Die Szene wiederholte sich: Der Mann betrat das Café und legte sich mit Leuten an, einen Anlass fand er jedes Mal. Er rempelte sich von der Tür zum Tresen, die anderen mussten weichen. "What’s your fucking problem?", hörte ich ihn einmal zischen, als ein Gast zu lang guckte. Ein Meter neunzig groß, hager, er wirkte paradoxerweise noch einschüchternder, weil er humpelte und auf eine Krücke angewiesen war. "Du nervst hier jeden, hau ab!", rief ihm der Barista zu. Der Mann blieb. 

Zaire ist sein Name, aber das erfuhr ich erst viel später. Zaire ist ein Afroamerikaner, der in Brooklyn in New York lebt. Zu Beginn dieses Sommers begegnete ich ihm zum ersten Mal. Er stand im Eingangsbereich des Cafés, die Krücke unter die rechte Achsel gedrückt, und ließ einen Plastikdeckel fallen. Ich bückte mich gerade, als er schlagartig "Nein!" rief, "ich brauche deine Hilfe nicht." Die Betonung lag auf "deine", und ich glaubte, die Botschaft verstanden zu haben: Er meinte es persönlich, er wollte "meine" Hilfe nicht. Ein paar Wochen später, ich saß im Café an einem Tisch und las, stieß er mit Wucht einen Stuhl in meine Richtung. "Wenn es zu eng ist, sag doch was!", entgegnete ich. "Du bist hier nicht zu Hause", antwortete er. Wir hatten beide recht.

Das Café, in dem diese Geschichte spielt, heißt Outpost. Es liegt auf der Grenze zweier Viertel in Brooklyn, die sich in den vergangenen 20 Jahren gewaltig verändert haben: Clinton Hill und Bedford-Stuyvesant. Familien der unteren Mittelschicht müssen wegziehen, weil Zwei-Zimmer-Wohnungen im Schnitt nun 2.100 Euro Monatsmiete kosten. Softwareentwickler, Kulturwissenschaftsstudenten und Journalisten aus Manhattan, Melbourne oder Berlin rücken dafür ein. Clinton Hill und Bed-Stuy sind im vergangenen Jahrzehnt vornehmer, aber vor allem weißer geworden. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der Weißen in Bed-Stuy laut Zensus von 2,4 auf 15 Prozent. Heute dürften es 20 Prozent sein, mindestens.

Gentrifizierung nennt man das. Ein inflationär gebrauchtes Wort, ein allzu präsenter Vorgang. In Brooklyn, in Neukölln, im Osten von London oder Paris, überall, wo die Jungen und Begabten hinziehen. Sprechen wir über Gentrifizierung, schwingt oft Fatalismus mit: Sie passiert halt, so wie der Hudson River fließt und die New Yorker Taxis gelb sind.

Ein Begriff, der mehr verschleiert als zeigt

Bräuchte es nicht einen anderen, präziseren Begriff, der den Dynamiken gerechter wird? Diesen Vorschlag hat, zumindest indirekt, der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates in seinem neuen Buch We Were Eight Years in Power gemacht. Mit seinen Essays versucht Coates, die Wurzeln des amerikanischen Rassismus freizulegen und dessen Einfluss auf die Gegenwart zu beschreiben.

In seinem Artikel Das Erbe von Malcolm X spricht der schwarze Autor von seiner Wut, wenn er durch Washington oder Brooklyn läuft, wo "die Gentrifizierung wie ein Sturm hindurchgefegt ist". Erbittert ist Coates nicht nur, weil vor allem "Schwarze weggefegt wurden", sondern auch, weil Gentrifizierung ein beschönigender Name für Vorherrschaft der Weißen sei. "Wer das Wort Gentrifizierung benutzt, lügt unmittelbar", behauptet der Kulturkritiker, der als Korrespondent für die Monatszeitschrift The Atlantic arbeitet. Coates ist mit diesem Gedanken nicht der Erste, aber zurzeit vielleicht der Berühmteste. In der Times-Bestsellerliste liegt We Were Eight Years in Power auf den oberen Plätzen. 

Amerikas große Lüge, die Vertuschung seines rassistischen Wesens – für Coates zeigt sie sich im Euphemismus "Gentrifizierung". In seinem Essay Das Plädoyer für Reparationszahlungen beschreibt er, wie Schwarze systematisch davon abgehalten wurden und werden, Kredite zu bekommen, Häuser zu kaufen; wie sie gezwungen sind, in Ghettos zu leben, bis sie sich auch diese Ghettos nicht mehr leisten können.

Dem Café Outpost sieht man an, dass es nicht für die Leute gemacht ist, die hier seit Jahrzehnten wohnen. Ziegelwände, wacklige Holzstühle, stabiles W-LAN, wie in jeder Hipster-Bar in Brooklyn. Besonders dagegen ist die unfreiwillige Selbstparodie, die der Name offenbart. "Outpost", das heißt zu Deutsch Außenposten, und als Außenposten der Weißen in einer sonst überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Gegend konnte man diesen Laden interpretieren, als er 2005 öffnete. Zaire lebte damals in der Nachbarschaft. Ihm schmeckte der Kaffee im Outpost, hier konnte er in Ruhe in sein Notizbuch schreiben. Manche Gäste nervten ihn, andere wurden Freunde. Er war damals Mitte 30, hatte irgendeinen vorübergehenden Job; er zeichnete und schrieb, er war gesund und wütend.