Seit 131 Jahren ist das Problem der Obdachlosigkeit in Berlin ein Dauerthema. 1886 entschlossen sich Berliner Persönlichkeiten wie der Arzt Rudolf Virchow, der Industrielle August Borsig sowie besonders viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde den Asylverein für Obdachlose zu gründen. Mehrere Einrichtungen entstanden. Man durfte dem Verein nicht nur beitreten und Geld spenden, sondern musste anwesend sein und sich einbringen. Virchow sorgte dafür, dass die "Wiesenburg", die modernste und größte Unterkunft des Vereins, eine Desinfektionsstation hatte. Die anderen Gründungsmitglieder sorgten für beheizbares Badewasser, Heizung, Elektrizität, man ließ sich wirklich nicht lumpen. Es gab sogar eine Wäscherei, eine Bibliothek und eine warme Mahlzeit täglich. Im Jahr wurden 400.000 Menschen versorgt, nicht immer waren es Obdachlose, manchmal waren es auch saisonale Erntehelfer oder andere Bedürftige.

Bald wurde das Obdachlosenasyl auch noch um eine Abteilung für Frauen und Kinder erweitert. Die Wiesenburg war mit mehr als 1.100 Betten spektakulär modern und fortschrittlich. Erich Kästner, Rosa Luxemburg, Hans Fallada, Kurt Tucholsky: Intellektuelle und Schriftsteller kamen vorbei, schauten sich die Einrichtung an und sprachen mit den Bewohnern. Noch später drehten Regisseure wie Fassbinder und Schlöndorff in dem Haus, auch in der Blechtrommel sieht man die Anlage. Heute wohnen und arbeiten in der Wiesenburg Künstler. Ins Zentrum der Öffentlichkeit rückte das vergessene Heim, das bis 1976 Obdachlose aufnahm, erst wieder im Jahr 2015. Da wandten sich die Kreativen an die Öffentlichkeit, weil nun sie es waren, die von Verdrängung und Wohnungsverlust bedroht waren.

2015. Nur zur Erinnerung. Das war das Jahr, als es für Flüchtlinge aus Syrien in Berlin keine Schlafplätze gab, weshalb sie teilweise draußen übernachteten. Da, wo schon die Obdachlosen lagen.

Die Wohlfahrtsverbände schätzen die Zahl der Wohnungslosen in Berlin auf 20.000, vielleicht sind es sogar mehr. Ungefähr 6.000 von ihnen leben permanent auf der Straße.    

Das ist Berlin. Alles was einmal entstand, um Armut zu lindern, existiert kaum noch. Die Zahl der Sozialwohnungen, der Hilfseinrichtungen, der Obdachlosenplätze, alles verkauft, abgebaut, gentrifiziert. Berlin war immer eine arme Stadt, mit dem Unterschied, dass man das früher politisch und gesellschaftlich nicht nur zur Kenntnis nahm, sondern auch etwas tat.

Einmal fein essen, dann wieder raus

Auf der Homepage des Berliner Schlosses sieht man, wo das Geld des vermögenden Bürgertums heutzutage landet: Eine Spendenuhr vermeldet überglücklich 73 Millionen Euro, weitere 32 Millionen fehlen, damit auch noch die letzte Türklinke originalgetreu nachgegossen werden kann.

Das einzige Berliner Obdachlosen-Megaevent, ist nicht etwa der Bau eines modernen Asylheims, sondern das Gänseessen zu Weihnachten im Hotel Estrel, das zum 23. Mal in Folge von Frank Zander ("Ich trink auf dein Wohl, Marie!") organisiert wird. 3.000 Bedürftige sind eingeladen, zu Weihnachten warm, nobel und fein essen zu dürfen. Dann müssen sie wieder raus.

Ach so, aktuelle Zahl der Kältenothilfeplätze in Berlin: 550.

Das Versprechen der Berliner Regierungskoalition: Aufstocken auf 1.000 Plätze.

Berlin hat eine mindestens 130-jährige Erfahrung mit Obdachlosigkeit und also müsste man meinen, dass nicht viel Neues dazu erfunden werden muss. Die Bedürftigen schlafen – statt in ehemaligen Obdachlosenunterkünften, von denen einige noch existieren, aber eben nicht als Asylunterkunft – in U-Bahn-Schächten, in den Vorräumen der Banken bei den EC-Automaten oder unter freiem Himmel. Als Berliner Bewohner steigt man, das ist nicht gelogen, über Menschen, die fix und fertig sind, kaputt, krank, verwahrlost, wenn man aus einem Parkhaus zu einem Bahnsteig will oder schnell in den Supermarkt.

Seit einiger Zeit aber überbieten sich Berliner Politiker gegenseitig, indem sie so tun, als sei das Problem brandneu. Der grüne Berlin-Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel ließ mit großem Tamtam und flankiert von Interviews verlauten, dass "50 besonders aggressive" osteuropäische Obdachlose den Tiergarten verdrecken würden. Er forderte Abschiebungen nach Polen.