, was Bäume fühlen und wie sie kommunizieren.

Nicht nur geistig sind die Deutschen auf Waldgang, immer mehr von ihnen bringen auch ihre Kinder dorthin: Mehr als 1.500 Waldkitas haben seit den Neunzigerjahren hier aufgemacht, neulich berichteten die New York Times und Arte davon. Amerikaner und Franzosen neiden der Bundesrepublik nicht nur so unästhetische Dinge wie den Mittelstand oder die duale Ausbildung, sie kommen auch mit Kameradrohnen, um Bilder von Kindern im Wald zu produzieren, die jeder Fjällräven-Werbung gut stünden – mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie auch noch echt sind.

Man mag es kaum glauben: Die Naturschule am Brosepark in Niederschönhausen, ein paar Tramstationen nördlich des Prenzlauer Bergs, ist erst die dritte Einrichtung dieser Art in Berlin. Waldkindergärten zählt die Hauptstadt laut Bundesverband für Natur- und Waldkindergärten schon siebzehn. 

Natur versus Kultur, das war einmal

Die Idee der Naturpädagogik ist so einfach wie einleuchtend. Die freie Natur bietet vielfältige Erfahrungsräume, so viel Ruhe und Abwechslung zugleich, dass man im direkten Umgang mit ihr nur zu einem ausgeglicheneren, bewussteren und intelligenteren Menschen heranwachsen kann. Die alte europäische Vorstellung, Natur und Kultur stünden in irgendeinen fundamentalen Gegensatz zueinander, haben uns Anthropologen, Historiker und Philosophen sowieso längst ausgetrieben. Warum soll man also das Klassenzimmer nicht auf die Waldwiese verlegen?

An einem Donnerstagmorgen Ende September warten drei Pädagogen und sechs Kinder – die anderen fünf sind heute krank – vor dem Brosepark auf den Bus. Die Beschäftigung mit der Natur beginnt auf dem Bürgersteig: Dan Hansche, einer der Wildnispädagogen des Teams, hat sich mit den Kindern auf eine ungepflastertes Wegstück gekniet; die Kinder sammeln Schottersteine und Kastanien, legen sie zu Mustern und Zahlen. Der Bus fährt ein, zum Glück ist er völlig leer, sechs lärmende Kinder stürzen hinein.

Fünfzehn Minuten später ist die Kolonne mit ihren schweren Wanderschuhen an eine Kreuzung im Botanischen Volkspark Blankenfelde gelangt. Neben einigen denkmalgeschützten Gewächshäusern und einem Acker für Dreifelderwirtschaft finden sich hier dreißig Hektar freie Wald- und Wiesenfläche. Zweimal in der Woche fährt die Schulklasse hierher oder in ein anderes Waldgebiet am Berliner Stadtrand.

Hansche ist gerade erst aus dem US-Bundesstaat Maine nach Berlin gezogen. Mit den Kindern spricht er Englisch, denn deutsch-englische Zweisprachigkeit gehört auch zum Konzept der Naturschule – in den Wäldern dieser Erde wird ja nicht nur Deutsch gesprochen. Der schulische Teil des Tages beginnt mit einem Wetterprotokoll: Mit großen Gesten fragt Hansche nach den Himmelsrichtungen, der Windstärke, der Sonneneinstrahlung. Englisch sprechen kann außer seiner Tochter, die er gleich mit an der Schule angemeldet hat, noch niemand ("Three words about the weather?" "I don't know!"). Flüssig bleibt das Gespräch trotzdem: Ein achtjähriges Mädchen weiß, was die Jahreszeit für die Tiere im Park bedeutet ("die Vögel sind schon weggezogen") und kann sich auch an das Wetter der vergangenen drei Tage erinnern; eine Sechsjährige würde lieber vom Geburtstag ihrer Mutter am Vorabend erzählen. Nach einer Frühstückspause auf einer frisch gemähten Wiese – aus den Vaude- und Deuter-Rucksäcken werden Brotdosen hervorgeholt, ein Obstteller wird arrangiert und herumgereicht – folgt eine halbe Stunde freies Erkunden. Ein Mädchen hat zum Harz-Sammeln aufgerufen ("das Blut der Bäume"), andere Kinder helfen sich gegenseitig dabei, einen Kirschbaum zu besteigen.

Zwei Tage pro Woche im Freien

Lernwissenschaftliche Experimente belegen, dass Kinder, die gerade einen Baum hinauf- und wieder hinuntergeklettert sind, besser mit Matheaufgaben zurechtkommen als andere. Davon erzählt Fried-Günter Hansen am Rand des Eröffnungsfests. Er sitzt im Vorstand des Trägervereins der neuen Schule und auch in dem der Naturschule Blankenfelde, die schon vor zehn Jahren eröffnet hat. Seine eigenen Kinder sind aus dem Grundschulalter raus, Hansen engagiert sich aus Überzeugung. Wenn er in seinem norddeutschen Tonfall zu erzählen beginnt, dann tut er das mit einem unaufdringlichen, aber wissenden Lächeln. Ob gestresste Berliner Eltern der neuen Naturschule nicht die Türen einrennen? Sechzig Anmeldungen habe man für die ersten fünfzehn Plätze erhalten, sagt er, die Schulleitung überlege sich gut, wer wirklich zu dem Projekt passe.

Den Verdacht, das alles könnte irgendwie elitär sein, weist Hansen zurück, bevor man ihn hätte formulieren können: Wer eine Garantie dafür verlange, dass sein Kind später aufs Gymnasium wechsele, der sei bei der Naturschule an der falschen Adresse. Tatsächlich ist die Stimmung auf dem Eröffnungsfest angenehm familiär, fast unambitioniert. Von der sozialen Verspanntheit, die solche Elternzusammenkünfte sonst oft an sich haben, ist wenig zu spüren, man herzt und kennt sich. Das mag daran liegen, dass viele Familien hier schon lange beim Waldkindergarten Robin Hood mitmachen, der ebenfalls am Brosepark liegt.

Auch wenn Lern-Exzellenz nicht das vorrangige Ziel der Eltern ist: Aus seinen Erfahrungen mit der Blankenfelder Naturschule weiß Fried-Günter Hansen, dass die Kinder in weiterführenden Schulzweigen immer zu den Besten gehören. Konzentrationsfähigkeit, Aggressionsabbau, Wahrnehmungsschärfe, all das verbessere sich im Umgang mit der Natur. Dass ihre Kinder intelligent sind und die schulischen Inhalte gut bewältigen können, darauf vertrauten die meisten Eltern hier sowieso, sagt Hansen. Was zählt, ist das Bauchgefühl: eine Schule, in der die Kinder glücklich sind und in Ruhe lernen können.

Stillsitzen ist langweilig

Die Naturschule bekommt Zuschüsse vom Berliner Senat, muss sich aber auch durch ein Schulgeld finanzieren. Das beträgt derzeit 192 Euro monatlich, für Familien mit geringem Einkommen kann es bis auf die Hälfte reduziert werden. Dazu kommen noch 25 Euro im Monat für ein veganes warmes Mittagessen und ein staatlich festgelegter Beitrag zur Nachmittagsbetreuung. An Berliner Privatschulen müssen gut verdienende Eltern schnell das Drei- bis Vierfache solcher Summen hinlegen, für Jahreseinkommen unter 30.000 Euro liegen die Monatsbeiträge aber auch hier um die 150 Euro. Dass die Naturschule mit einem so niedrigen Schulgeld startet, wird nicht nur durch die Eigenleistung der beteiligten Eltern bei Bau- und Planungsaufgaben ermöglicht, sondern auch dadurch, dass die Pädagogen für ein deutlich geringeres Gehalt als im öffentlichen Dienst arbeiten.

Swantje Gärtig-Wahle ist eine der beteiligten Grundschullehrerinnen. Sie ist im Schwarzwald als Tochter eines Försters aufgewachsen, nach dem Referendariat bekam sie eine Stelle in einer Karlsruher Grundschule. Für etwas anderes als den klassischen Frontalunterricht reichten dort die Mittel nicht, das war so frustrierend, dass sie diese Art von Schulbetrieb lieber verlassen wollte. In abgewandelter Form wiederholt sich ihre Erzählung bei vielen Schulkindern. Manche haben schon ein, zwei oder drei Jahre auf einer Regelschule verbracht. Einer erzählt, er sei bisher auf einer "doofen Schulen gewesen", "mit Stillsitzen und so", ein Mädchen fand ihre alte Schule "langweilig", weil sie da gezwungen worden sei, viel zu schwierige Matheaufgabe zu lösen, "und in Mathe bin ich nicht so gut". Ein Junge wurde an gleich mehreren Schulen gemobbt. Dass ihm hier etwas Ähnliches passiert, ist bei einem Betreuungsschlüssel von mindestens zwei Erwachsenen pro fünfzehn Schulkinder praktisch ausgeschlossen.

Im Botanischen Volkspark ist es 10.30 Uhr, Swantje Gärtig-Wahle teilt Papier, Kugelschreiber und Schreibunterlagen aus, und fordert die Kinder auf, ihre akustische Umgebung bildlich festzuhalten: Das, was sie hören, wenn alle stillhalten, sollen sie auf ihr Blatt zeichnen. Die Kinder setzen sich neben einem Kürbisfeld an eine Reihe von Baumstämmen. Amseln piepsen, hundert Meter weiter lässt der Wind die Trauerweiden rauschen, davor steht eine Gruppe bunt gekleideter Ausflügler, einzelne Gesprächsfetzen schallen von ihnen herüber. Ein Sechsjähriger hört und zeichnet all das – und erstaunlicherweise scheint er auch das Gras vor seinen Füßen und die vereinzelten Mohnblumen hören zu können, die noch auf dem Kürbisfeld stehen. Fern, aber deutlich vernehmbar, biegen die Flugzeuge in den Landeanflug nach Tegel ein, alle zwei Minuten ein neues.

Die ersten Schulwochen sind zur Gruppenbildung da, sagt die Lehrerin. Damit sich die Kinder überhaupt fürs Lernen öffnen, sollen sie das Gefühl haben, sich ohne Druck entfalten zu können. Sie sind ja alle unterschiedlichen Alters – was sie jeweils schon können und wie man ihre Bedürfnisse mit den Vorgaben des Berliner Lehrplans in Einklang bringt, das wolle das Lehrerteam ganz behutsam herausfinden. Was Gärtig-Wahle von der Unterrichtsgestaltung erzählt, klingt nach einem doppelten Lernprozess: Auch das Lehrerteam ermittelt erst allmählich, wie die Naturschule funktioniert.

Der Lehrplan entwickelt sich

Die Kinder sind inzwischen schon weitermarschiert in ein Waldstück, wo sie an Bruchholz verschiedene Sägewerkzeuge ausprobieren. Dan Hansche streut immer wieder kleine Beobachtungsübungen in den Vormittag ein: wie das Holz gewachsen ist, wo es anfängt, morsch zu werden, welche Werkzeuge man daraus bauen könnte. Achtsamkeit ist zwar ein ziemlich ausgehöhltes Modewort, aber genau darauf kommt es der Naturpädagogik an. Kinder sollen ihre Umwelt bewusst und sinnlich wahrnehmen und dadurch auch mit den anderen Menschen, der Gesellschaft achtsamer umgehen – das ist der Plan. Irgendwann ist es aber natürlich auch im Wald vorbei mit der Konzentration, ein paar Jungs fangen an, die herumliegenden Stöcke als Schwerter und Gewehrattrappen zu benutzen. Auf dem Rückweg zum Bus debattieren zwei Mädchen angestrengt über die Handlung von Black Beauty; nach der Busfahrt folgt die Nachtmittagsbetreuung, die heute, wie einmal pro Woche üblich, von zwei Müttern organisiert wird.

Die Naturschule mag alle erwachsenen Sehnsüchte nach einer behüteten Kindheit stillen: Entfremdete Großstadteltern, die vielleicht selbst auf dem Land groß geworden sind, holen sich ein Stück heile Welt für ihre Kinder zurück. Wahrscheinlich ist da auch etwas dran. Deutlich wird aber auch, dass eine Elterninitiativschule wie diese allen Beteiligten ziemlich viel abverlangt. Mit Träumereien ist es nicht getan, hier geht es um Handfestes. Sie machen Putzdienst in den Schulräumen und sind dabei, wenn an sogenannten Bau-Samstagen die Ausstattung der Schule hergestellt wird; manche haben anderthalb Jahre damit zugebracht, Anträge und Konzepte für das Berliner Schulamt zu formulieren. 

Das größte praktische Problem war von Anfang an das Schulhaus. Man fand schließlich einen perlweiß gestrichenen, dreistöckigen Bau neben dem Brosepark mit vielen tiefen Fenstern und einem wohlgesinnten Vermieter. Einziehen darf die Schule hier noch nicht, denn auf dem Gelände befindet sich noch eine alte Bibliothek, für die zuerst ein Sanierungsplan abgesegnet werden muss. Kurz vor Ferienende genehmigten das Bau- und das Schulamt ein Ausweichquartier – das liegt allerdings an der Bundesallee im fernen Wilmersdorf, fünfundvierzig Minuten mit Bus und U-Bahn vom Brosepark entfernt. Die "Innentage" der Naturschule – immer von montags bis mittwochs – beginnen und enden deshalb in den nächsten Monaten mit einer Gruppenreise von Schülern und Lehrern durch das Berliner Verkehrsnetz.

Natur als Rückzugsraum

Als die Gruppe an einem regnerischen Oktobertag um 9.15 Uhr auf dem Gelände der Freudbergschule eintrifft, wo auch andere freie Schulen angesiedelt sind, scheint die Anfahrt niemandem die Laune vermiest zu haben. Morgenkreis und Frühstück werden auch hier im Freien abgehalten, alle setzen sich auf ein Stückchen Erde neben dem Schulgebäude. Im Klassenraum haben die Lehrer einen Kuchen vorbereitet, weiter geht's im Alphabet, sie nennen es Buchstabengeburtstag: Das E, S, T, L, P und D werden eingeführt, dazu folgen Lese- und Schreibaufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade mit Hilfe tranchierter Walnussschalen oder aus Stöckchen aus dem Wald. Ein wenig verwirrend ist das altersgemischte Lernen schon: Manche Sechsjährige scheinen genauso viel zu können wie Achtjährige; die Lehrer beraten sich darüber, ob sie die Stifthaltung eines Mädchens korrigieren sollten, das schon seit zwei Jahren perfekt schreiben kann.

Der Klassenraum ist groß genug, damit die Kinder sich frei um die von ihnen gewählten Lernaufgaben gruppieren. Klassische Schwierigkeiten des Schulunterrichts, die beim Außentag keine Rolle gespielt haben, werden jetzt merkbar: Das Quatschen der Kinder verursacht einen ziemlichen Lärm; manche schaffen es auch nach mehrmaliger Ermahnung nicht, sich zu fokussieren. Die Lehrerinnen – heute zwei Grundschullehrerinnen für elf Kinder – kompensieren das mit doppelter Zuwendung. Ein Junge, der aus seiner Knetmasse partout keine Buchstaben formen will, wird fast den ganzen Vormittag einzeln betreut. Auskunftsfreudig sind die Lehrerinnen auch: Sie sprechen von der Natur als Rückzugsraum, von den "ropes to nature", die hier im Schulalltag geknüpft würden, von der existenziellen Verbindung zum Wald, zu den Tieren, die den Kindern das ganze Leben lang erhalten bleiben.

Das klingt alles so behütet, so perfekt, so kindgerecht. Aber lässt sich irgendetwas davon auch auf die Allgemeinheit übertragen? Ist die Naturschule nicht ein eskapistisches Projekt für die glücklichen Wenigen, eine kleiner heiler Fluchtort inmitten der ansonsten ziemlich rauen Berliner Schullandschaft? Und was passiert, wenn die Kinder der Naturschule einmal aus dem Grundschulalter herausgewachsen sind und an eine Regelschule wechseln müssen? Das Team der Naturschule kennt solche Einwände natürlich, will sich davon aber nicht verunsichern lassen. Naturschulkinder seien besonders widerstandsfähig.

Es ist ein Experiment. Wenn man man der Bildungspolitik vorführen möchte, wie mit relativ wenig Geld sehr viel ganz anders gemacht werden kann, dann muss man wohl zuerst ein Musterprojekt aufziehen wie dieses hier.