Während der Streit darum, ob man den "Rechten" – wer immer sie sind – durch Argumentationslogik, Podiumseinladungen und gemeinsames Fußballspielen beikommen kann oder nicht, weiter lodert, wollen wir, die wir Gutmenschen sind, mal etwas anderes probieren. Wir wollen mit den Rechten ein bisschen Gefühlsarbeit machen. Das können wir schließlich am besten, dafür sind wir da, deshalb kümmern wir uns ja auch so nett um die Flüchtlinge.

Marion Detjen ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen auf der deutsch-deutschen Migrationsgeschichte, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Machen wir uns also auf die Suche: Was fühlen die Rechten? Ich meine jetzt nicht den Zorn und die Wut und den Hass und die Verachtung, das sind ja alles nur Reaktionen. Wäre Merkels Flüchtlingspolitik nicht, bräuchten sie nicht zu hassen, und wären da nicht die vielen Gender-Toiletten, bräuchten sie niemanden zu verachten, ist klar. Nein, ich meine die positiven Gefühle, das, was sie erahnen lässt, dass sie tatsächlich ein Wir bilden, eine Identität haben, eine deutsche Identität. Sprechen wir es nur aus: dass sie Deutsche sind. Da ist doch was. Das kann man doch nicht einfach wegleugnen.

Ach Gott, das Deutsche. Mir fällt dazu auch einiges ein. So ein paar historisch-kulturelle Assoziationen. Spüren Sie den leisen Spott Goethes, angesichts des Erfolges seines idyllischen Epos, das die bequemste aller deutschen Antworten auf die Französische Revolution gegeben hat? "In Hermann und Dorothea habe ich, was das Material betrifft, den Deutschen ihren Willen gethan und nun sind sie äußerst zufrieden", schrieb Goethe an Schiller, 1798. Die Deutschen waren halt schon immer leicht hinters Licht zu führen, wenn es ums Deutsche ging. Vor allem, weil sie nicht auf die Form achten wollen und sich von Goethe reinlegen lassen, der das, was sie als ihre "deutsche Kultur" tief empfinden, hinter ihrem Rücken zugleich desavouiert und mit der Weltkultur verbindet, und es ihnen quasi wieder wegnimmt, unglaublich kunstvoll.

Ohne Goethe ist Deutschland nichts. Das war sogar den Nazis klar. Die guten deutschen Bürger sind auch zwischen 1933 und 1945 in Heerscharen nach Weimar gepilgert, um Goethes deutschen Geist zu atmen. Aber da war ein anderer Nationaldichter, Thomas Mann – von ihnen eben noch gefeiert – nicht faul und sorgte dafür, dass die Deutschen in ihrem Weimar tatsächlich nur eine leere Hülle vorfanden. Der geistige Goethe war längst außer Landes, im Gepäck der Emigranten. Manns Büchlein Lotte in Weimar dokumentiert das, wieder durch seine Form, es ist eine meisterhafte Sammlung von Stimmen und Sprachstilen, während das Material den Deutschen wiederum ihren Willen tut, von der lächerlichen Morgenlatte bis hin zu den noch lächerlicheren Selbstvernichtungsfantasien, die den Holocaust imaginieren, aber als ein Schicksal der Deutschen. Das muss man sich mal vorstellen: Thomas Mann legt Goethe eine Prophezeiung der Vernichtung der Deutschen in den Mund, diesem selbstmitleidigsten aller Völker, 1939, als der reale Holocaust von ebendiesen Deutschen vorbereitet wurde und Thomas Mann um das Leben seines noch in München feststeckenden Schwiegervaters fürchtete. Toll, nicht wahr?

Wirklich, ich habe auch so ein Ding laufen mit der deutschen Kultur – Brahms, Der Ewige Brunnen, Kohlrouladen, Weihnachtsplätzchen – I love it. Aber nur, weil es aus tausendfältigen Einflüssen zusammengesetzt ist, weil es in die ganze Welt getragen wurde, wenn es in Deutschland nicht mehr gut auszuhalten war, und weil die Größten dieser Kultur immer sichergestellt haben, dass die Patrioten keinen Anspruch darauf haben, nicht einmal auf die Kohlrouladen. Und dass die Patrioten regelmäßig ins Leere greifen, wenn sie es als das Deutsche fassen wollen. Es gibt ein Verständnis vom Deutschsein, das ist so gefasst, dass jeder Versuch, es zu vereinnahmen oder auch nur festzulegen, undeutsch wird. Und an diesem Paradox soll sich der Patriotismus, der sich nur Deutschland verpflichtet fühlt, und nicht der Welt, zu Tode würgen.

Jüngst wurde im Buch Mit Rechten reden eine Definition des Rechten gegeben, die die Feuilletonwelt regelrecht besoffen machte vor Erleichterung: Rechts zu sein sei eine bestimmte Sprechweise, und zwar eine, mit der man glaubt, fertig werden zu können. Die Rechten seien solche, die ihre Setzungen nicht begründeten, die nur reaktiv redeten, um die in der Krise befindliche demokratische Öffentlichkeit zu stören. Wenn man sie nur in eine richtige Auseinandersetzung hole, dann müssten sie nicht mehr rechts sein, sondern man könnte mit ihnen in eine herrliche Partnerschaft treten, sei es im ewigen Streite oder sei es in der gemeinsamen, versöhnenden Rudolf-Borchardt-Lektüre.

Dieser Definition hat ein rechtsradikaler Typ, der sich als heimlicher Adressat geehrt sieht, der Ziegenritter Götz Kubitschek, bereits eine Absage erteilt. (Bei gleichzeitiger Annahme der Einladung, über Rudolf Borchardt eine Verständigung zu versuchen.) Er kann sehr gut ohne die Linken, und auch ohne die Nicht-Rechten, bzw. ohne Sozialisten, ohne Liberale, ohne altmodische Konservative, ohne Humanisten, ohne Katholiken und was es der festen politischen Standpunkte und Überzeugungen mehr gibt. Da sind Kubitschek und wir Gutmenschen uns ausnahmsweise mal einig: Die Rechte in Deutschland hat durchaus etwas Eigenes, nämlich den völkisch-ethnisch-kulturell-politischen Nationalismus. Kubitschek betreibt einen Verlag und ein "Institut für Staatspolitik", um den Diskurs dahin zu bringen, dass fahnenbewehrte Fackelzüge zur Einschüchterung und Bedrohung von Flüchtlingen normal werden – noch ist ihm dies nicht gelungen. Aber der Nationalismus ist nicht sein Privileg, sondern kennt überall seine Vertreter: im System und außerhalb des Systems, im gemäßigten Spektrum und im radikalen Spektrum, und in allen politischen Parteien, wenn auch in der AfD in konzentriertester Form. Leute, die meinen, man könne das Deutsche von der Welt irgendwie trennen, und sei dann auf der sicheren Seite.

Ich habe mal kurz überlegt, wo meine Anschlussmöglichkeiten an das nationale Denken (es ist ein Fühlen!) wären. Da ist die Verantwortungsnation, die hat mich jahrelang beschäftigt, hier wieder ein paar historische Assoziationen: Die Deutschen hatten ja nach 1945 allen Grund, keine Deutschen mehr sein zu wollen. Manche wanderten nach Amerika aus, natürlich am liebsten schon vor 1945, aber sehr gern auch noch danach. Und nach dem großen Desaster wäre es für die Deutschen eigentlich naheliegend gewesen, sich gegenseitig zu zerfleischen in einem großen Bürgerkrieg. Aber nein, das haben sie nicht getan, sondern stattdessen ihrem Nationalismus wieder die Fesseln des Rechts angelegt. Sie haben für die Menschheitskatastrophe, die "das Deutsche" angerichtet hatte, in gewissen Grenzen Verantwortung übernommen, und dazu gehörte auch, den "Volksdeutschen" im Osten die Staatsangehörigkeit zu geben, die Vertriebenen zu integrieren, an der Mauer "nicht auf Deutsche schießen" zu wollen und so weiter und so fort. Ist ja alles löblich. In noch engeren Grenzen half die Verantwortungsnation auch NS-Opfern und sogar Nicht-Deutschen. Natürlich hätte sie sich besser begründen müssen. Sie hätte meine Liebe verdient, wenn sie die Staatsnation des deutschen Reiches 1945 sang- und klanglos hätte untergehen lassen und sich aus freiem Entschluss als Staatsbürgernation neu errichtet hätte. Dass sie das nicht tat, gibt heute den selbst ernannten Reichsbürgern Anlass, sich im Widerstand zu fühlen. Ich glaube nicht mehr, dass man das reparieren kann.