Nicht jedem, der aus der Stadt fliehen möchte, steht das Landleben offen. Eine Freundin gestand mir kürzlich, dass sie es nicht wage, ins Umland Berlins zu ziehen, weil sie nicht mit täglicher Ausgrenzung leben könne. Sie ist durch ihre Hautfarbe als Andere erkennbar. Dass sie hochgebildet und beruflich erfolgreich ist, ist für die Diskriminierer möglicherweise ein weiterer Kritikpunkt.

Nach der Wahl in Österreich betrachte ich auf der Grafik die blau gefärbten Bezirke mit rechten Mehrheiten und präge mir Gegenden ein, die frei davon sind. Sogar mir, die ich auf dem Land aufgewachsen bin, schlägt in ländlichen Regionen oft Misstrauen entgegen und ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dort zu wohnen. Ich mag die Landschaft, will aber nicht mit Argwohn betrachtet werden.

Sabine Scholl beschäftigt sich in ihren Essays, zum Beispiel in "Nicht ganz dicht" mit transnationalen Prozessen; in literarischen Werken beschreibt sie das Zusammentreffen verschiedener Sprachen und Kulturen. Ihr neuer Roman "Die Gesetze des Dschungels" schildert die Geschichte einer Familie zwischen Österreich, London, Sri Lanka und basiert auf wahren Gegebenheiten. Das Buch erscheint im Frühjahr 2018. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Diese Stimmung, in der fremd bereits eine unbekannte Autonummer sein konnte, wurde mir von klein auf eingeimpft. Aussonderungen waren offenbar immer schon ein beliebter Zeitvertreib. Sie dienen dazu, ein Wir-Gefühl hervorzurufen, das ohne Andere nicht funktioniert. Möglicherweise werden so uneingestandene Triebe und Ängste kanalisiert, weil Ordnung stets geschaffen wird, indem man Andere als nicht-passend erklärt.

In vielen ländlichen Regionen Österreichs haben länger als anderswo katholisches und unreflektiert – weil nicht genug geahndet – fortlebendes Nazi-Denken die Norm gesetzt. Das Ausgrenzen aufgrund geringster Abweichungen ist mir seit daher vertraut. Ungehörig waren ausländisch klingende Akzente; die sexuelle Freizügigkeit kinderreicher Familien; der Verrat, der mit höherer Bildung verbunden wurde; das unpolierte Auto; die Artikulationsprobleme von Behinderten; die Flausen von Aufstieg und Bessersein; klassische Musik; unterlassene Prügel für ungehorsame Kinder; gekaufte Marmelade statt selbst gemachter und so weiter. Mittlerweile ist Aussonderung eine Taktik rechter Parteien und durch ihre Wahlerfolge legitimiert. In einem Klima der Feindschaft dürfen Frustrationen neuerlich auf Sündenböcken abgeladen werden. Aktuell sind das die Flüchtlinge, da sie die bedrohliche Seite der Globalisierung verkörpern.

Für die Rechten haben in Österreich vor allem männliche Erstwähler gestimmt. Jene, die entweder keinen Zugang zur Bildung finden oder ihn nicht wollen. Weil sie meinen, sich nicht anstrengen zu müssen in einem komplexen Weltzusammenhang, da sie ohnehin per Zufall über eine wertvolle Essenz verfügen: nämlich einheimisch und weiß zu sein. Damit wären alle sozialen und ökonomischen Probleme auf einen Schlag gelöst. Sogar der defekteste Weiße ist demnach mehr wert als der Gebildete anderer Herkunft. Mit dem Trick einer Ethnisierung von sozialen Problemen wird der Rückzug auf das Unser, das Kontrolle verheißt, zum Heilsversprechen.

Natürlich sollte in strukturschwache Regionen mehr investiert werden und das ist tatsächlich ein Versäumnis bisheriger Regierungen. Doch selbst wenn globale Vorgänge gestoppt würden, wären ländliche Gebiete nicht automatisch bessergestellt. Aber eine Politik der Feindschaft bringt eben Stimmen und Macht.

Wer das Wahlprogramm der Freiheitlichen Partei liest, kann feststellen, dass im Grunde allen alles Erdenkliche zugesichert wird. Die Programmpunkte sind Beschwörungen, in denen möglichst oft die Zauberworte Wir und Unser gesetzt werden, um das Gruppengefühl zu fördern. Die antidemokratischen Absichten ihrer Vertreter, die sie in Reden und in hetzerischen Facebook-Foren herausschreien, sind auf der Website der Freiheitlichen sorgfältig verhüllt. Und wie genau die totale Umstrukturierung zur Zufriedenheit aller durchgeführt würde, wird nirgends erklärt.