In Mulholland Drive spielte die damals weitgehend unbekannte Naomi Watts 2001 eine hoffnungsvolle Schauspielerin namens Betty. Sie war nach Hollywood gekommen, um ein Star zu werden. Etwa in der Mitte von David Lynchs kunstvoll glamourösem Kinorätsel wird die naive Blondine zu ihrem ersten, heiß ersehnten Casting geladen. In einem schäbigen Raum vor einer Handvoll abgehalfterter Profis verwandelt sie sich in ein junges Mädchen, das vorgibt, sich den Avancen eines ältlichen Lüstlings hinzugeben. Ihre Worte sagen nein, ihr Körper sagt ja – den Dolch, mit dem sie ihn töten wird, hält sie dabei fest umklammert…

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Suspension of disbelief, also die Bereitschaft, sich für eine Filmlänge auf sorgsam inszenierte Täuschungsangebote einzulassen, um unterhalten oder inspiriert zu werden, ist die Grundlage der Beziehung zwischen Film und Zuschauer. Wie belastbar dieser Pakt mit der Fiktion ist, zeigt Lynch in seiner Castingszene. Und obwohl er Konstruktion und Künstlichkeit fortlaufend thematisiert, triumphiert die Schauspielkunst. Weil Watts so gut ist, glauben wir ihr. Ja, sie begehrt diesen Mann, sie will mit ihm schlafen und wir spüren, ja, wir teilen diese Erregung, bis sie, und wir mit ihr, einen Schritt zurücktritt und sagt "I hate you. I hate us both."

Es ist viel von Hollywood und wenig vom Kino die Rede in diesen Wochen weltweiter Empörung über einen feisten, mächtigen, alten Sack, der sich wieder und wieder der Körper zarter, pastellen gekleideter Frauen bemächtigt hat. Von einer Wahrheit, die jetzt – endlich – ans Licht gekommen sei, der Wahrheit über Macht und ihren Missbrauch, über Abhängigkeit, Schweigekartelle und das Ausgeliefertsein der Frauen. Wie jedoch bemisst sich der Wert der Wahrheit an einem Ort, der sich der Fiktion verpflichtet hat, bevölkert von Menschen, die fest vorhaben, diese Fiktion zu ihren Gunsten zu wenden?

Wie die dem Goldrausch verfallenen Siedler des frühen 19. Jahrhunderts, denen sie ihren Spitznamen verdanken, strömten nach Ende des ersten Weltkrieges auch zahllose junge bis sehr junge Frauen an die amerikanische Westküste, um in der boomenden Filmindustrie ihr Glück zu machen. Neben den Flapper- und den It-Girls wurden die "Gold Digger" zum Synonym dieser nach Spaß, Sichtbarkeit und Geld strebenden Frauen. Ob ein Genie wie die Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Asta Nielsen oder das begriffsprägende It-Girl Clara Bow, beide Superstars der Zwanzigerjahre, eines war von Anfang an klar: Logik oder gar Gerechtigkeit kommen bei dem Lotteriespiel Ruhm selten zum Zuge.

Harte Droge Ruhm

Das Faszinosum Hollywood deckt sich seit jeher mit dem des Glücksspiels. Je unwahrscheinlicher das Erreichen des erstrebten Ziels, desto höher der Einsatz für das Erreichen magischer Momente: Momente, in denen Zufall, Begabung und harte Arbeit auf den richtigen Stoff und den richtigen Regisseur stoßen. Wo eine Darstellung, eine Inszenierung ins Mark des Publikums treffen. Und das Publikum, dieses amorphe, launische Etwas, dankt es mit Applaus und Verehrung, aus der die hart und schnell wirkende Droge Ruhm kondensiert. Jene Selbstauflösung in der massenhaften Wahrnehmung Anderer, die die britische Schriftstellerin Julie Burchill einmal als das "prestigeträchtigste Beruhigungsmittel", das sie kenne, beschrieben hat.

An der Mentalität der jungen Frauen, die seit mehr als 100 Jahren bereit sind, einen entscheidenden Rohstoff für die Traumfabrik zu verkörpern, hat sich wenig verändert. Wie Tänzer, Models und Leistungssportler wissen sie um das schmale Zeitfenster, das ihnen bleibt, um es in die Sphäre des Ruhmes zu schaffen. Und wie diese wissen sie um den Körpereinsatz, den das nicht selten erfordert. Ein Körper, den man den Anforderungen der Rolle, des aktuellen Schönheitsideals oder eben immer wieder auch denen jener Männer unterwirft, die eindeutige Anforderungen stellen. Denn, wie es eine Schauspielerin off record achselzuckend formulierte: "Ich hatte so oft in meinem Leben schlechten Sex, von dem ich nichts hatte. Warum also sollte ich nicht auch mal davon profitieren?"