Ich sehe mich mit acht Jahren vor einer grünen Tafel stehen. Ich rechne mit hochrotem Kopf mathematische Gleichungen vor – zumindest versuche ich das. Das Kreidestück in meiner Hand ist nass vom Schweiß meiner Hände und ein paar Jungs auf den hinteren Bänken lachen. "Danke, Caroline. Du kannst dich wieder hinsetzen", sagt meine Grundschullehrerin trocken. Später auf dem Nachhauseweg sehe ich die Jungs von den hinteren Bänken wieder. Sie rufen hinter mir her. "Hey Caroline, wie viel ist denn eins plus eins?" Es folgt lautes Gelächter. Ich drehe mich gar nicht erst um, sondern trotte mit meinem für meine Körpergröße überdimensionalen Schulranzen auf dem Rücken durch die Bonner Apfelallee nach Hause.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der FUNKE Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog "Stadtlandmama.de", der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Malakoff Kowalski

Zugegeben, ich hatte keine besonders tolle Schulzeit. Dreizehn Jahre Hänseleien bis zum Abitur ziehen nicht einfach so an einem vorbei. Heute gibt es dafür einen Begriff: Mobbing. Anfang der Neunziger hieß das einfach nur: Schule. Wurde einer auf dem Pausenhof in die Ecke gestellt und ausgelacht, rauchte das Lehrpersonal fünf Meter entfernt unbeeindruckt weiter.

Diese und ähnliche Erinnerungen steigen unweigerlich hoch, wenn das eigene Kind kurz vor der Einschulung steht. Mein Sohn wird dieses Jahr sechs, nächstes Jahr soll er in die Grundschule kommen. Als Mutter ist mir dabei mulmig. Mein Sohn ist verträumt. Er bastelt gern Bücher und denkt sich Geschichten aus. Ich will nicht, dass unmotivierte, zynische Lehrer seine Fantasie belächeln. Ich will nicht, dass er den Strukturmangel an Schulen, das schlechte Kantinenessen, den Mief im deutschen Bildungssystem abbekommt.

So wie mir geht es anscheinend vielen Eltern. Laut dem Bildungsbericht 2016 hat sich der Anteil der Privatschulen in Deutschland seit 1998 auf knapp elf Prozent verdoppelt. Ob Montessori, Waldorf, kirchliche oder sonstige freie Träger, aus dem öffentlichen Bildungssystem scheint eine regelrechte Fluchtbewegung weg von öffentlichen Schulen eingesetzt zu haben. Und diese Diversität muss nicht schlecht sein. Hieß es in unserer Kindheit noch: "Dein Bezirk, deine Einzugsschule, dein Pech", haben wir Eltern heute die Wahl. 

Die Wahl, das sind erst einmal viele bunte Flyer, die an Kühlschrankmagneten in meiner Küche hängen. Jedes Wochenende arbeiten wir einen ab und nehmen an einem sogenannten Kennenlerntag oder Tag der offenen Tür teil. Mein Sohn und ich. Die kleine Schwester im Schlepptau.  

An den jeweiligen Schulhöfen werden zwischen Bratwürstchenstand, Waffelzauber und Tombola den Eltern zunächst zwei Dinge vermittelt:
1. Hier gibt es nicht Platz für jeden, denn die Warteliste ist lang.
2. Deine Bereitschaft, am Monatsanfang das nach Einkommen gestaffelte Schulgeld zu überweisen, ist keine Garantie auf einen Platz, sondern erst mal nur ein Gesprächsangebot.
Denn Achtung, hier kommt der Haken: "Du musst zu uns passen."

Diesen Satz bekommt man meistens persönlich von einem Lehrer oder während der Eltern-Ansprache von der Direktorin gesagt. "Passen", das klingt so harmlos, eigentlich nett – und dennoch müssen wir uns als Eltern in Zeiten des Privatschulbooms bewusst machen, dass dieser Satz nichts Geringeres ist als emotionale Erpressung. Er bedeutet im Grunde: "Hast du nicht die richtige Gesinnung, die richtige Religionszugehörigkeit oder immerhin den richtigen Spirit oder kannst wenigstens so tun als ob, verschwendest du unsere Zeit."

Wer sein Kind in einer Waldorfschule unterrichten lassen will, sollte an Eurythmie-Tanz in wallenden Gewändern, an das Werk von Rudolf Steiner und die "Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib" glauben. Sollte Elterndienststunden leisten und auch zu Hause sein Kind nicht mit bunten Filzstiften oder Kugelschreibern malen lassen. Denn das ist bei Waldorf gar nicht gern gesehen. "Wie lange haben Sie ihr Kind gestillt?" ist eine der Fragen aus dem Waldorf-Anmeldebogen. Eine andere lautet: Waren Sie oder das Kind während der ersten drei Lebensjahre einer besonderen Stresssituation ausgesetzt?" Ja, soll ich vielleicht noch ein Video von der Geburt mitschicken?

Wir lassen von überteuerten Bildungsträgern manipulieren

Ich überlege also, meinen Sohn lieber in einer Privatschule anzumelden, die nur wenige Meter von unserer Wohnung entfernt liegt. Dort werde ich als Mutter genötigt, mein katholisches Kind in den evangelischen Religionsunterricht zu stecken. Der Unterschied sei gar nicht so groß, behauptet ein Lehrer. "Also, doch, schon irgendwie", stammele ich fassungslos zurück.

Bringe ich mein Kind wiederum in einer alternativpädagogischen Naturschule unter, darf es laut Schulordnung keine Leberwurst und kein Nutella auf seinem Pausenbrot haben – und falls ich mich nicht sowieso bereits vegan und zuckerfrei ernähre, dann sollte ich besser mal schnell damit anfangen.

Rückt dagegen eine dieser internationalen Schulen in die engere Wahl, wäre es schon wünschenswert, wenn das Kind zu Hause eine weitere Sprache spräche. Eine fremdsprachige Nanny einzustellen, ist dabei eine ernst gemeinte Empfehlung, die ich am "Kennenlerntag" dort erhalte.

Dabei frage ich mich die ganze Zeit, ob ich die einzige bin, der auffällt, dass wir uns als Eltern von überteuerten Bildungsträgern manipulieren lassen. Schulen funktionieren heutzutage wie Dienstleistungsanbieter, die profitabel laufen müssen, aber ich darf aufgrund der Vielzahl an Bewerbern nicht die Rolle des Kunden einnehmen. Nein, ich muss so tun, als ginge es um ideologische Werte – ja, ganz toll alles hier – und das Schulkonzept sei die sechste Weltreligion.

Ich führe Kennenlerngespräche mit Direktoren, die sich eher wie Bewerbungsgespräche für einen Job in der freien Wirtschaft anfühlen. Ich muss mir Fragen anhören, die einen Eingriff in meine Privatsphäre darstellen, aber offenbar Teil des Auswahlverfahrens sind. Bin ich verheiratet? Lebe ich getrennt? Möchte ich meine Finanzen komplett offenlegen oder einfach gleich den Höchstsatz bezahlen?

Mir geht das alles zu weit. Ich bin in keine Richtung politisch extrem – Dogmen und Ideologien machen mir Angst. Auch bin ich nicht verführbar durch Homöopathie oder esoterische Schwingungen. Ich habe das Recht auf Neutralität und Privatsphäre – gerade als Mutter eines Schulkindes in spe, dem ich in unserer oft zu transparenten digitalen Gesellschaft ein Vorbild sein muss. "Ich kann einen Hasenkäfig bauen", höre ich mich schließlich in einem dieser Gespräche sagen und merke sofort, dass der Tiefpunkt erreicht ist.

Am folgenden Wochenende besichtige ich die staatliche Regelschule in meinem Bezirk. Das Gebäude sieht stark nach Asbest aus und die Schulsekretärin versucht nicht einmal, sich ihren Besuchern gegenüber besondere Mühe zu geben. Wir sind uns dennoch sympathisch. "Wir mussten das jahrgangsübergreifende Lernen abschaffen, weil wir zu wenig pädagogische Hilfskräfte bekommen haben", sagt sie, als ich den Anmeldebogen ausfülle. "Das hatte der Berliner Senat anders versprochen." Ich nicke. "Und das Essen in der Kantine ist eigentlich auch schwer in Ordnung", plaudert sie weiter. "Mittlerweile wird es zweimal angeliefert. Davor war es oft kalt."

Ich muss innerlich lachen. Wenigstens, denke ich, ist sie ehrlich. Wenigstens hat sie mich nicht nach meinem Beziehungsstatus gefragt oder ob ich für die Schul-AG sorbische Ostereier ausblasen könnte.
"Haben Sie noch Fragen", sagt sie ohne große Euphorie in der Stimme.
"Nein, danke", sage ich. "Ich habe ein gutes Gefühl."