Seit Ende August hat die niederländische Studentin Noa Jansma mit ihrem Selfie-Projekt #dearcatcallers mehr als 345.000 Instagram-Follower gewonnen. Schauplatz ihrer Selfies ist immer die Straße: Im Vordergrund sieht man ihr ernstes, halb angeschnittenes Gesicht, dahinter einen posierenden Mann oder gleich eine ganze Gruppe von Männern. In den Bildunterschriften ist zu lesen, was diese Männer der jungen Frau hinterhergerufen haben, auf Englisch nennt man das catcalling: "I know what I would do with you", "baby", "sexy", "horny girl", und so weiter, die ganze Litanei der sexuellen Belästigung auf der Straße. In den Kommentaren bekommt Jansma viel Zustimmung für ihr Projekt, aber auch den erwartbaren Gegenwind: Sie wird als Feministin mit fragilem Selbstwertgefühl beschimpft, als privilegierte Frau mit Luxusproblemen, als drama queen. Der Nutzer freddiefred geht so weit, den catcall zu naturalisieren: Alle Männer dächten an Sex, wenn sie schöne Frauen sähen, da sei es doch nur normal, wenn sie das auch sagen würden. "You'll understand when you're older. In the meantime, just keep bitching and moaning about it. That's what all young women do about that. It's a life ritual."

"Bitching and moaning" – wenn man die Sprechakte, die freddiefred hier als ein "Lebensritual" junger Frauen abtut, auf einen etwas weniger abfälligen Begriff bringen möchte, dann könnte man von "Beschwerden" sprechen. Es ist eine Sprechform, die jungen Frauen besonders oft zugewiesen wird, wenn sie öffentlich gegen eine Benachteiligung protestieren. Der Skandal um Harvey Weinstein hat nicht zuletzt auch das hervorgebracht: ein Archiv von Beschwerden über sexuelle Gewalt und Sexismus, die eigentlich längst hätten öffentlich sein müssen, stattdessen aber unterdrückt und verschwiegen wurden, obwohl jeder, der mit Weinstein zu tun hatte, von ihnen wusste.

Auch in Deutschland gab es in den vergangenen Monaten viele öffentliche Klagen über Sexismus, wenn auch unter viel geringerer Aufmerksamkeit: Ende August hatte der Asta der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gegen ein Gedicht von Eugen Gomringer an einer Hauswand protestiert, das nach Ansicht der Studierenden strukturelle Gewalt gegen Frauen spiegelte, und brachte damit die Diskussion über die Zerstörung von Kunstwerken wegen sexistischer oder rassistischer Inhalte nach Deutschland. Nachdem am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim ein verschriftlicher Sexismusvorwurf an Studierendenvertreter den Dozenten öffentlich wurde, erschienen zur Unterstützung der sich beschwerenden Studierenden rund 30 Erfahrungsberichte über Alltagssexismus im Universitäts- und Kulturbetrieb. Gemeinsam mit Alina Herbing und den Herausgebern des Merkur habe ich die Einsendungen betreut und lektoriert.

Die alte Regel: Beschwere dich nicht!

Die Literaturkritikerin Mara Delius von der Welt reagierte damals als eine der ersten auf unser Dossier. Sie gab uns einen Ratschlag, der in abgewandelter Form in vielen Kommentaren zu lesen war: Die "jungen Autorinnen" sollten nicht den Fehler machen, in die "Subjektivitäts- und Beschwerdefalle zu tappen".

Die "Beschwerdefalle", was für ein eigenartiger Begriff. Offenbar liegt irgendwo am Rand des Karrierewegs junger Frauen ein Ort der Verdammnis, in den sie sich hineinmanövrieren können, wenn sie sich zu viel und zu unvorsichtig beschweren. Wenn eine Aussage als "Beschwerde" kategorisiert wird, impliziert das immer schon eine Wertung: Man könnte dieselben Sätze ja auch als ein heldinnenhaftes "Aufbegehren" gegen die herrschende Ordnung beschreiben oder schlicht und einfach als ein Aussprechen von Wahrheiten, die allzu lange totgeschwiegen wurden. "Beschwerde" klingt nicht so glorios, es klingt eher nach Passivität und Machtlosigkeit.