Mein Name ist Iza. Ich bin Polin und 31 Jahre alt. Ich wohne in Warschau und bin aufgewachsen in einem linksalternativen Milieu. Meine Freunde aus dem Westen fragen mich in letzter Zeit immer häufiger, was mit meinem Land passiert. Sie sind erstaunt über die vielen Proteste im Zentrum von Warschau, die Auseinandersetzungen auf den Straßen meiner Stadt und die rechte Gewalt. Sie fragen mich, warum sich Polen so radikalisiert hat, wie es weitergehen soll und ob meine Stadt im Jahr 2017 ungefähr dort steht, wo Berlin im Jahr 1931 stand – also kurz vor der Machtergreifung der Nazis.

Ich kann meine Freunde beruhigen, so weit ist es noch nicht. Die Situation in Polen erinnert mich eher an Weißrussland vor zwanzig Jahren, als der Diktator Alexander Lukaschenko den europäischen Kurs verließ und der Westen hilflos dabei zuschaute.

Dass Polen einen gewaltigen Rechtsruck erlebt, will ich nicht verschweigen. Das hat die Öffentlichkeit spätens am 11. November bei Demonstrationen am polnischen Unabhängigkeitstag in Warschau bemerkt, als rechte Horden durch die Stadt marodierten, Bengalos abfeuerten, nationalistische Parolen schrien und Gegendemonstranten attackierten. Allerdings waren die Proteste und Gegenproteste von Splittergruppen organisiert, die nur einen kleinen Teil der Gesellschaft abbilden. Sie sind extreme Ränder. Dennoch zeigen die Ausschreitungen, wie sehr unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Der Ballon der Widersprüche wächst. Und er droht zu platzen. Ich möchte erzählen, wie es dazu kam.

Der Anfang der Spaltung

Heute ist es fast acht Jahre her, dass die Flugzeugkatastrophe von Smolensk geschah – die größte Zäsur in der Geschichte unserer noch jungen Demokratie. Zudem ist es mehr als zwei Jahre her, dass die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Jarosław Kaczyński die absolute Mehrheit bei den Parlamentswahlen gewann. Beide Ereignisse sind eng miteinander verzahnt.

Ein Land, das 25 Jahre lang einen proeuropäischen Kurs verfolgte, hat heute eine Regierung, deren Abgeordnete in Parlamentsdebatten über genmanipulierte Organismen panisch aufspringen und aus Protest religiöse Lieder anstimmen. Wie konnte es so weit kommen? Wann ist Polen, ein Land mit prowestlichen Ambitionen, zu einer Theokratie geworden, in der die obersten Köpfe radikalen Katholiken gehorchen? In der sie ihre politischen Gegner als Diebe und Kommunisten beschimpfen? Empfehlungen des europäischen Tribunals für Menschenrechte missachten? Wann ist die Kirche so mächtig geworden? Wann sind radikale Nationalisten und Neofaschisten zu Stichwortgebern der Regierung aufgestiegen?

Aus heutiger Sicht kann man den Beginn dieser radikalen Revolution genau datieren: Es handelt sich um den 10. April 2010. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag. Ich lebte damals zehn Gehminuten vom polnischen Präsidentenpalast entfernt. Um 10 Uhr morgens hat mich mein damaliger Freund geweckt. Er hat sehr laut mit seiner Mutter telefoniert. Ich hörte im Halbschlaf nur einige Wortfetzen:

"Abgestürzt? – Wirklich? Sie leben nicht mehr? Alle tot?"

Dann kam er zu mir: "Iza, Iza! Wach auf! Im russischen Katyn ist ein polnisches Flugzeug abgestürzt, mit dem ganzen polnischen Kabinett an Bord. Niemand hat überlebt. Ministerpräsident Tusk, Staatspräsident Lech Kaczyński – sie alle sind tot!"    

Überall Blumen und Kerzen und Kreuze

Sofort griff ich zum Telefon, sah eine SMS von einer Freundin, die bekannt ist für ihre derben Späße. Auf dem Display stand: "Steh auf! Die Russen haben unseren Präsidenten ermordet!" Es war nur eine dumme Behauptung, ein schlechter Scherz. Doch im Verlauf weniger Jahre ist dieser Scherz für viele Polen zu einer Tatsache geworden, zu einer unhinterfragbaren Wahrheit, an die viele Teile der Gesellschaft glauben, obwohl alle wissenschaftlichen Beweise für einen tragischen Unfall sprechen.  

Ich schaltete das Radio ein, schaute ins Internet. In den ersten Stunden nach dem Unglück herrschte Informationschaos. Die Medien ließen uns im Glauben, dass in dem Flugzeug die wichtigsten Würdenträger der polnischen Regierung umgekommen seien. Erst nach einer Weile stellte sich heraus, dass zwar unser Staatsoberhaupt Lech Kaczyński ums Leben gekommen war, doch dass der Ministerpräsident und Vorsitzende der Bürgerplattform, Donald Tusk, in einem anderen Flugzeug gesessen und daher überlebt hatte. Dann kamen die nächsten Nachrichten. Es hieß: "Die Menschen versammeln sich vor dem Präsidentenpalast. Sie bringen Blumen und Kerzen mit. Aus den Augen der Menschen fließen Tränen. Massen stehen vor dem Palast."

Wir haben uns angezogen und schauten uns die Versammlung an. Wir trafen viele Bekannte, viele junge Menschen. Es war ein ungewöhnlicher Moment: Niemand meiner Altersgenossen aus dem linksliberalen Milieu wäre einem Aufruf zu einer nationalen Trauerveranstaltung gefolgt. Aber an diesem Tag war alles anders. Die ganze Nation stand unter Schock. Trotzdem muss ich mich rückblickend ein wenig schämen: Ich fühlte mich amüsiert angesichts der pathetischen Opferkundgebungen, die sich vor dem Palast formierten. Ich dachte sofort, dass die Katastrophe durch ein altes Flugzeug verursacht wurde, durch das schlechte Wetter beim Landeanflug und vielleicht durch einige Passagiere, die ihren Mund nicht halten konnten und die Piloten dazu drängten, trotz der Wetterwarnung und des starken Nebels auf dem schlecht ausgestatteten Flughafen von Smolensk zu landen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Russen Schuld an dem Absturz hatten, wie es einige Demonstranten vor dem Palast immer dringlicher behaupteten.

Mit dieser Ahnung war ich nicht allein. Viele meiner Freunde lachten leise über die panischen Reaktionen nach der Katastrophe. Wir wussten damals noch nicht, dass die Frage nach dem Grund des Absturzes jene Zäsur war, die das polnische Volk zerteilte.