Dies ist die dritte Version eines Textes über Sexismus, den ich, als weißer Mann im Alter von 33 Jahren, zu schreiben versuche. Ich habe drei Mal neu angesetzt, weil mich jedes Mal der Zweifel überkam, ob ich mir das Recht herausnehmen darf, mich in die Debatte einzumischen. Erst dachte ich "ja", dann wieder "nein", und jetzt denke ich: "vielleicht". Dieser Text ist das Protokoll eines Selbstzweifels, eines intellektuellen Zauderns, das am Ende doch eine Art Position sein könnte.  

Die Frage, die ich mir schon seit Längerem stelle, ist folgende: Kann ich als Mann nachvollziehen, wie sich eine Frau fühlt, wenn sie sexistisch diskriminiert wird? Kann ich jene Kränkung und Angst nachempfinden, wenn sich ein großer, starker Mann einer schwächeren Frau gewaltvoll nähert? Kann ich die verbale Verletzung einer Frau empathisch nachvollziehen? Auslöser für diese Überlegungen war die Debatte um Sexismus in der US-Filmindustrie im Allgemeinen und den Filmproduzenten Harvey Weinstein im Besonderen, die sich unter dem Hashtag #MeToo weiter entwickelte. Darauf folgte in Deutschland die Diskussion um den Fall Sawsan Chebli, der ebenfalls heikle Fragen aufgeworfen hat: Wo fängt Sexismus an und wo hört er auf? Wann ist er justiziabel und wann eine Respektlosigkeit? Wann ist er ein unglückliches Kompliment und wann eine verbale Attacke?

Der subtile Rassismus

Der Chebli-Fall ist zu einem moralischen Dilemma geworden. Nochmal zur Erinnerung: Die Berliner Staatssekretärin berichtete kürzlich auf Facebook, wie sie der Moderator einer offiziellen Veranstaltung – ein alter, weißer Mann – nicht als Staatssekretärin erkannte. Als Sawsan Chebli ihre Identität preisgab, sagte der Moderator überrascht, dass er mit so einer jungen und auch noch so hübschen Frau nicht gerechnet habe. Chebli fühlte sich verletzt und diskriminiert. Sie reagierte aber nicht direkt auf den Satz, sondern erst Tage später mit einem Eintrag auf Facebook: Sie schrieb, sie kenne Sexismus, aber so etwas wie dies habe sie noch nicht erlebt. Sie stehe unter Schock. Es folgte ein Shitstorm: Männer reagierten mit Unverständnis auf die Heftigkeit von Cheblis Reaktion. Der Tenor: "Stell dich nicht so an. Er hat es doch nur nett gemeint."

In der ersten Version meines Textes folgte ich einem ähnlichen Impuls: Ich wollte schreiben, dass Cheblis Reaktion kontraproduktiv gewesen sei. Dass sie den Frauen keinen Gefallen tue, wenn sie minder schwere Formen von Sexismus mit schweren vermenge. Ich nahm mir das Recht heraus, ein derartiges Urteil zu fällen – man könnte es als mansplaining bezeichnen –, weil ich glaube, zu wissen, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden: Ich habe einen Migrationshintergrund. Ich bin in Deutschland geboren, ich habe hier in Deutschland Abitur gemacht, ich habe die deutsche Sprache wie jeder andere Deutsche gelernt und doch habe ich keinen deutschen Pass. Ich habe polnische Eltern und einen polnischen Namen, also Teile einer polnischen Identität, und nur die polnische Staatsbürgerschaft. 

Obwohl mich ansonsten nichts von Deutschen unterscheidet, habe ich früh Rassismus erfahren. In Erinnerung geblieben ist mir ein Erlebnis aus meinem Germanistik-Studium in Berlin: Nach der Abgabe meiner ersten Seminararbeit zitierte mich mein Professor in sein Büro, um mit mir meine Arbeit zu besprechen. Er sagte, dass er es erstaunlich finde, dass ich mich auf Deutsch so gut ausdrücken könne – "und das auch noch als Pole". Diese Feststellung war als Kompliment gemeint, und doch fühlte ich mich tief verletzt. Der Satz wirkte auf mich herabwürdigend und unterwanderte meinen Anspruch, als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Ich empfand ihn als rassistisch. 

Repressive Formen männlicher Dominanz

Doch auch ich schwieg. Ich schluckte die Verletzung herunter. Ich versuchte, die Situation zu vergessen und entschuldigte den Professor für sein Verhalten, mit dem Argument, dass er ja in einer anderen Zeit aufgewachsen sei und es sicherlich nicht böse gemeint habe. Auch heute noch bin ich der Meinung, dass es richtig war, meinen Professor nicht öffentlich anzuprangern, ihn nicht zu denunzieren, also die Situation nicht auf Facebook publik zu machen und meinen Frust in einem Erlebnisbericht zu verarbeiten. Ich bereue aber, dass ich ihn nicht zur Seite genommen habe, ihm nicht erklärt habe, dass sein Kompliment missverständlich war, dass er sich in Zukunft überlegen solle, ob ein ausländischer Name tatsächlich auf eine ausländische Biographie zurückzuführen sei. Ich bereue heute, dass ich ihn nicht über meine Verletzung informiert habe.

In der ersten Version dieses Textes hatte ich diese rassistische Erfahrung und meine Konsequenzen, die ich daraus gezogen habe, mit Cheblis Erfahrung verglichen und gefolgert, dass mein Vorgehen auch in ihrem Fall richtiger gewesen wäre. Ich dachte mir einfach: Was nützt es, einen Mann an den Pranger zu stellen? Lernt er etwas daraus? Und: Worin besteht der Unterschied zwischen Chebli und mir und unseren Erfahrungen hinsichtlich gesellschaftlicher Ungerechtigkeits- und Machtstrukturen? Wieso kann ich einstecken und sie nicht? Ich nahm an, ich würde aus einer Minderheitenposition heraus sprechen und hätte daher das Recht, mich zu äußern, eben weil ich solch eine Verletzung nachempfinden kann.   

Doch dann geriet auch diese Position wieder ins Wanken: Abends ging ich auf Facebook und las den #MeToo-Bericht einer Bekannten aus Berlin. Ihr Eintrag schockierte mich zutiefst. Sie beschrieb, wie sie kürzlich auf einem Zahnarztstuhl unsittlich berührt wurde: Während einer Zahnbehandlung presste der behandelnde Arzt seinen Schritt gegen ihren Oberarm, so dass sie seinen Penis spürte. Der Arzt nutzte seine Machtposition und ihre Hilflosigkeit aus. Meine Bekannte schrieb, dass sie solche Formen von Sexismus jeden Tag erfahre und männliche Dominanzstrukturen in den kleinsten Verästelungen unserer Gesellschaft erkenne. Mir war das nicht bewusst. Am Ende des Posts forderte sie ihre männlichen Leser dazu auf, sie anzurufen und sich erklären zu lassen, wie Männer ihr Verhalten ändern müssten, damit endlich Schluss sei mit den repressiven Formen männlicher Dominanz. Ich rief sie an.