Ein Whopper macht satt und friedlich. Zwar hat man kurz nach dem letzten Happen vergessen, wonach er überhaupt geschmeckt hat, doch ist das kein Fehler, vielmehr liegt genau hierin seine Stärke: Man kann sich auf ihn verlassen, von München bis Mumbai, von Moskau bis Montreal. Er schmeckt überall auf die gleiche Weise: nach nichts.

Ein großer Theaterabend, zumal nach der deutschen Bühnentradition, ist im besten Falle sein genaues Gegenteil. Er macht hungrig und unruhig. Tage- und wochenlang noch wühlt er in einem herum, bis man sich so weit verändert hat, dass man gerade so erträgt, ihn erlebt zu haben. Das (Welt-)Bewegende an einem solchen Theatererlebnis ist die Differenz zwischen dem, was der Zuschauer ins Theater mitbringt und dem, was auf ihn einstürzt von der Bühne, die Reibung zwischen Gesagtem und Dargestelltem, zwischen Darsteller und Rolle, zwischen Regieentscheidung und Textbehauptung. Der Wahrheitsanspruch des Theaters gründet sich unter anderem darauf, dass seine Behauptungen niemals mit den Behauptenden identisch sind. So bleibt Raum für das unendlich Komplexe der verhandelten Beziehungskonstellationen, für den unauflöslich verrätselten Rest. Im Theater – und nur dort – ist die Rechnung, die nicht aufgeht, ist das Unwahre das Wahre.

Das Stück der Stunde?

Nun stehen seit einiger Zeit an deutschsprachigen Bühnen erstaunlich viele zeitgenössische amerikanische Theaterstücke auf dem Spielplan. Solche international erfolgreichen Well-Made-Plays von Autoren wie Tracy Letts oder Noah Haidle zeichnen sich durch geschlossene, kohärente Narrationen aus, realistische Figuren tragen mehr oder weniger realistische Konflikte in relativ schlicht gehaltenen Dialogen aus. Die Inszenierungen, auch auf deutschen Bühnen, setzen diese Texte bislang in aller Regel ziemlich unbefragt um. Offenbar scheint das kaum jemandem nötig, handelt es sich doch um zeitgenössische Arbeiten, die schon als solche vermeintlich aktuell sein müssen und sich scheinbar kritisch zum Zustand der Welt äußern. Besonders erfolgreich ist Disgraced, zu Deutsch Geächtet, des Pulitzer-Preisträgers Ayad Akhtar. 2016 von Theater Heute zum "Ausländischen Stück des Jahres" gewählt, wird Akhtars Werk am 13. November nun auch mit dem Nestroy-Autorenpreis geehrt. Kaum eine Bühne, auf der es nicht gelaufen ist oder bald laufen wird. Es ist, so schreibt der Spiegel, "das Stück der Stunde". Doch was ist das für ein Stück? Und was muss das erst für eine Stunde sein?

Geächtet handelt von dem erfolgreichen pakistanisch-amerikanischen Rechtsanwalt Amir Kapoor, der sich von seinem muslimischen Glauben gelöst und dafür einen Anteil am amerikanischen Traum ergattert hat. In ihrem Apartment über Manhattans Upper East Side geben er und seine Ehefrau, eine Malerin, eine Dinnerparty für zwei Kollegen, ein anderes Ehepaar; er ist Kunstkurator, jüdisch, sie Rechtsanwältin, schwarz. Im Verlaufe der Party stellen sich Fragen nach ihren kulturellen Identitäten. Es entstehen unüberwindliche ideologische Barrieren zwischen den Charakteren. Und nach dem Muster Dutzender anderer Wohnzimmerdramen entgleitet die Party, Amir schlägt seine Frau und so weiter – origineller wird es nicht. 

Produktdesign statt Kunst

Wer die englischsprachigen Kritiken zum Stück betrachtet, liest die Geschichte des genialen Wurfs eines unbekannten Autors, dessen Genie ihn aus dem Nichts zu Weltruhm trägt. Wenn es auch wahr ist, dass das Stück wie stets behauptet seine Uraufführung mit der kleinen Chicagoer American Theater Company hatte, so steckt doch eine New Yorker Produktions- und Merchandisingfirma dahinter. Geächtet ist das geplante, designte Produkt der Araca Group.

Die Araca Group ist eine Theaterproduktions- und Vermarktungsfirma und wurde 1997 ursprünglich als Merchandisingunternehmen gegründet. Sie sieht ihre Mission in "der Entwicklung, dem Design und der Herstellung einzigartiger, modischer Qualitätsprodukte, die die Strategien unserer Kunden weltweit unterstützen", so stand es bis vor Kurzem auf ihrer Website, die gerade renoviert wird.

Ihr Geschäftsmodell besteht zum einen daraus, bereits fertige Produktionen zu übernehmen und sie vollständig neu zu besetzen, Bühnen- und Kostümbild zu überarbeiten und so marktgängig zu machen. Zum anderen beschäftigt sie sich mit der Neuentwicklung von Theaterstücken, wie sie in ihrer Selbstbeschreibung ausführt: "Wenn Araca Group auch Produkte für jedes Alter und alle Gruppen schafft, so entwickelt unser Studio doch Inhalte auch spezifisch für bestimmte Zielgruppen, wie musikalische Reboots für Millennials, oder nostalgiesättigte Livebühnenshow für Babyboomer und die Generation X." Produktdesign statt Kunst also.

Kult um das "Echte"

Der US-amerikanische Schriftsteller und Theaterschauspieler Ayad Akhtar © Dave Kotinsky/Getty Images

AracaWorks, die Abteilung für Stückentwicklung, hat im Herbst 2010 in New York den ersten Entwurf von Geächtet "untersucht und weiterentwickelt", und dann in einer ersten öffentlichen Lesung erprobt. Nachdem der Text überarbeitet und schließlich fertiggestellt worden war, übernahm, wohl um das Risiko kleinzuhalten, die American Theater Company die Produktion und Inszenierung des Stückes. Und im Januar 2012 fanden drei Tage lang Previews statt, in deren Verlauf das Stück wiederum überarbeitet wurde. Die sogenannte Uraufführung fand dann aus Marketinggründen zeitgleich mit der Veröffentlichung von Akhtars Roman American Dervish statt. Sechs Monate nach der letzten Vorstellung in Chicago hatte Geächtet wiederum Premiere, diesmal wagte man sich nach New York ans Lincoln Center – mit derselben Regisseurin, aber anderen Schauspielern. Daraufhin, wieder in anderer Besetzung, kam es in London heraus. Im Oktober 2014, inzwischen war das Stück durch den Pulitzer-Preis abgesichert, wurde es von Araca zurückgekauft und für den Broadway produziert. Im selben Jahr folgte die Nominierung zum Tony Award for Best Play.

Wie sieht es nun aus, das Produkt Geächtet? Was macht es so erfolgreich? Die Geschlossenheit seiner Narration? Das Identifikationspotenzial seiner überzeichnet geheimnislosen Figuren? Die schlichte, anspruchslose Sprache, die, bar jeder literarischen Qualität, eher den Anforderungen einer Arztserie als den Möglichkeiten des Sprechtheaters gerecht wird? Die offensichtlich von vielen sehnsüchtig erwartete Abwendung vom "postdramatische[n] Diskurs- und Performancetheater", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb?

Ein Stück über "echte Menschen"

Sicherlich all das – beim Blick auf die Personage wird allerdings schnell deutlich, inwiefern Geächtet ein "Inhalt auch spezifisch für bestimmte Zielgruppen" ist, handelt es sich bei den Figuren auf der Bühne doch um Repräsentanten eines ethnisch diversen, aber einheitlich reichen Publikums – desjenigen, das in den Previews gesessen hat. Wir sehen zum Beispiel: "Amir – 40, von südasiatischer Herkunft, in einem italienischen Designerjacket, […]. (Amir spricht mit perfektem amerikanischem Akzent)", "Jory – Mitte bis Ende 30, Afroamerikanerin – ist fordernd, freimütig, intelligent, fast männlich", "Emily – Anfang 30, weiß, schlank und liebenswürdig", "Isaac – 40, weiß – klug, attraktiv". Klischees also, die, so hofft man zunächst, zu einem tief ironischen Versuch angeordnet sind. Doch davon nichts. Der Text von Geächtet geht jederzeit von der ungebrochenen Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle aus, emotional, physisch – ja sogar in der Erwartung an die Ethnizität des Darstellers, seiner "Rasse", wie man auf Englisch ja völlig ungeniert sagt. Ayad Akhtar möchte "echte Menschen" sehen.

Nun herrscht (nicht nur) in den USA ein Kult des "Echten". Ayad Akhtar beschreibt selbst eine Situation in einem seiner Schauspielworkshops, einer seiner Studenten spielte Don Karlos von Schiller: "Mit einem Mal konnte ich glauben, was Rudolf als Schauspieler tat. Und was tat Rudolf? Er gab nicht mehr vor, Don Carlos zu sein, eine Figur in einem Theaterstück, geschrieben von einem Autor aus dem 18. Jahrhundert. Vielmehr griff Rudolf auf das zurück, was man seine eigene Körpererfahrung nennen könnte, aber was er selbst viel einfacher und treffender benannte als 'er selbst'. Und als ich ihn später fragte, wie es sich angefühlt hatte, sagte er: 'It feels real.'"  

Von der Möglichkeit, Rassen- und Kulturklischees als sozial und ökonomisch bedingte Performances zu dekonstruieren, wird in seinem Stück folgerichtig kein Gebrauch gemacht. Einmal Muslim, immer Muslim, und braune Muslime schlagen eben weiße Frauen. Offensichtlich entspricht nicht nur die Abwesenheit irgendeiner strukturellen (ökonomischen) Kritik den Erwartungen eines wohlsituierten Publikums. Der offene Antiislamismus des Textes wird durch die Zeugenschaft des zum Glück ja muslimischen Autors gerechtfertigt. Nicht umsonst verweist so gut wie jede Zeitungskritik des Stückes auf den pakistanischen Familienhintergrund des Autors. Denn der kann's ja sagen – dass Muslime westliche Frauen für Huren hielten, dass das Leid der Palästinenser antisemitische Propaganda sei, dass alle Muslime potenzielle Terroristen seien. Geächtet bedient die unterdrückten Vorurteile des reichen, linksliberalen Publikums auch in Deutschland, ohne dieses in seiner wirtschaftlichen und weltanschaulichen Überlegenheit zu bedrohen. Und es transportiert die Ideologie des Identitären. Auf der Ebene seiner Geschichte, in der jeder sich am Ende als derjenigen "Identität" zugehörig entpuppt, in die er sowieso hineingeboren wurde, wie auf der Ebene seiner Rollenbesetzung – indem die Darsteller möglichst so auszusehen haben, wie die Zielgruppe des Stückes sich eben einen Muslim oder einen jüdischen New Yorker vorstellt.

Die Ideologie des Identitären

Stücke wie Geächtet sind das Gegenteil dessen, was sie zu sein behaupten. Sie stabilisieren den festen, treuen Glauben in die Unausweichlichkeit des Bestehenden, statt die Konstruktionsprinzipien desselben begreifbar und angreifbar zu machen. Und da die meisten Theaterbesucher nach wie vor zu denjenigen gehören, die vom Bestehenden profitieren, macht diese Art Stück sie satt und glücklich. Weil die einzige Verortung solchen Theaters der Allgemeinplatz ist, können sie angemessen betroffen sein, ohne wirklich herausgefordert zu werden. Geächtet ist Kunstsurrogat. Es sieht nur aus wie Kunst, ist aber völlig geschmacklos. Wenn Geächtet "das Stück der Stunde" ist, dann ist dies die Stunde des Whoppers. Geächtet ist das perfekt designte Produkt für den "patriotischen Europäer" und "Wutbürger", Ergebnis der Allianz aus Ideologie und Marketing.

Die Zeitgenossenschaft seines Erfolges mit demjenigen der Rechtspopulisten auch in Europa ist wenig überraschend. Diese Parallelität sollte bei jeder Inszenierung im Zentrum stehen. Einer der wenigen, die das erkannt haben ist Kay Voges in seiner Dortmunder Inszenierung. Denn selbstverständlich muss man neue amerikanische Dramatik spielen, muss man sich mit Geächtet beschäftigen: An solchen Texten kann man ablesen, wie die unmittelbare ideologische Zukunft aussehen mag. Man muss bloß schärfer hinschauen, und die Entstehungsprozesse und die inhaltlich und formal vermittelte Ideologie dieser Stücke als solche zum Thema machen. Das Verlogene ihrer Konzeption von Identität und Biografie, ihre Allianz mit der Kulturindustrie.

Dann, und nur dann kann das Theater es endlich aufnehmen mit einer der bedrohlichsten Entwicklungen der vergangenen Jahre: der Identitären Bewegung und ihren Voraussetzungen, der Lüge vom Authentischen, die am Ende zwangsläufig autoritär ist. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen die Dringlichkeit dieses Kampfes auf beiden Seiten des Kontinents.

Der Nestroy-Theaterpreis wird am 13. November in Wien vergeben.