Eigentlich dürfte es diesen Artikel gar nicht geben. Ich fühle mich derzeit nämlich nicht so gut. Zu viel Stress, Streit mit dem Mann und zu viele Lesungen. Dazu eine pessimistische Persönlichkeitsstruktur, und vor Kurzem hat mir jemand auf Facebook geschrieben, wie ich es eigentlich geschafft habe, mich mit solchen Segelohren hochzuschlafen. Gemein. Ich bin angeschlagen. Bisschen erschöpft auch. Ich habe Schlafprobleme, und Baldrian hilft nicht so gut, ich krieg davon Bauchweh. Das schrieb ich meiner Redakteurin, wird leider nichts mit der Kolumne, bin nicht so gut drauf. Die Redakteurin schrieb zurück, das tue ihr sehr leid, aber es wäre doch supidupi, wenn ich trotzdem meine Pflicht erfülle.

Als wären meine Gefühle nichts wert! Dazu zu stehen ist in! Authentisch zu sein, ist erstrebenswerter als irgendwelche Pflichten, hallo, es ist 2017, und heute entschuldigen Gefühle alles. Wer "besorgt" ist, muss sich nicht für sein Kreuz bei der AfD schämen, wer beim Impfen ein "irgendwie ungutes Gefühl" hat, darf Kinderleben riskieren. Wer sich betroffen fühlt, hat recht. Gefühle sind noch geiler als Follower! Die einzige, die das noch nicht verstanden hat, scheint meine Redakteurin zu sein. Die ist wahrscheinlich innerlich tot oder so.

Falls Sie also meine Ausführungen vom Anfang nicht für besonders dringlich halten, vielleicht sogar denken, es sei eine Unverschämtheit, dass ZEIT ONLINE mich in dieser Kolumne darüber jammern lässt, dass bei mir gerade nicht alles paletti ist, haben Sie also schlicht den Zeitgeist verpasst.  

Schuld ist wahrscheinlich das Internet

Noch mehr Gefühle als ich hat zum Beispiel der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård, sie reichen für 3.600 Buchseiten. Seine Gefühle sind, wie Gefühle meist, nicht besonders originell: Vatersein irgendwie krass, die Liebe schwierig, das Life hart. Wie so ein ganz normaler Mensch also, nur dass sich Knausgårds Leben weltweit als Bestseller durchgesetzt hat. Das mag erstens daran liegen, dass er hypnotisch schreibt, vor allem aber daran, dass Gefühle gerade Hochkonjunktur haben. Dafür hab ich jetzt gerade kein passendes Argument, aber hören Sie doch einfach mal in sich hinein, machen Sie ein paar Atemübungen oder so.

Gefühle sind an sich ja interessante Tierchen, manche davon etwas anhänglich, andere, wie das Glück, eher Streuner, die nur ab und an vorbeischauen. Dass es sie gibt, ist nichts Neues. Dass sie so glorifiziert werden, aber doch. Früher hatte man Gefühle bitte schön in den eigenen vier Wänden, mittlerweile sind sie zum Richter moralischer und ästhetischer Urteile avanciert. Bei Galerieeröffnungen fragen Künstler die Besucher, was die Werke "mit ihnen machen", Donald Trump begründet seine ganze Politik mit einer Mischung aus Wut, Ignoranz, und dem vagen Gefühl, dass alle gegen ihn seien.

Kurz Pause. Wenn dieser Artikel Sie ärgert, fragen Sie sich nicht, warum. Schreiben Sie einfach einen wütenden Kommentar. Gefühle muss man äußern! Immer! Ihre Empfindungen sind wertvoll!

Schuld ist wahrscheinlich das Internet, das ist es ja im Zweifelsfalle immer. Dort funktionieren Gefühle besser als Fakten, Bilder besser als Analysen, der zynische Tweet besser als die Langstreckenreportage. Vor allem aber wirken Gefühle in Zeiten von Fake-News einfach glaubwürdiger. Man kann einem "Merkel muss weg"-Brüller vielleicht den moralischen Kompass absprechen, nicht aber seine Authentizität. Der ist wirklich wütend, enttäuscht, frustriert. Und irgendeinen Grund muss er ja dafür haben. Wenn aber Gefühle zum Richter werden, manövriert sich die Gesellschaft in eine unlösbare Pattsituation.