"Schlesien habe ich mir immer wie eine Art Märchenland vorgestellt", erzählte mir vor einiger Zeit eine Bekannte, deren Großeltern ebenfalls am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Breslau in den Westen fliehen mussten. "Bei meiner Oma hing in der Küche eine Landkarte von der alten Heimat, die hat meine Fantasie immer total angeregt."

Seither geht mir diese Beschreibung nach. In meiner Vorstellung ist Breslau, seit ich denken kann, eine zerbombte Stadt gewesen, grau und trist und tragisch, eine Stadt, der man den Rücken kehrt – den Rücken kehren muss –, eine Stadt, in die es kein Zurück mehr gibt. Für mich war neu, dass selbst Angehörige meiner Generation das auch ganz anders empfinden können. Aus der Jugend hatte ich zwar flüchtige sehnsüchtelnde Eindrücke von Vertriebenenvereinen, wo ich vor oder nach den Auftritten mit dem Mandolinenorchester, in dem ich damals spielte, abschreckende Redenschnipsel mitbekam. Revisionismus, nein danke. Doch einen positiv nostalgischen Blick zurück kannte ich aus meiner Familie auch nicht.

Silke Kleemann, 1976 in Köln geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin spanischsprachiger Literatur in München. Sie begleitet Menschen mit Meditation und Jikiden Reiki und gehört zum Organisationsteam der Veranstaltungsreihe "Meet your neighbours – Begegnungsorte" in München. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ellen Bornkessel

Dabei gab es im Umfeld etliche Schlesier, besser gesagt: Schlesierinnen. Meiner Großmutter und ihrer Schwester, meiner Großtante, der geselligeren der beiden, war es gelungen, einen ganzen Kreis von Freundinnen aus der alten Breslauer Kirchengemeinde in der neuen Heimat Düsseldorf wieder um sich zu versammeln. Diese schlesischen Kaffeekränzchen waren eine feste Instanz, mit Streuselkuchen, Bohnensalat und Nusshörnchen, bis die Reihen ab Ende der 1990er allmählich immer lichter wurden. Inzwischen lebt, soweit ich weiß, nur noch eine der alten Damen. Die Sprachmelodie jener Treffen wäre mir sicher sofort wieder vertraut, würde ich sie heute hören, doch von den schlesischen Ausdrücken, die sie verwendeten, ist bei mir nur "aufs Tippel gehen" hängen geblieben, im Tonfall meines Großvaters.

Enge und Mangelernährung

Das, was diese Menschen verband, ihre gemeinsame Wurzel, der Bezugspunkt ihrer Freundschaft, blieb mir jedoch immer fremd, ja suspekt. Breslau, eine Stadt, die eindeutig der Vergangenheit zugehörig war, einer schlechten Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die auch mit Deutschland als Verschulder des Kriegs verknüpft war. Nichts, worauf man stolz sein könnte; nichts, womit ich mich hätte identifizieren wollen. Erst mit den Jahren ist mir klar geworden, dass mein sehr wenig ausgeprägtes Heimatgefühl mit den Fluchten in meiner Familie zusammenhängt.

Ich bin in Köln zur Welt gekommen, aber meine Eltern waren beide erst zum Studium in die Stadt gezogen. Meine Mutter, Jahrgang 1944, musste im Januar 1945 mit ihrer Mutter und Großmutter aus Breslau fliehen. Auf der Flucht wurde sie krank, was der Familie das Inferno von Dresden ersparte, wohin die Reise ursprünglich gehen sollte. Sie blieben zunächst auf einem Bauernhof in Österreich hängen, schlugen sich später nach Ratingen durch – dem Treffpunkt, den sie für den Krisenfall vereinbart hatten, weil es dort Verwandte gab. Man wies ihnen einen Wohnplatz bei einem nicht sonderlich empfangsfreudigen Försterehepaar zu, wo sie schließlich auch von meinem Großvater wiedergefunden wurden. 

Mein Vater, Jahrgang 1939, verließ im Oktober 1943 die zerbombte Wohnung in Berlin und fand mit der Mutter und den vier Geschwistern Zuflucht in Oberfranken. Den Fotos jener Zeit nach erlebten die Kinder dort unbeschwerte Momente im sommerlichen Landleben. Meine Großmutter berichtete aber auch von der Enge, der Mangelernährung und den Reibungen mit der Schwiegermutter, in deren Wohnung sie einquartiert worden waren. Nach Einmarsch der Alliierten verlor sie im April 1945 innerhalb von zehn Tagen eine der Töchter durch Diphtherie und den jüngsten Sohn durch einen Unfall. 1948 siedelte die Familie in eine enge Vorstadtwohnung nach Weilburg in Hessen um. Das Haus, das für mich später als großelterliches fest zur Familiengeschichte gehörte, konnten sie erst in den 1960er-Jahren bauen.

Beide, mein Vater und meine Mutter, hätten ohne die Unterstützung anderer, ohne die Aufnahme an neuem Ort, nicht überleben können. Wie sollte mich das Thema Flucht also kaltlassen? Für mich ist es nie eine Frage gewesen, dass man Geflüchteten hilft – Hilfe für Geflüchtete hat überhaupt erst möglich gemacht, dass es mich gibt.