Ein Falke steht hoch oben über dem Berliner Jahnsportpark. Das Geräusch von Trommeln dringt aus dem Mauerpark herüber. Plötzlich ein Schrei aus Hunderten Mündern. Ich werde am Arm herumgerissen, meine Nase landet auf einem schweißnassen Hals. Ein Fremder presst mich an sich. Ich halte die Luft an, mein Herz schlägt wild. Der Mann in weinrotem Shirt lässt endlich los. Wir schielen uns verlegen an. Ringsum donnert Applaus, ein Saxofon jubelt. Fahnen werden geschwenkt. Der Kerl schaut wieder auf seine Mannschaft. Ich blinzele zu dem Falken hinauf.

In meiner Heimatstadt war ich nie beim Fußball. Die besten Zeiten des Clubs, als der 1. FC Magdeburg 1974 den Pokal der Pokalsieger gegen Mailand holte und unsere ganze Stadt feierte, liegen im Nebel meiner Kindheit. Mitte der Achtziger erwischte mich der Punk. Wir waren nur ein paar Dutzend in der Stadt, die aus dem System fielen – Schulversager, Bohemiens, Ausreisewillige, Ex-Knackis, Marktverkäufer. Wir tranken, träumten, tanzten und hatten Ärger. Ich lernte Pokern, 17 und 4 und entdeckte mein Talent für die Geisterbeschwörung. Auf den Fahrten zu Punkkonzerten in Erfurt oder Ost-Berlin sangen meine Freunde von Paule Seguin und dem "Pokoooal". Von Auswärtsspielen des 1. FCM kamen sie mit geklautem Schnaps und ausgeschlagenen Zähnen zurück.

Anne Hahn, 1966 in Magdeburg geboren, Autorin und Subkulturforscherin. Unter anderem veröffentlichte sie "Stadionpartisanen. Fans und Hooligans in der DDR" (mit Frank Willmann), 2007, und "Das Herz des Aals", 2017. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ein Jahrzehnt später lebte ich in Berlin, hatte ein Studienjahr Kunstgeschichte in Italien absolviert und meinen Lebensgefährten kennen gelernt. Am Anfang unserer Beziehung  erwähnte er Fußball nicht – als unser Sohn zur Welt kam, war es längst zu spät. Da wunderte es mich nicht mehr, dass er mich mit Hexenschuss und Baby zu Hause liegen ließ, um irgendein wichtiges Spiel zu besuchen, ich würde mir schon zu helfen wissen. Wusste ich. Verzieh ihm und begann, mir hin und wieder Spiele anzusehen. Schrieb ein Buch mit ihm über Fußballfans im Osten. Führte ein Interview mit einem ehemaligen Führungsoffizier der Staatssicherheit, der für den Anhang des BFC Dynamo verantwortlich war und von den Fans "Commodore" genannt wurde (weil er sich so viel merken konnte wie ein C64-Heimcomputer). Er redete voller Sympathie über "seine Jungs", erzählte von Auswärtsfahrten, wo den Berlinern von allen Seiten blanker Hass entgegenschlug, einem Polizeieinsatz in Dresden, bei dem er dazwischengegangen war. Wenn es stimmte.

Aber die Akten gab es noch, sie belegten die Gespräche mit Fans. Mich überraschte, wie selten eine Anwerbung gelang. Der "Commodore" meinte dazu: "Erpressbar war jeder, die ham trotzdem nee jesagt." Viele konnten sich rauswinden oder berichteten nur, wie sie betrunken im Gepäcknetz eines Zuges Ankunft und Spiel verpennt hatten. Sie gerieten in Schlägereien, wurden verhaftet. Statt der geforderten Berichte gab es Anrufe von der Transportpolizei.

Ich amüsierte mich, fing Feuer. Ging zu Spielen, sah mir die Fans genauer an. Aus den brüllenden Viechern, die an Zäunen rütteln, wurden allmählich Spaßvögel mit lockeren Fäusten.

Geahndet wurde in der DDR der Klamauk der Fußballfans genauso hart und mit demselben Waffenarsenal wie der Punk. Stadtverbot, Einberufungsbefehl zur Armee, das Nahelegen einer Ausreise in den Westen, Knast wegen Rowdytums. Wir kamen davon, mehr oder weniger gefleddert. Es dauerte, bis ich mich unseren Geschichten stellte. Darüber schrieb. Einen Roman, ein paar Sachbücher.

Magdeburg spielte nun ab und an im Jahnsportpark, meinem Lieblingsstadion. Dort traf ich meine Kumpels wieder. Ich lauschte ihren alten Liedern von Paule Seguin, dem Pokal und Rotterdam. Eines Tages umarmte mich dieser wildfremde Fan der gegnerischen Mannschaft – es war geschehen. Ich wusste nicht mehr, auf welche Seite ich mich stellen sollte.