Die zentrale Botschaft des viel diskutierten Essays Mit Rechten reden von Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn steht im Titel: Statt Rechte reflexhaft vom Gespräch auszuschließen, könnte es förderlicher sein, mit ihnen zu diskutieren – und zwar, wie es im Schlusswort des Buches heißt, "auf zivilisierte Weise". Die Strategie der Autoren ist reflexiv: Zwar machen sie sich keine Illusionen, Rechtsradikale mit Argumenten von der Falschheit rechter Positionen überzeugen zu können. Aber sie empfehlen, den Rechten die Gelegenheit zu geben, sich selbst zu desavouieren: Indem man ihnen "ein paar unbequeme Fragen" stelle, überlasse man es ihnen selbst, "ob sie sich lächerlich machen wollen". Der Diskurs, das ist die Annahme, wird die Widersprüchlichkeit rechten Denkens ans Licht bringen. Wer schlechte Argumente hat und auf scharfe Fragen keine begründeten Antworten geben kann, dem wird hinterher keiner mehr glauben.

Wie schwierig es ist, dieses Kalkül in kommunikative Praxis umzusetzen, lässt sich gerade ganz mustergültig in einem Feld beobachten, in dem der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" eigentlich seine Heimat hat: in der Universität. Das Hannah Arendt Center am Bard College in New York richtet jedes Jahr im Herbst eine Konferenz zu großen Fragen der Zeit aus. Dieses Jahr ging es, wenig überraschend, um "Die Krisen der Demokratie". Roger Berkowitz, Professor für Politikwissenschaft und Leiter des Hannah Arendt Center, tat, was Leo und Co. nahelegen: Er startete einen transatlantischen Versuch, mit Rechten zu reden und lud Marc Jongen ein, den Sloterdijk-Schüler und Philosophiedozenten aus Karlsruhe, der oft als Hausphilosoph jener AfD tituliert wird, für die er nun im Bundestag sitzt. Wo könnte man ihm unbefangener unbequeme Fragen stellen als auf einer akademischen Tagung?

Der Hausphilosoph der AfD auf einer New Yorker Tagung

Jongen kam und lieferte. Sein Vortrag "Muss Demokratie populistischer sein?" (Antwort: ja) bestand aus einer Reihe von Thesen: Deutschland sei keine Demokratie, sondern eine Diktatur mit liberalem Antlitz, weshalb sich das Volk von den Eliten ab- und der AfD zugewandt habe. Denn die AfD repräsentiere es wirklich, dieses Volk, Populismus sei die eigentliche Demokratie – schließlich bedeute populus genau wie demos "Volk". Und weil sich dieses Volk "teilweise durch genetische und teilweise kulturelle Zugehörigkeit" definiere, könne man vor allem die muslimischen Flüchtlinge nicht integrieren. Zwar sei auch er dagegen, Nationen auf den Begriff der Rasse zu bauen, sagte Jongen, aber man solle "das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", jede Nation brauche ein starkes Wir, das "in einem gemeinsamen Boden verwurzelt ist und durch eine gemeinsame Geschichte geeint" – freilich nicht durch die Nazizeit, wie er wiederholt versicherte: Die "Gespenster Hitlers" solle man endlich hinter sich lassen.

Reaktionen aus der akademischen Welt ließen nicht lange auf sich warten: Ein offener Brief, unterzeichnet von mehr als fünfzig Wissenschaftlern, darunter akademische Stars wie Judith Butler, Étienne Balibar und Axel Honneth, nannte Jongens Einladung einen schwerwiegenden Fehler, der es dem "Parteiphilosophen" der AfD erlaubt habe, das Prestige des Arendt Center für seine eigene Agenda zu missbrauchen. Besonders geschmacklos sei die Einladung nicht zuletzt deshalb gewesen, weil Arendt selbst von den Nationalsozialisten verfolgt worden war. Berkowitz hätte wissen müssen, dass "Jongen die fremdenfeindlichen Aussagen wiederholt, die die AfD in Deutschland zu einem so gefährlichen Phänomen machen". Stattdessen habe das Arendt Center ihn noch zusätzlich hofiert, indem es seinem Wunsch, weder Hitler noch die Nazis zu erwähnen, bereitwillig nachkam.

Offener Protest von Judith Butler und anderen

Mehrmals hat Berkowitz inzwischen zu diesen Vorwürfen Stellung genommen, seine erste Selbstrechtfertigung erschien sogar noch vor dem offenen Protestbrief. Berkowitz verteidigt seine Haltung immer auch im Rückgriff auf die Namensgeberin des Zentrums: Hannah Arendt habe ihr Leben lang versucht, das Böse zu begreifen und sei keiner Kontroverse aus dem Weg gegangen. Deshalb sei ihm, Berkowitz, nun auch nicht bange vor der "Tyrannei des intellektuellen Mobs"mit dieser bemerkenswerten Formulierung meint er wohlgemerkt nicht den Rechten Jongen, sondern die aus dem linken Lager stammenden Unterzeichner des Protestbriefs. Für Berkowitz ist völlig klar, dass die Einladung Jongens keinerlei Unterstützung der AfD oder des rechten Denkens beinhaltete. Ganz im Gegenteil habe er durch die Einladung eines rechten Denkers "einen Raum für die kritische Auseinandersetzung mit diesen Ideen" geöffnet. Wir wollen nur reden, ist Berkowitz' liberale Position. Zu reden bedeutet immer schon mehr als nur trocken Argumente auszutauschen, meinen seine Widersacher.

Wer mit Rechten nicht reden will, ist selbst ein linker Totalitärer?

Am unbefriedigendsten an dieser Auseinandersetzung ist sicher, wie sich kritische Geister in einem fruchtlosen Streit darüber ergehen, wer das Denken Hannah Arendts am korrektesten auslegt. Berkowitz nimmt dabei den Ruf der Philosophin als furchtlose Verfechterin der Wahrheit für sich in Anspruch. Auch im Skandal um ihr Buch über den Eichmann-Prozess – sie hatte unter anderem den Judenräten eine zu große Kooperationsbereitschaft mit den Organisatoren des Holocaust vorgeworfen – hatte Arendt nicht eingelenkt.

Dabei kann Furchtlosigkeit manchmal auch ein Zeichen von Uneinsichtigkeit,  Prinzipienreiterei oder mangelnder Sensibilität sein; Hans Blumenberg nannte das Arendts "Rigorismus". Der Literaturwissenschaftler Erich Heller bemerkte einmal spitz, Arendt habe ihre intellektuelle Brillanz gelegentlich in den Dienst eines Fehlurteils gestellt, "und wenn das geschah, dann hatte sie niemals einfach nur Unrecht, sie explodierte förmlich in den Irrtum hinein, wobei vor Wut die Fetzen flogen."

Dass Berkowitz die Autoren des offenen Briefes nun sehr drastisch als "intellektuellen Mob" bezeichnet, mag Ausdruck einer solchen Wut sein. Die Umkehrung der Vorzeichen ist spektakulär, denn natürlich weiß Berkowitz, dass es für Arendt der "Mob" war, der sich mit der "Elite" verbündete und so den Nazis zum Aufstieg verhalf. Leon Botstein, Präsident des Bard College, dem noch Arendt selbst zu seinem Job verhalf, schlug in dieselbe Kerbe und sah in dem Protestbrief gegen Berkowitz eine "Familienähnlichkeit zu den öffentlichen Anklagen der Sowjetzeit".

Man könnte es so formulieren: Den Kritikern, die angeblich die "Nazikeule" schwingen, um Leute wie Jongen aus dem Diskurs fernzuhalten, halten Berkowitz und Botstein eine "Totalitarismuskeule" entgegen. Wer mit Rechten nicht reden will, ist in dieser Logik selbst ein (linker) Totalitärer. Doch damit verstricken die beiden sich in Widersprüche: Wenn Jongens Auftritt ein legitimer Debattenbeitrag sein soll, warum dann kein offener Brief? Dass Arendt nicht nur den Mob-Begriff nicht für den öffentlichen Diskurs verwendet wissen wollte, sondern selbst eifrige Unterzeichnerin von offenen Briefen war, hat zwischendurch der Politikwissenschaftler Corey Robin auf Facebook genüsslich kundgetan und wurde in der Zeitschrift The Baffler genauer erläutert.

Kommunikation besteht nicht nur aus Argumenten

Alles spricht dafür, dass es ein aufrichtiges Fehlurteil war, Jongen einzuladen. Berkowitz ist wirklich der gute Liberale nach Leos, Steinbeis’ und Zorns Muster, der daran glaubt, mit allen zivilisiert reden zu können. Aber gerade weil er an die wahrheitsfindende Kraft des Diskurses glaubte, fiel er auf Jongens Strategie herein. Intellektuellen Diskurs gibt es nie in Reinform, deshalb ist es wichtig, sensibel für die Faktoren zu sein, die ihn verhindern und verzerren.

Ein solcher Faktor ist die Realität von Öffentlichkeit im Zeitalter des Digitalen. Die Debatte, die im Anschluss an Jongens Vortrag stattfand, habe diesen doch effektiv widerlegt, argumentiert Berkowitz. Keiner der Unterzeichner des offenen Briefs sei auf der Konferenz gewesen, und kein Konferenzteilnehmer habe das Bedürfnis verspürt, später den Brief zu unterschreiben. Schaut man sich Jongens Redebeitrag im noch abrufbaren Livestream an, dann kann man sich tatsächlich denken, er habe sich lächerlich gemacht. Dabei ist Jongens Auftreten ungemein freundlich, er spricht in einem sanften Singsang und macht selbstironische Witze über sein Englisch, liefert also das glatte Gegenteil von Björn Höckes Faschingsgoebbels. Etwas Anderes ist es aber, das Ganze in Text gegossen, mit dem Logo des Arendt Center versehen und per Twitter in die Welt gepustet zu sehen. So beklagt der offene Brief zu Recht, dass das Arendt Center Jongens Aussagen, die Masseneinwanderung sei ein "Akt der Gewalt" gewesen, unkommentiert auf ihrem Twitter-Account verbreitete und damit institutionell legitimierte.

Die mediale Öffentlichkeit ist keine Agora

Berkowitz und das Center haben schlicht vergessen, dass das Publikum einer solchen Tagung nicht nur aus dem Auditorium des Bard College besteht, als sei es der Marktplatz von Athen. Einer solchen idealisierten Vorstellung von Öffentlichkeit als griechischer Agora hatte auch Hannah Arendt nachgehangen: eine Diskursarena, in der sich Freie und Gleiche im Wettstreit der Worte und in Präsenz ihrer ganzen Person miteinander messen, damit sie von den physisch Anwesenden beurteilt werden. Nicht umsonst stand Arendt den liberalen Formen politischer Repräsentation und Vermittlung so misstrauisch gegenüber, dass sie am liebsten die Erschaffung einer Rätedemokratie gesehen hätte. 

Unsere mediale Öffentlichkeit ist allerdings weder nach dem Vorbild der Agora noch nach dem der Sowjets strukturiert. In der tatsächlichen Internetkommunikation treten Sprechende gerade nicht als ganze Persönlichkeiten auf, die durch den zivilisierten Verweis auf ihre Selbstwidersprüche demontiert werden könnten. Ihre Rede existiert vielmehr in Form von Fragmenten und frei flottierenden Sprachfetzen, die für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Jongen verlinkte denn auch erwartbarerweise auf Facebook zum Event und nannte es einen Erfolg – "für die politische Debattenkultur und für unsere Sache". Aber gerade das stimmt ja nicht: Es war nur ein politischer Erfolg für Jongen selbst und für die AfD, aber keiner für die akademische Debatte.

Rechte diskutieren nicht inhaltlich, sie wollen Hegemonie

Der zweite Faktor, den Berkowitz übersah, ist, dass im Diskurs nicht jeder Sprecher dieselbe Rolle spielt und sich denselben Ansprüchen unterwirft. Niemand kann Jongen vorwerfen, als Wissenschaftler auch Politiker zu sein und umgekehrt. Er selbst bezeichnete sich auf der Konferenz, wie schon öfter, als "Amphibie" zwischen diesen Sphären. Berkowitz aber schrieb, er habe Jongen dezidiert "als Philosophen" eingeladen, weil er sich "an der intellektuellen Anstrengung beteiligen kann, die gegenwärtigen Krisen liberaler Demokratien zu verstehen". 

Erhofft hatte er sich wohl, Jongen würde seine esoterische thymos-Theorie erläutern, die den Zorn als eine treibende kulturelle Kraft beschreibt. Wer sich jedoch die Mühe macht, Jongens Rede anzuschauen, der erfährt über diese Themen gar nichts. Es wird kein rationales Argument ausgebreitet, das einer Gesellschaftsanalyse dienlich wäre; Jongens Vortrag besteht allein aus politisch-agitatorischen Behauptungen, die sich in ähnlicher Form im Parteiprogramm der AfD wiederfinden. Jongen nahm die akademische Einladung freudig an, um eine Bierzeltrede zu halten – und konnte den gesamten Vorgang bequem als eine Legitimation der rechtsnationalen Sache verkaufen. Wissenschaftlich war er nicht satisfaktionsfähig, politisch aber hocheffektiv.

Ob die Rede der Rechten strategisch erfolgreich ist, hängt also zunächst einmal nicht davon ab, ob sie sich inhaltlich widerlegen lässt oder in bestimmten Kreisen als "lächerlich" bloßgestellt wird. Folglich kann das Reden mit Rechten auch nicht die politische Lösung sein, als die Leo, Steinbeis und Zorn sie verkaufen. Wer Rechten argumentative Fehler nachweist, macht sie noch nicht ungefährlicher oder weniger attraktiv für ihre Klientel. Man sah das gut in der anschließenden Diskussion. Dort wurde, wie es Mit Rechten reden fordert, Jongen nach Gründen befragt, konnte aber nur seine Plattitüden wiederholen. Er entschied sich dafür, sich lächerlich zu machen – aber doch nur lächerlich auf der Ebene des logischen, regelfolgenden Diskurses von Rede und Gegenrede. Politisch, und darum geht es, wurde er keineswegs "entzaubert". Er konnte an einer respektablen Institution einen Vortrag halten, der ihm nach außen hin Diskurswürdigkeit bescheinigte.

Es kommt auf den Kontext an

Keinen Blick für die Umstände des Gesprächs zu haben, fest zu glauben, man könne die Rechte in einer diskursiven Umarmung kaltstellen, ist politisch naiv. Selbst, wenn man sie logisch überführt und argumentativ lächerlich macht, geben sie deswegen nicht auf oder verlieren an Anziehungskraft. Denn mehr als zu sagen: "Ihr widersprecht euch selbst!", kann Mit Rechten reden nicht. Das mag akademisch korrekt sein, hat aber keine politischen Konsequenzen. Genau aus diesem Grund hat die Nouvelle Droite ja auch keine rechten Diskursethiker, sondern rechte Gramsci-Leser hervorgebracht: Sie will nicht logische Debatten gewinnen, sondern kulturelle Hegemonie erlangen. Ihr Ziel besteht darin, so lange die eigene Debattenfähigkeit zu markieren, bis ihre Parolen – verbreitet durch liberalen Institutionen – an aller Logik vorbei in die Sprache und das Denken der Mitte vorgedrungen sind. Dabei hat das Arendt Center in dieser Episode mitgeholfen.

Die Ignoranz der verschiedenen Öffentlichkeiten und Rollen, in denen Rechte agieren, zeigt, wie hilflos die guten Liberalen Berkowitz, Leo und Co. in dieser Auseinandersetzung dastehen. Ironischerweise gehen gerade ihnen die Eigenschaften ab, die ihre Lieblingsgegner aus den verschiedenen identitätspolitischen Lagern auszeichnen: eine Sensibilität für Machtstrukturen, politische Unterströmungen und sprachliche Rollenbildung. Ohne diese Sensibilität läuft man Gefahr, sich in einem stumpfen "Legalismus" zu verirren, wie das die Philosophin Judith Shklar einmal genannt hat. Man vertraut blind darauf, dass es von Politik unbeeinflusste Regeln gebe – etwa die Regeln eines "zivilisierten" Diskurses.

Nach Shklar muss man sich der ständigen Gegenwart des Politischen auch dort bewusst sein, wo vermeintlich nur die Logik des Arguments vorherrscht. Das heißt nicht, dass man nie mit Rechten reden sollte, aber man muss sich sehr genau überlegen, wo man es tut, unter welchen Umständen und mit welchen symbolischen Konsequenzen.