Als ich klein war, fand ich Chris Roberts sehr hübsch. Ein bisschen dünn schien er mir jedoch zu sein. Also schickte ich ihm, mitsamt ein paar fürsorglicher Zeilen, einen Streifen Wrigley's Spearmint an seine Autogrammadresse in Neuwied. Sie wurde während jedes seiner insgesamt 69 Auftritte in der ZDF-Hitparade eingeblendet, wo er Halb-Playback sang und siebzehnmal den ersten Platz erreichte. Ich dachte, er wohne tatsächlich in Neuwied und ich hoffte, er werde den Streifen kauen und so immerhin 8 Kalorien zu sich nehmen.

Neulich sah ich Helene Fischers Auftritt zum Auftakt der Bambi-Verleihung. Sie ist ebenfalls sehr hübsch. "Spürst Du das auch?", ruft sie von hoch oben ins Publikum – Helene kommt meistens von hoch oben auf die Bühne und kehrt auch meistens dorthin zurück. So auch hier. Zwischendurch macht sie einarmige Liegestütze und singt ihren neuen Hit Achterbahn. Sie hat noch einmal ordentlich auftrainiert. Man kann das von knapper Kleidung weitgehend freigelegte Muskelwerk bestaunen. Sicher verbrennt der Auftritt ordentlich Kalorien. Ebenso sicher muss man sich um ihre ordnungsgemäße Kalorienzufuhr keine Gedanken machen. Im Refrain singt sie von "Gefühlen außer Plan". Das reimt sich dann auf Achterbahn.

Chris Roberts ist Anfang Juli dieses Jahres gestorben. Erst im April war Christian Klusáček, so sein richtiger Name, Deutscher geworden. Als Sohn eines Jugoslawen blieb ihm 1944 die deutsche Staatsangehörigkeit verwehrt. 72 Jahre seines Lebens hatte er als Staatenloser verbracht. Zu seinen Lebzeiten wusste das kaum jemand. Nicht, als er in der ersten Hälfte der siebziger Jahre zwischen Die Maschen der Mädchen und Du kannst nicht immer 17 sein einen Hit an den anderen reihte, und auch nicht, als seine Karriere in jene Scherben zerbrach, von denen auch die meisten seiner Kollegen ein Lied singen konnten: Rosenkrieg, Offenbarungseid – und Autohauseröffnung. Auf seinen Wunsch hin, so schreiben seine Kinder auf der offiziellen Fanseite, wurde während der Beisetzung der Bolero von Ravel gespielt: "Alle waren sehr gerührt."

Rührung ist, wie sonst nur der Spaß, in der Welt des deutschen Schlagers die conditio sine qua non. Sie heißt heute meist "emotionaler Moment", und auch den inszeniert Helene Fischer mit derselben Passgenauigkeit wie den Sitz der knappen Hotpants, der anschmiegsamen Overknee-Stiefel und des Cut-Out-Tops. Einmal mehr findet sie beim Bambi für ihren langjährigen Lebensgefährten und  – deutlich hüftsteiferen – Kollegen Florian Silbereisen warme Dankesworte im "Du bist das Beste, was mir je passiert ist"-Duktus. Sie fasst sich ans Herz, er drückt im Gegenschnitt eine Träne. Und Abgang.

Helene Fischer muss die Rührung derart gezielt im vermeintlich Privaten abarbeiten, weil die Perfektion ihrer Darbietung und die dem Superlativ verpflichtete Karriere dafür keinen Raum lassen. Ihre Vorgänger und Vorgängerinnen hingegen bevölkerten im vergangenen Jahrtausend einen Schlagerhimmel, der sich nur äußerst knapp über dem Boden der Tatsachen ihrer Fans und deren Problemen wölbte. Ihre Idole, das waren ja sie selbst, mit ein bisschen Musik dazu und einem Künstlernamen obendrauf: Ob die einstigen Kaufhausdetektive Nina und Mike, die AEG-Löterin Manuela, die Bankkauffrau Ireen Sheer, die Heilpraktikerin Juliane Werding, die Anwaltsgehilfin Tina York. Und vor, zwischen und vor allem nach den Hits landeten all die "Interpreten", wie Dieter Thomas Heck sie in seiner Hitparade unermüdlich nannte, und deren Autogrammpostkarten landauf, landab Partykeller und Eckkneipen schmückten, in unmittelbarer Reichweite ihres Publikums. Auf Betriebsfeiern, bei Richtfesten und Diskothekeröffnungen. Und nicht selten landeten sie im Suff oder bisweilen auch im Wahn, wie Christian Anders, dessen legendärer Zug nach Nirgendwo ihn im Rahmen seiner neuen Identität als dubioser Prediger Lanoo postwendend ins Reich der Verschwörungstheorie befördert hat.

Rührung wirkt auch als Hausmittel gegen Ressentiments. Die Protagonisten des Schlagerbetriebes der siebziger Jahre stammten aus aller Herren Länder: Der Jugoslawe Bata Illic, der Italo-Belgier Salvatore Adamo, der Tscheche Karel Gott, der Franzose Danyel Gerard, die Norwegerin Wencke Myhre, der Holländer Heintje, der Brite Graham Bonney und so fort. Vor allem aber Helene Fischers dunkle, geheimnisvolle litauische Ahnin Alexandra, die vom Zigeunerjungen sang, von Sehnsucht als altem Lied der Taiga und von ihrem Freund, dem Baum, der im frühen Morgenrot starb. Wie auch sie selbst, so tragisch wie viel beweint, 27-jährig in den Trümmern eines Unfallautos starb.