Schubladen sind für Unterwäsche da, nicht für Menschen – sollte man meinen. Und trotzdem sortieren die allermeisten (auch ich) ihre Umwelt und damit auch ihre Menschen danach ein, was sie glauben zu wissen. Für historische Phänomene und Begriffe ist das nicht schlecht, wir können die Ereignisse von Charlottesville analysieren und uns fragen, was sie mit Rostock-Lichtenhagen zu tun haben.

Auch um Machtverhältnisse und ihre Funktionsweisen zu beschreiben, sind Kategorien super. Problematisch sind und bleiben aber die Fremdannahmen, die daraus resultieren.

Azadê Peşmen arbeitet als Journalistin, unter anderem für Deutschlandfunk Kultur. Sie lebt in Berlin, wo sie als Spoken-Word-Künstlerin auftritt und sich journalistisch und künstlerisch mit urbaner Kultur auseinandersetzt. Aus Sicherheitsgründen achtet sie darauf, dass es keine Bilder von ihr im Netz gibt. Sie ist Gastautorin von ''10 nach 8''. © el boum

Der soziale Hintergrund, woher die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern kommen, die sexuelle Orientierung oder das zugeschriebene Geschlecht sind nur einige Merkmale, nach denen Menschen fleißig urteilen und annehmen, etwas über eine Person zu wissen. Selbst wenn man die "richtigen" Bezeichnungen einer Kategorie meint, weil eine Person sich selbst zu ihnen zählt, sagt das noch ziemlich wenig über einen Menschen aus. Um ehrlich zu sein: Es sagt absolut gar nichts aus.

Bevor ich missverstanden werde: Fremdannahmen sind manchmal auch nützlicher Natur. Wenn ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemanden sehe, der Klamotten einer rechtsextremen Marke trägt, dann werde ich bestimmt nicht freundlich lächelnd "Guten Tag" sagen. Genauso wenig, wie ich einem bewaffneten Menschen in die Arme laufe. Abgesehen von diesen Beispielen sind Fremdannahmen aber trügerisch und unzuverlässig. Sie bieten die Grundlage für alle möglichen Klischees und Vorurteile. Die meisten Fremdannahmen, die über Menschen getroffen werden, die Kategorien, in die sie gesteckt werden, dienen einzig und allein der Befriedigung des eigenen Sicherheitsbedürfnisses und bieten eine vermeintliche Orientierung. Sie bieten den Maßstab, an dem alles gemessen wird. Wenn Julias Eltern ihr verboten haben fernzusehen, dann hatte sie halt Ökoeltern. Wenn ich erzähle, dass ich eine Zeit lang nur zehn Minuten vor dem Bildschirm sitzen durfte, dann höre ich, dass meine Eltern ganz schön progressiv seien (... dafür, dass sie nicht aus Deutschland kommen).

Fremdannahmen werden getroffen, damit man ungefähr weiß, wie man mit dem Gegenüber umzugehen hat bzw. glaubt, mit ihm oder ihr umgehen zu müssen. Das beginnt schon bei der Begrüßung: "Oh, du heißt Azadê, dann muss ich ja 'Merhaba' sagen!" Gut gemeint ist halt in den meisten Fällen komplett ins Fettnäpfchen getreten und führt bei mir eher zu Irritation (Tipp: "Guten Tag" reicht völlig). An meinem Namen (in Kombination mit meiner bezirklichen Herkunft Berlin-Wedding) hängen sich weitere Fremdannahmen auf. Das führt dann unter Umständen dazu, dass Menschen anfangen, mit mir in gebrochenem Deutsch zu sprechen und meinen, darüber eine Verbindung herstellen zu müssen (und vor allem: zu können).

Der angeeignete Möchtegern-Habitus der Subalternen wird meist begleitet von einer merkwürdigen Handbewegung und einem "Yo". Das ist dann wohl das Ergebnis von der allseits bekannten Korrelation der beiden Variablen Wohnviertel und Musikgeschmack. Menschen, die dort wohnen, wo das rassifizierte Arbeitermilieu zu Hause ist, hören nämlich alle Rap und damit einher geht selbstverständlich auch eine bestimmte Gestik und die Übernahme von Codes aus dem Genre Gangster-Rap.

Yo, nein danke.