Mein Artikel #OhneMich hat große Ablehnung, Entrüstung und Verstörung zutage gefördert. Die Vorstellung, dass es möglich oder gar wünschenswert sein könnte, dass Frauen und Männer gleich viel Mühe auf ihr Aussehen verwenden und sich gleichermaßen raffiniert und körperbetont kleiden, scheint vielen ein Angriff auf ihr persönliches Weltverständnis zu sein. Doch warum ist das überhaupt so? An der Leserreaktion lässt sich erkennen, dass der soziologische Blick auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen viel zu selten eingenommen wird. Dabei ermöglicht er Erkenntnisse, die einen gewinnbringenden Beitrag zu der wichtigen und hoffentlich anhaltenden Debatte über Alltagssexismus leisten können. 

#OhneMich artikuliert die Idee einer Welt mit symmetrischen Aussehensnormen für Männer und Frauen. Das scheint ein provokanter Entwurf zu sein. Im Nachgang verteidigen modebewusste Frauen ihr Recht auf Make-up und Minirock; Feministinnen verbitten sich die Implikation, Frauen seien wegen aufreizender Kleidung selbst schuld an Übergriffen; Naturalisten wehren sich gegen widernatürliche Gleichmacherei; Männer mit klassischem Frauenbild fürchten um den Anblick hübscher Häschen im Büro; Neue Rechte sehen ihr rückwärtsgewandtes Frauenbild in Gefahr. Humorvolle Kommentatoren vermuten, das Ganze sei nur ein "Shitstorm-Induktionsexperiment" gewesen. Es ist aber ernst gemeint.

Natur und Konstruktion

Dass Aussehen bei Frauen wichtiger ist als bei Männern, gilt vielen als Naturgebenheit. Der Eindruck drängt sich auf, dass Frauenkörper von Natur aus mit stärkeren und besser sichtbaren Reizen ausgestattet sind als Männerkörper: "An Frauen gibt es einfach mehr zu sehen, etwa eine vorgewölbte Brust und einen großen Po; an Männern ist einfach weniger dran, ihr Körper ist weniger geformt." Auch wird auf vermeintlich natürliche Unterschiede im Partnerwahlverhalten hingewiesen: "Männer achten eben mehr auf optische Reize, Frauen mehr auf innere Werte und Männer sind evolutionär bedingt immer auf Sex und Streuen ihrer Gene aus." 

Barbara Kuchler, geboren 1974, ist promovierte Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld. © privat

Der Eindruck, dass es sich hier um Naturtatsachen handle, ist zwar weit verbreitet, aber trotzdem falsch. So schwer das aus der Alltagsperspektive heraus einzusehen ist: Dergleichen sind soziale Konstruktionen, sie verdanken sich gesellschaftlichen Definitionen und Routinen, nicht der Natur. Bei den alten Griechen hatten männliche und weibliche Körper den umgekehrten Aufmerksamkeitsbonus, da wurde mit Vorliebe der nackte Männerkörper gefeiert und in Marmor gehauen. Die heutige Mode betont die weibliche Brust und den weiblichen Po durch eng geschnittene Kleidungsstücke und Ausschnitte; deshalb fallen sie auf. Würde die Mode Männer in hautenge Hosen stecken, könnte man im Schritt eines Mannes sehr wohl auch sehr interessant geformte Teile sehen. Nur die Mode ist nicht so und schützt Männer vor diesem Blick (jedenfalls die Mainstream-Mode abseits der homosexuellen Subkultur). Die Mode der Renaissance hielt es da anders, indem sie das männliche Geschlechtsteil in so genannte Schamkapseln steckte – vorstehende und farblich abgesetzte Taschen oder Polster – und speziell betonte. Es gab auch Epochen in der europäischen Geschichte, da waren es – im Adel jedenfalls – die Frauen, die als lüstern und immer auf Abenteuer aus galten, während die Männer auch anderes zu tun hatten (Politik machen, Kriege führen, Fuchsjagden reiten).

Die Naturalisierung von etwas, was eigentlich Gesellschaft ist, ist ein häufiges Phänomen. Naturalisierung heißt: Dinge, die in der sozialen Ordnung so definiert sind, werden in die Natur zurück projiziert, und die Gesellschaftsmitglieder haben den Eindruck, es sei immer schon so gewesen und könne nicht anders sein. So ist auch die romantische Liebe ein Konstrukt oder eine Erfindung der modernen Gesellschaft. Dass Menschen sich verlieben, ist nichts Natürliches und Urmenschliches, vielmehr ist dieses Konzept in früheren Gesellschaften entweder unbekannt oder nur marginal relevant, und dort werden stattdessen andere Varianten zwischenmenschlicher Zuneigung und andere Modi der Partnerwahl gepflegt. Die Idee romantischer Liebe kann erst aufkommen in einer Gesellschaft, die dem Individuum einen hohen Stellenwert einräumt, die Verwandtschaft als Lebenskontext und Genealogie als Konnex zwischen Vergangenheit und Gegenwart zurücktreten lässt, die Privatsphäre und öffentliche Sphäre trennt und sich daran gewöhnt, das Geschehen in der Privatsphäre unter Schutz zu stellen.

Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass es kaum etwas gibt, was "der Mensch" von Natur aus ist. Tatsächlich ist der Mensch, anthropologisch gesehen, vor allem durch seine fast unbegrenzte Formbarkeit gekennzeichnet. Er kann fast alles werden: arktischer Rentierjäger oder Südseefischer, Dorfbauer oder globaler Jetsetter, konfuzianisches Kollektivwesen oder westliches Ich-Wesen. Es gibt jenseits der Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Sexualität, Sozialkontakt keine biologischen Konstanten, und diese wenigen biologischen Bedürfnisse lassen sich in unendlich vielfältigen sozialen Formen bedienen.