ZEIT ONLINE: Herr Sikorski, in der polnischen Politik zeichnen sich große Veränderungen ab. Es könnte sein, dass demnächst das Regierungskabinett umgebildet wird und Beata Szydło, Polens Ministerpräsidentin, ihren Posten verliert. Stattdessen könnte Jarosław Kaczyński, der Chef der national-konservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), das Zepter übernehmen. Ist diese Neupositionierung das Ergebnis eines internen Machtkampfes?

Radosław Sikorski: Ich denke, es ist normal, dass es in der Hälfte der Legislaturperiode zu Veränderungen kommt. Die Regierungspartei denkt bereits über die nächsten Wahlen nach und prüft den Kader. Es wäre außerdem normal und vielleicht sogar wünschenswert, wenn der Chef der polnischen Regierungspartei, also Kaczyński, den Ministerposten übernehmen würde. Vielleicht würde sich daraus eine bessere Regierungsarbeit ergeben. Außerdem wäre Kaczyński dann rechtlich und politisch verantwortlich für seine Taten. Das ist momentan nicht der Fall.

ZEIT ONLINE: Sie antworten sehr diplomatisch. Es gibt also keinen Streit in der PiS?

Sikorski: In jeder Partei gibt es Streit! (lacht)

ZEIT ONLINE: Und ganz konkret auf die PiS bezogen – kann der interne Streit in der Regierungspartei der Opposition helfen?

Sikorski: In Polen gibt es zwei Lager: das national-konservative und das proeuropäische. Beide Lager haben die gleichen Chancen auf einen Wahlsieg. Das Land ist gespalten. Die Opposition kann aber nur dann gewinnen, wenn sie sich zusammentut.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass es dazu kommt? Momentan sieht es nicht danach aus. Keine der Oppositionsparteien will sich auf einen Anführer einigen.

Sikorski: Wir müssen Geduld haben. Die Opposition ist gerade dabei, sich von der letzten Wahlschlappe zu erholen. Der erste Test werden die kommenden Regionalwahlen sein. In Polen beginnt ein Wahlmarathon: In einem Jahr finden die Regionalwahlen statt, ein halbes Jahr später die europäischen, sechs Monate später die Parlamentswahlen, und danach haben wir Präsidentschaftswahlen. Erst dann werden wir wissen, ob die Opposition Lösungen gefunden hat. Die Deutschen sollten nicht vergessen: Die PiS hat die letzten Wahlen mit einem sehr gemäßigten, unpopulistischen Wahlprogramm gewonnen. Es ähnelte mehr dem Wahlprogramm der CDU als der AfD.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass wir in Deutschland die PiS-Partei nicht mit der AfD vergleichen sollten?

Sikorski: Nein, das meine ich nicht. Ich sage bloß, dass die PiS-Wahlkampagne von 2015 gemäßigt ausgefallen war. Die politische Wirklichkeit nach dem Wahlsieg sah natürlich ganz anders aus. 

ZEIT ONLINE: Mag sein, dass die Mehrheit der Polen eine gemäßigte, wenig konfrontative Regierungspolitik befürwortet. Dennoch hat das Wahlvolk nur selten mit Protesten reagiert, als die PiS kontroverse Entscheidungen durchgedrückt hat: etwa die Abberufung der Verfassungsrichter. Erst bei Kaczyńskis Versuch, alle Gerichte der Regierungspartei unterzuordnen, kam es im Juli zu Protesten. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist trotzdem groß, er liegt bei 40 Prozent. Wundert Sie das nicht?

Sikorski: Es kommt ein bisschen auf die Perspektive an. Unterschätzen Sie das Wahlvolk nicht. Meine Partei, die Bürgerplattform PO, hatte, als sie an der Macht war, zwischenzeitlich einen Rückhalt von 60 Prozent. Wir haben die Wahlen schließlich trotzdem verloren. Das ist normal in der Politik: Manchmal gewinnt man und manchmal verliert man. Noch ist nichts entschieden. 

ZEIT ONLINE: Sie scheinen ja sehr gelassen zu sein. Im Westen herrscht hingegen große Sorge – die Sorge, dass sich Polen in einen autoritären Staat verwandelt. Sehen Sie das anders?