Wir führten ein langes, schwieriges, nervenaufreibendes Gespräch. Denn während des Telefonats zeigte sich, dass es eine nahezu unüberwindbare Kluft zwischen unseren beiden Perspektiven gibt. Wir einigten uns schnell, dass ihre Zahnarzterfahrung eine üble Form von sexueller Belästigung war. Doch über den Chebli-Fall konnten wir uns nicht einigen. Ich erzählte meiner Bekannten von meiner Idee, einen Kommentar zu schreiben. Sie reagierte entsetzt, ja geradezu verstört. Sie warf mir vor, dass ich mir als Mann nicht das Recht herausnehmen könne, Cheblis Empfinden auf irgendeiner Ebene zu beurteilen. Dass ich nicht wisse, welche Erfahrungen die Staatssekretärin in ihrem Leben gemacht habe, dass ich die vielen kleinen sexistischen Schikanen im Arbeitsleben einer Frau nicht nachvollziehen könne, auch nicht als Mann mit Migrationshintergrund – und dass meine rassistischen Erfahrungen keine Berechtigung seien, sich anzumaßen, Chebli Ratschläge zu erteilen. Sie machte mir klar, dass ich als Mann immer über eine Selbstsicherheit, über ein Identitätsprivileg verfügen würde, das ich niemals zu reflektieren und abzulegen imstande wäre. Sie sagte, dass die Idee, einen Text über Sexismus aus männlicher Perspektive zu schreiben, schon Teil des Problems sei. Meine Bekannte wurde noch konkreter, noch deutlicher. Sie sagte mir: "Du, Tomasz, bist selbst Teil des Problems."

Ich nahm den Vorwurf ernst, ich nahm ihn an und versprach, darüber nachzudenken. Nach dem Gespräch begann ein mäandernder Findungsprozess. Erst wehrte ich den Gedanken ab: Wenn das Argument meiner Bekannten zuträfe, dann wäre jede weitere Diskussion über Sexismus zwischen Mann und Frau sinnlos. Dann müsste ich mich auf ewig wegducken und hätte nur einen einzigen argumentativen Ausweg – die Gewalttätigkeit meines Geschlechts für immer zu akzeptieren. Besonders nachdenklich stimmte mich ein beeindruckender Essay der Tagesspiegel-Kollegin Anna Sauerbrey: Darin äußert sie die These, dass immer ein Rest Fremdheit zwischen Männern und Frauen bestehen werde – "jene Fremdheit zwischen Verstehen und Empfinden".

Dürfen nur Frauen über Frauen sprechen?

Wieder wehrte ich den Gedanken ab, unbewusst. Doch dann wollte ich, in offener, dialektischer Manier das Argument durchspielen und mir überlegen, was es bedeuten würde, wenn ich Unrecht hätte und es tatsächlich eine Differenz im Empfinden zwischen Mann und Frau gäbe, die sich nicht überwinden ließe. Ich kam zu dem Schluss, dass ich diese Frage nicht eindeutig beantworten kann. Ich kann nicht mit aller Sicherheit sagen, ob das Empfinden zwischen Mann und Frau kommensurabel ist. Kein Mann besitzt die Fähigkeit, in den weiblichen Körper zu reisen und die Vorstellung über das Frausein mit dem tatsächlich Erlebten einer Frau in Einklang zu bringen. Schon seit Jahrhunderten beschäftigt sich die Philosophie mit genau diesem Problem, der Unmöglichkeit des body switching. Am Ende müssen wir uns eingestehen, dass wir gefangen sind in der Wahrnehmung, im Bewusstsein unseres eigenen Ichs, unserer historischen Verfasstheit und Erziehung, unseres Geschlechts. Auf dieser Grundlage müssen wir unsere Erkenntnisurteile treffen, unsere moralischen Bewertungen vom Konkreten ins Allgemeine heben. 

Dennoch bleibt in mir ein Restzweifel: Wie sähe unsere Diskussionskultur wohl aus, wenn wir das Argument der geschlechtlichen Inkommensurabilität zuließen und auf dieser Basis dem männlichen Part per se ein Urteilsverbot über das Empfinden von Frauen erteilen würden? Wenn wir davon ausgingen, dass sich zu Sexismus nur Frauen äußern und Männer nur dann etwas sagen dürften, wenn sie öffentlich ihre in der eigenen Identität begründete Schuld eingestehen und, wie es gerade viele Männer im englischsprachigen Raum tun, dafür Abbitte leisten

Ich befürchte, dass diese Forderung eine destruktive Komponente beinhaltet, die das feministische Projekt schwächen könnte. Denn das Inkommensurabilitätsargument gestattet männlichen Sexisten, sich weiterhin als Unbeteiligte in dieser Debatte zu begreifen. Und was mindestens ebenso schlecht ist: Es droht, genau jene Männer zu verunsichern, die sich wirklich ändern, sich wirklich besser verhalten wollen. Jene die das Ungerechtigkeitsgefühl der Frauen verstehen, ja, es nachempfinden wollen. Paradoxerweise zementiert das Argument der unüberbrückbaren Distanz unwillentlich die Trennung zwischen den Geschlechtern, deren Überwindung eigentlich unser höchstes Ziel sein sollte.

Ist es denn wirklich unmöglich, sich eine Welt zu imaginieren, in der die Menschen nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrem Wesen wahrgenommen werden? Wollen wir dieses Ideal wirklich aufgeben, so unrealistisch es sein mag? Ich denke, das wäre falsch. Die Fähigkeit zur Empathie erscheint mir unabdingbar auf dem Weg der Annäherung an dieses Ideal – die Empathie für das Fremde, für das andere Geschlecht. Die Annahme von einer unüberbrückbaren Geschlechterdifferenz würde den emanzipatorischen Anspruch des Feminismus ad absurdum führen und unterstellen, dass Männer eine Urschuld in sich tragen, die sie weder ablegen noch überwinden können. Dass Männer hineingeboren sind in Unterdrückungspraktiken, die sie nicht abschütteln, sondern bestenfalls reduzieren können. Ist nicht das wiederum diskriminierend allen Männern gegenüber?          

Es wäre förderlicher, Männer wie Frauen im Vertrauen darauf zu bestärken, dass die Utopie des einen Menschengeschlechts umsetzbar ist, auch wenn dieser Endzustand nur ein Ideal bleiben dürfte – wie auch in der europäischen Aufklärung die Kategorien Freiheit, Gleichheit und Frieden unerreichbare Idealisierungen waren, an die sich der Mensch in einem unendlich fortschreitenden Veredlungsprozess bloß annähern kann.

Vielleicht ist dieser Einwand zwecklos. Vielleicht ist er falsch. Aber ist er wirklich sexistisch? Ich zweifle daran.