Vor der Wahl stellte das Wahlvolk den Parteien diese eine Frage: Wer seid Ihr, wofür steht Ihr? Nach der Wahl sind es nun die Parteien, die sich an das Wahlvolk richten: Wer seid Ihr, wofür steht Ihr?

Es ist eine seltsame Situation, in der das Land steckt. Seit der Bundestagswahl hat man das Gefühl, dass es nicht mehr nur die Bürger sind, die mit den Parteien fremdeln, sondern dass die Fremdelei auf Gegenseitigkeit beruht. Alle Nase lang sitzt ein Spitzenpolitiker in einer Diskussionsrunde und räsoniert über das Ergebnis: "Die Wahlen zeigen eindeutig, was den Wähler umtreibt." Dann folgt eine These. Soziale Frage, Innere Sicherheit, Internet. Daraufhin unterbricht ihn einer von der politischen Konkurrenz und erörtert das Gegenteil.

Die Parteipolitiker zerbrechen sich den Kopf darüber, was die Wähler eigentlich umtreibt. Wer diese Leute sind, die so merkwürdig gewählt haben, dass sich kein eindeutiges Muster erkennen lässt. Es gibt Wählerwanderungen von den beiden Volksparteien hin zu allen anderen Parteien. Jeder hat an jeden verloren, beziehungsweise hat Stimmen aus verschiedenen politischen Richtungen dazugewonnen. Mal stammen die Wähler einer Partei aus einem armen Bundesland, dann wieder aus einem vermögenden. Mal handelt es sich um Ostzuwachs oder um Westverluste.

Eine Partei wie die CDU hat Wähler an das rechtsextreme Lager genauso verloren wie an die Liberalen. Sie kann sich aber auch über Wähler freuen, die man früher den Grünen zugerechnet hätte. So kann man das eigentlich für jede Partei durchdeklinieren.

Im Laufe der Analysen fällt auf, dass Begriffe wie "Volkspartei" oder "Wählermilieu" irgendwie nicht mehr passen. So wie der ganze Sprechapparat auf ein Deutschland ausgerichtet ist, das es so nicht mehr gibt. Wenn die SPD den "kleinen Mann" aus der Mottenkiste holt und damit die Krankenschwester oder den Dachdecker meint, muss sich doch die ganze Generation aus der digitalen Unterschicht, die irgendwas mit Internet macht, wie in einem Paralleluniversum fühlen. Der Dachdecker und die Krankenschwester bekommen im Gegensatz zum Adobe-Flash-Prekariat wenigstens irgendwann noch eine Rente und sind krankenversichert. Man muss schon mit der Lupe suchen, um einen freischaffenden Grafiker unter 30 zu finden, der irgendwo versichert ist. Haftpflicht, Riester und Zahnzusatzversicherung sind für eine Frau, die freiberuflich für einen Verlag oder eine Forschungseinrichtung arbeitet, unerreichbarer Luxus. Und wer irgendwo einen Zweijahresvertrag bekommt, geht das allen Ernstes anschließend feiern. Diese Generation ist eine eigene Klasse, die noch eine Stufe unter "den kleinen Leuten" steht.

Man kann den Parteien dabei zuschauen, wie sie das Land neu vermessen. Erst die Wahlergebnisse zeigen ihnen ihr Dilemma. Es gibt einen riesigen Niedriglohnsektor, aber es profitieren davon weder die SPD noch die Linke. Jedenfalls nicht in einem solchen Ausmaß, dass es zur Regierungsbeteiligung reichen würde. Es gibt einen Wahnsinns-Dieselskandal und einen Klimawandel grausamsten Ausmaßes. Es profitieren aber nicht die Grünen davon. Es gibt eine ungeheure Sehnsucht nach Heimat und Kontinuität, es profitiert aber nicht die CDU davon. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Abneigung gegen Muslime und Geflohene, es profitiert aber nicht die AfD davon, jedenfalls gemessen daran, dass sie für sich stets in Anspruch nahm, für die "schweigende Mehrheit" zu sprechen. 13 Prozent sind bei aller Liebe nicht die Mehrheit. Kurz: Keine einzige Partei vermag aus einem spezifischen Sachverhalt abzulesen, welches das wichtigste Thema für sie sein sollte.