Wir leben in interessanten Zeiten. Zeiten, in denen geschlechtermäßig so gut wie alles durcheinandergerät. Feminismus ist heute einflussreicher und präsenter denn je. Es ist nicht mehr wie noch vor Kurzem schick, sich davon zu distanzieren, im Gegenteil: Willst du cool sein, musst du feministisch sein. Immer mehr Frauen arbeiten in den Redaktionen großer Medien. Sie schreiben jede Menge Texte, natürlich auch über Geschlechterverhältnisse und nicht immer vor dem Hintergrund feministischer Theorie und Praxis. In feministischen Debatten geht es heute zunehmend um die kleinen Dinge, um Alltagsfragen. Dass Vergewaltigung verboten gehört und Frauen gleiche Rechte haben, darüber gibt es nichts zu streiten, das versteht sich von selbst. Aber was ist es mit dummen Witzen oder mit der Bedeutung von Schminke?

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Darüber herrscht keine Einigkeit, auch nicht unter Frauen, und auch nicht unter Feministinnen. Als die Soziologin Barbara Kuchler kürzlich auf ZEIT ONLINE einen Text veröffentlichte, in dem sie die Ansicht vertrat, dass Frauen, die sich schminken, High Heels tragen oder sich anderweitig aufbrezeln, an der sexistischen Geschlechterordnung mitwirken, die dann zuweilen auch zu sexualisierter Gewalt führt, erntete sie heftige Kritik aus der feministischen Community: Absurd, Bullshit, idiotisch sei der Text. Er könnte "von einer stalinistischen Kulturoffizierin der 30er Jahre stammen". Kuchler verhöhne die Opfer sexualisierter Gewalt und habe die feministische Bewegung "um Jahrhunderte zurückgeworfen".

Sicherlich kann man gegen Kuchlers Text vieles einwenden, vor allem gegen die problematische Verknüpfung ihrer Schminke-Kritik mit der #MeToo-Debatte. Aber muss man ihr, der promovierten Soziologin, jegliche Kompetenz absprechen, sich zu dem Thema zu äußern?

Es ist nachvollziehbar, dass feministische Aktivistinnen den Impuls haben, sich von Positionen zu distanzieren, die "Feminismus" nur als Label nutzen oder sogar für ganz andere Zwecke instrumentalisieren. Sie machen damit nur dasselbe, was weltanschauliche Gruppierungen im Westen schon immer gemacht haben, nämlich bestimmte Positionen als häretisch zu definieren und ihre Anhängerinnen und Anhänger dann vor die Wahl zu stellen, entweder die offizielle Linie zu übernehmen oder als Verräterin ausgeschlossen zu werden. Diese Praxis entstammt der Inquisition, überlebte dann aber quietschfidel die Säkularisierung sowie sämtliche Revolutionen und wurde später über die Studentenbewegung leider auch an die Frauenbewegung weitergereicht.

Es ist höchste Zeit, damit zu brechen, auch weil dieses Vorgehen dem Feminismus mehr schadet als anderen sozialen Bewegungen. Erstens verlieren wir dadurch originelle Köpfe – ich erinnere nur an Katharina Rutschky, die in den 1990er Jahren wegen ihrer These vom "Missbrauch mit dem Missbrauch" von anderen Feministinnen so angefeindet wurde, dass sie sich schließlich ironisch selbst als Antifeministin bezeichnete (und sich zugegebenermaßen dann mitunter auch so benahm). Allerdings: Vieles von dem, was sie in den 1990ern am Emma-Feminismus und der damaligen Gleichstellungspolitik kritisierte, ist inzwischen Allgemeingut, unter anderem ihre Ansicht – Achtung, Pointe – dass Schminke und feminine Kleidung kein Beleg für die Unfreiheit ihrer Trägerin seien.

Natürlich gibt es klaren Antifeminismus auch unter Frauen. Aber er ist selten. Dieses Etikett sollte eher jenen männerrechtlerischen und rechtsnationalistischen Positionen vorbehalten sein, die mit klarer politischer Agenda den Feminismus aktiv bekämpfen. Allen anderen gegenüber ist der Vorwurf unangebracht. Nicht einmal Frauen, die sich neuen Sichtweisen rundheraus verweigern, sind unbedingt Antifeministinnen. Vielleicht sind sie nur ein bisschen stur. Da kann einem jemand wie die Schauspielerin Nina Proll, die zurzeit in jedes erreichbare Mikrofon erzählt, wie doof sie die #MeToo-Kampagne findet, tausendmal lieber sein als eine, die feministische Aktionen bloß deshalb unterstützt, weil das zurzeit alle so machen.

Nicht der Antifeminismus ist die größte Gefahr für die Freiheit der Frauen, sondern der Konformismus. Wenn wir Frauen, um die Gefahr des Konformismus zu bannen, in unseren Reihen ein paar "Antifeministinnen" ertragen müssen, dann ist das eben so.